Von Sven Becker und Merle Schmalenbach
Wie ein typischer NPD-Wahlkämpfer hört sich Johann Thießen nicht gerade an. Das Wort "deutsch" spricht er aus wie "doitsch", er sagt "ubberzeugen" statt "überzeugen", und wenn er das "r" rollt, klingt es eher nach Taiga als nach Frankenwald.
Thießen kam als gebürtiger Russlanddeutscher in die Bundesrepublik. Die Frage nach dem Wann bleibt unbeantwortet. Persönliche Daten gibt die NPD nicht bekannt. Jetzt steht er unter einem rotweißen NPD-Schirm in der Fußgängerzone von Düren. Er trägt eine rote Partei-Jacke, vor ihm hängen Plakate mit der Aufschrift "Heimreise statt Einreise". Bei der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen trat der 1956 geborene Lagerarbeiter als parteiloser Kandidat für die Rechtsextremen in Düren an.
NPD-Chef Udo Voigt hat sich an seine Seite gestellt, ein Helfer drückt Thießen ein Mikrofon in die Hand. "Die CDU hat nicht nur das deutsche Volk, sondern auch uns Russlanddeutsche verraten", ruft er in die Fußgängerzone. "Geben wir den Nationalen eine Chance".
Wie in Düren versucht die NPD derzeit vielerorts in der Republik, den Unionsparteien deutschstämmige Wähler aus der früheren Sowjetunion abspenstig zu machen. Seit Wochen verteilt die Partei in den Aussiedlerhochburgen des Landes Flugblätter an die "Volksgeschwister" aus dem früheren Ostblock.
Bereits im Februar vergangenen Jahres hat die Partei einen Arbeitskreis "Russlanddeutsche in der NPD" eingerichtet. Wenige Monate später zogen Aussiedler und Nationalisten vor den Düsseldorfer Landtag und protestierten gegen ein Schulbuch, das angeblich die Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion falsch darstellt. "Die Russlanddeutschen könnten schon einige Prozentpunkte bringen", hofft Frank Schwerdt, der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD.
Neigung zu nationalem Gedankengut
Der Parteifunktionär kann sich auf die Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlern stützen, die bei Aussiedlern oft eine Neigung zu nationalem Gedankengut festgestellt haben. "In der Mehrheit sind Aussiedler dem konservativ-rechten Wählerspektrum zuzurechnen," sagt Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf. "Viele berufen sich auf das völkische Abstammungsprinzip." Für Aufsehen sorgte vor wenigen Wochen auch der Fall eines russlanddeutschen NPD-Anhängers, der in einem Dresdener Gerichtssaal eine Ägypterin niederstach.
Kein Wunder, dass die NPD eine politische Chance wittert. Rund 4,5 Millionen Aussiedler zogen seit 1950 nach Deutschland und erhielten auf der Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes deutsche Pässe. Etwa 2,6 Millionen Aussiedler sind bei der Bundestagswahl wahlberechtigt - so viel wie Brandenburg Einwohner hat.
Noch in den neunziger Jahren waren die Einwanderer aus dem Osten ein verlässliches Stimmenreservoir für die Union. Allein zwischen 1987 und 1990 hatte die Regierung Kohl über eine Million Aussiedler ins Land geholt. Zum Dank machten die Neubürger ihr Kreuz jahrelang bei CDU und CSU.
Doch Mitte der neunziger Jahre löste der Einwandererstrom bei vielen Unionspolitikern Unbehagen aus. "Wir können nicht jeden Aussiedler, der mit einem deutschen Schäferhund aus Kasachstan kommt, aus der Rentenkasse bedienen", echauffierte sich Ex-Sozialminister Norbert Blüm (CDU). So begrenzte die Regierung den Zuzug durch bürokratische Hürden und erschwerte den Neustart in der Bundesrepublik. Russische Berufsabschlüsse werden oft nicht anerkannt, die Einreise von Familienangehörigen hat sich erschwert.
Mangelnde Integration innerhalb der Partei
Zudem versäumte es die Union, russlanddeutsche Politiker aufzubauen. Bis heute hat es kein einziger bekannter Aussiedler der C-Parteien in den Bundestag geschafft. Auch für die Wahl am 27. September reicht es höchstens für aussichtslose Listenplätze, wie beim Regensburger CSU-Politiker Arthur Bechert, der auf Platz 55 der Landesliste abgeschoben wurde.
"Die Union hat es versäumt, die Aussiedler zu integrieren", räumt selbst der CDU-Politiker und Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner, ein. Im Zweifel sei vielen Parteifreunden die eigene Karriere wichtiger als die Integration von Minderheiten. "Wer will schon seinen sicheren Listenplatz für einen Aussiedler aufgeben?", fragt Bergner.
Entsprechend schwächer wurden die Bindungen an CDU und CSU. Früher hätten bis zu 80 Prozent der Russlanddeutschen CDU/CSU gewählt, erklärt Andreas Wüst, Politikwissenschaftler an der Universität Mannheim. Heute sei die Zustimmung deutlich gesunken, bei Aussiedlern aus dem gesamten Ostblock auf 40 Prozent.
Die übrigen demokratischen Parteien können die Lücke nicht füllen. Zwar trifft sich SPD-Parteichef Franz Müntefering neuerdings demonstrativ mit Aussiedler-Vertretern, und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gibt Interviews in Vertriebenen-Zeitungen. Doch die Werbeaktion scheint wenig aussichtsreich. "Viele Russlanddeutsche haben aufgrund ihrer Erfahrungen in der Sowjetunion eine grundsätzliche Abneigung gegen alles Sozialistische", sagt Politikwissenschaftler Wüst. Bei jüngsten Umfragen gaben nicht mehr als 17 Prozent der Aussiedler an, für die SPD stimmen zu wollen.
Vertreter der Aussiedler-Verbände hoffen, dass die Schwäche der Volksparteien nicht der NPD nutzen wird. "Noch vor Jahren wurden wir von Rechtsradikalen verfolgt", sagt Adolf Fetsch, Vorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. "Jetzt will die NPD Menschen ködern, die zu großen Teilen noch von einem nationalen Gefühl geprägt sind."
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Mal noch zwei Unterschiede: 1. Die Anteile in % an der Gesamtbevölkerung sind an den von Ihnen genannten Orten wesentlich geringer, als umgekehrt in D. 2. Die von Ihnen genannten Deutschen leben vermutlich zu 99,99% von [...] mehr...
Man muss den Feind studieren, um ihn zu kennen. Und am besten studiert man ihn, wenn er sich zeigt (zB als ewig-gestrigen-Partei). Im Untergrund mit Guerilla-Taktik - daran scheitert der demokratische Rechtsstaat, dann gehen wir [...] mehr...
Es sind keine ethnischen Ghettos, by the way, sondern Armutsghettos. Man sollte nicht die deutsch-Deutschen unter den Tisch fallen lassen, die auch in den entsprechenden Vierteln (über-)leben müssen. Es war immer schon eine [...] mehr...
Was machen Deutsche, die ins Ausland emigrieren? Sie bleiben unter sich, eröffnen einen Biergarten, gründen einen Fastnachtsverein, kaufen Sauerkraut und Würstchen bei "ihrem" Laden ein und ziehen Jägerzäune um ihre [...] mehr...
...ich denke, das war ein Mißverständnis. Ich hatte es tatsächlich nicht herablassend gemeint und ich finde es gut, daß Sie sich zu dem Thema nochmal gemeldet haben. Hätte wohl nicht jeder getan. Bin Ihrem Hinweis gefolgt und [...] mehr...
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