Von Claus Christian Malzahn
Noch vor kurzer Zeit wünschten sich viele Deutsche einen Obama in der Bundesrepublik - wenn möglich sollte der freilich nicht aus einer Migrantenfamilie kommen. Hm. Die Deutschen fahren ja auch am liebsten im Stau ins Grüne und finden nichts dabei. Die Deutschen wünschten sich also einen charismatischen Politiker, dem man gerne glaubt, was er sagt, der gut aussieht, dem man vertraut. Günther Jauch vielleicht? Gäbe es einen Obama-Meter, dann schlüge der hierzulande vermutlich beim Herrn von und zu Guttenberg aus, wobei der ja nun wirklich nicht von Einwanderern abstammt. Aber das ist hierzulande ja offenbar immer noch ein Vorteil.
Dann hätten wir noch Cem Özdemir, der gerade mit aller Kraft versucht, ein Direktmandat in Stuttgart zu bekommen. Auch da schlägt das Obama-Meter an, nicht nur der türkischen Herkunft wegen, vor allem, weil er stets sympathisch rüberkommt. Nur in seiner Partei hat der Mann immer wieder Probleme. "Dschemm" pendelt zurzeit zwischen seinem Wahlkreis in Stuttgart, seiner Familie in Kreuzberg und dem Rest der Republik hin und her. Der Parteichef der Grünen tut das, weil ihm seine Partei keinen sicheren Listenplatz zur Bundestagswahl geben wollte. Denn die Grünen als politischer Haufen wollten schon immer charismatischer seine als ihre Anführer. So viel zum Obama-Faktor in dieser Partei.
Der Wunsch nach einem deutschen Obama wird schwächer
Westerwelle? Der muss, mit Verlaub, sein Englisch noch etwas polieren, wenn er als Außenminister Pressekonferenzen bestehen will. Und Steinmeier? Wer um Gottes Willen hat denn dieses Steini-Girl-Video verbrochen? Bitte mit sofortigem Parteiausschluss ahnden! Oder kommt das ganz hinterlistig aus dem Adenauer-Haus? Die SPD-Pressestelle jedenfalls betont, mit dem Streifen "nichts zu tun zu haben"
Gysi und Lafontaine? Das mit den Versprechen und dem Charisma können die schon ganz gut. Aber so lang wie Obama sind die selten im Amt. Gysi schmiss in Berlin als Senator hin, Lafontaine als Minister in Bonn. Da sinkt das Obama-Meter nach unten.
Andererseits fällt auf, dass der Wunsch nach einem deutschen Obama in den vergangenen Wochen und Monaten nicht mehr so inbrünstig vorgetragen wird wie noch vor einem Jahr in der Hochphase des US-Wahlkampfes oder nach der Amtseinführung im Januar, als der Ausbruch des Weltfriedens kurz bevor stand. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass der amerikanische Präsident bisher zwar mehr als 120 Reden gehalten hat - aber keine politischen Ergebnisse vorweisen kann.
Die Gesundheitsreform hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve, die Nahostpolitik Obamas ergötzt sich - siehe New York - in billigen Fototerminen - und in Afghanistan hat neuerdings das US-Militär die politische Initiative übernommen, weil aus dem Weißen Haus keine klaren Direktiven kommen. Diese Hilflosigkeit spürt man noch am Brandenburger Tor, deswegen sind die euphorischen "Wir brauchen endlich einen deutschen Obama"-Rufe im Regierungs- und Parlamentsviertel seltener geworden - trotz klarer Verbesserung der transatlantischen Stimmung.
Stillstand im Bund, Bewegung in den Ländern
Schwarz-Gelb führt immer noch in den Umfragen, trotz Steinmeiers Aufholjagd. Das ist nicht die einzige Parallele zum Wahlkampf 2005. Auch damals haben Grüne und FDP eine Ampel oder Schwampel kategorisch ausgeschlossen. Eine Zeit lang sah es dann so aus, als würden beide Parteien die Sperrriegel lockern und sich aufeinander zu bewegen. Nun haben wir wieder das gleiche Dilemma. Das sind verlorene Jahre für die Republik. Alle Akteure wissen, dass die Epoche komfortabler Zweierkoalitionen nicht wiederkommt - bis auf die Möglichkeit von Großen Koalitionen, die ja auch immer kleiner werden.
Vielleicht bewegt sich wenigstens in den Ländern etwas. Im Saarland werden die Grünen von der CDU im Moment geradezu mit "Wünsch dir was"-Angeboten überhäuft. Falls sie sich dort trotzdem für Rot-Rot-Grün entscheiden würden, kämen sie geradezu in Erklärungsnot, weil Peter Müller ihnen nichts abschlagen würde. Selbst eine mit Sonnenblumen markierte Landesgrenze wäre offenbar verhandelbar. Das klingt alles ein bisschen nach "Kir Royal", wo Mario Adorf als Großindustrieller den Klatschreporter Baby Schimmerlos bestechen will: "Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Jeld!"
Schwarz-Gelb nur mit Überhangmandaten? So what? In der Bundestagswahlnacht 1998 hatten wir bis kurz vor Mitternacht eine Große Koalition. Ich kann mich gut erinnern, wie Joschka Fischer gegen 22 Uhr am Wahlabend ins Bonner SPIEGEL-Büro zu einem vorab verabredeten Interview erschien. Der Kollege Hajo Schumacher und ich wollten ihn zur rot-grünen Koalition befragen. SPD und Grüne hatten zwar eine knappe Mehrheit, aber Fischer und Schröder wollten eine Koalition wegen einiger unberechenbarer Kantonisten in der Grünen-Fraktion nicht riskieren. Fischer sagte also nichts. Gar nichts. Und wir starrten verzweifelt auf eine leere Druckseite im Sonderheft.
Zwei Stunden später, nach der Auszählung der Überhangmandate, war die Sache dann klar. An Fischers Stelle interviewten wir Trittin, der sich die Verkündung der rot-grünen Epoche nicht nehmen ließ. Laut Michael Spreng war Schröder darüber gar nicht begeistert. Sein Kommentar nach Auszählung der Überhangmandate: "Scheiße, jetzt muss ich das machen!" Merkel wird sich vermutlich ähnlich äußern, wenn sie eine schwarz-gelbe Mehrheit verfehlt: "Jetzt muss ich das schon wieder machen!"
Jürgen Trittin hat am Dienstag übrigens seine Stimme verloren, zu viele Auftritte, Pressekonferenz abgesagt! Möglicherweise wird das nicht die einzige Stimme sein, die den Grünen am Sonntagabend fehlen wird. In ihrer Parteizentrale geht die Angst vor grünen Mitleidswählern um, die am Sonntag der SPD über die 25 Prozent-Schwelle helfen wollen wie ein Pfadfinder einer alten Dame über die Straße. Aber warum sollen sie auch eine Partei wählen, die gar keine Machtoption hat? Die Ausschließeritis rächt sich auf den letzten Metern.
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Vorweg: ich halte von den Demoskopen nichts! Aber "gestümpert" hat in erster Linie die SPD; denn es war sehr wohl eine Aufholjagd, allerdings eine vergebliche. mehr...
Kann mir aber nicht vorstellen, dass der von der Moderation kam, der hatte doch nur seine Aufgabe darin gesehen, SPD-Bashing zu provozieren. Um mal wieder auf den Thread zurückzukommen: das Ergebnis hat gezeigt, dass die [...] mehr...
Ich war mal in einem Forum, wo die Moderatoren eine "Fake Figur" erfunden haben, um die Diskussion anzuheizen. mehr...
Das habe ich bei Knut Beck auch vermutet - und deswegen nach weiteren Ausserungen von ihm bei SPON gesucht.. Entweder ist er ein CSU- oder CDUler oder so einfach gestrickt, daß er das wirklich glaubt, was er in den ganzen [...] mehr...
Wobei man neidlos anerkennen muss, dass Knut Becks Beiträge teilweise richtig gut gemacht waren. mehr...
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