Am Abend des 6. September 1953 stand den Sozialdemokraten in der Bonner Parteizentrale - der "Baracke", wie man das Hauptquartier der SPD damals nannte - tiefe Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Während des Abends trafen die Ergebnisse der Bundestagswahlen aus den einzelnen Wahlkreisen ein. Im Laufe der Nacht war klar, dass die Sozialdemokraten gegen die Partei des Bundeskanzlers Konrad Adenauer haushoch verloren hatten. 28,8 Prozent - so lautete das Ergebnis für die SPD, was fortan den Tiefpunkt in der bundesdeutschen Geschichte für diese Partei markierte. Bis zum 27. September 2009.
Schon am 7. September ging die Diskussion in der SPD los. Einige prominente Sozialdemokraten - so der Professor Carlo Schmid - wollten Tabula rasa. "Ballast abwerfen" hieß die Parole der nächsten Monate. Rund ein halbes Jahr währte diese Debatte um eine Erneuerung von Programm, Symbolik, Personal und Propaganda.
Man darf gespannt sein, was sich im Herbst 2009 ereignen wird, also 56 Jahre nach dem Desaster von 1953. Heute ist die Katastrophe gewiss nicht geringer. Mit rund 23 Prozent der Stimmen ist die SPD gewissermaßen in das Jahr 1893 zurückgefallen, also in die Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs, wenige Jahre nach dem Sozialistengesetz unter Bismarck. Damals kennzeichneten 23,4 Prozent eine Aufwärtsentwicklung. Diesmal bildet das Ergebnis vom Sonntag eine weitere Station im Niedergangsprozess.
Die Krise ist längst Normalität und Schlimmeres
Oft wird von der Krise der Sozialdemokraten gesprochen. Doch ist der Begriff der Krise nicht längst viel zu harmlos? Mit einer Krise verbindet sich stets die Hoffnung auf ein Ende einer zwischenzeitlichen Störung, auf Heilung und Kräftigung nach dem Stadium zehrenden Fiebers. Doch das, was jetzt Krise genannt wird, ist mittlerweile nicht eine Unterbrechung der "normalen" Entwicklung, sie konstituiert längst die "Normalität" - und Schlimmeres.
Politische Organisationen, so vermutet der österreichische Publizist Robert Misik, müssen erst durch zwei Niederlagen gehen, um wirklich zu lernen, um sich tatsächlich zu ändern. Aus historischer Perspektive spricht in der Tat einiges für diese Deutung. Fürchten muss man also, dass in der SPD zwar in den nächsten Wochen einige Aufregung herrscht, sie aber zunächst mit Postulaten und Teilen des Personals so weitermachen wird, mit denen, die in der letzten Dekade die Verantwortung für die Entfremdung der Sozialdemokratie von sich selbst gesorgt haben, die Hunderttausende von Mitgliedern verprellt, Millionen von Wählern vertrieben und das Selbstbewusstsein von einst berufsstolzen Arbeitern und Angestellten nahezu zerstört haben.
SPD muss Umgang mit ihren Mitgliedern überdenken
Die Sozialdemokraten werden in den nächsten Wochen nicht mehr so stillhalten und sich klaglos den Münteferings ihrer Partei unterwerfen, wie sie dies in den letzten zwölf Monaten getan haben. Seit dem Spätsommer 2008 verhielten sich die verschiedenen Repräsentanten der Partei wie die Crew auf einem Floß. Niemand wollte der Erste sein, der sich aus der Starre löst, niemand wollte Schuldvorwürfe auf sich ziehen, durch Bewegung das fragile Gefährt zum Kentern gebracht zu haben. Nun aber liegt die komplette Besatzung des Parteifloßes trotzdem im Wasser, und jetzt kommt es - um ein letztes Mal im Bild zu bleiben - auf andere Qualitäten als die des innehaltenden Immobilismus an.
Nüchterner Realismus und kreative Courage ist nun gefragt. Gehen wir einige Punkte durch:
Natürlich: Die SPD-Diskussion wird in den nächsten Wochen wohl anders verlaufen. Alle Welt wird über Namen raunen, wird über den künftigen starken Mann/die starke Frau orakeln. Wowereit oder Gabriel oder Nahles oder Scholz - das wird die Sozialdemokratologen beschäftigen. Doch dass dieses Spiel keinen politischen Ertrag abwirft, haben all die zahlreichen Vorsitzwechsel in der Partei während der letzten Jahre hinlänglich bewiesen.
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Die Hoffnung stirbt zuletzt - sagt das Sprichwort - und hat damit sicherlich recht! Die SPD tut noch immer alles um faktisch jeden Wähler zu ignorieren und vor den Kopf zu stoßen! Solange das Aushängeschild der Agenda 2010 [...] mehr...
Ich habe keinen Irrtum zugegeben. Ich habe auf undifferenzierte Polemik mit einer gegenteiligen Position geantwortet - vielleicht auch polemisch. Meine Antwort wollte dazu einladen, zu differenzieren. Also ja, natürlich haben [...] mehr...
Herr Walter hat sicher recht. Aber vielleicht müsste sich die SPD zuvor noch die Frage beantworten: Wozu brauchen wir diese Partei? Die Brandt-SPD hatte noch so ein Thema: Entspannungspolitik, Wandel durch Annäherung? Agenda 2010 [...] mehr...
Der Artikel beschreibt die Situation in der sich die SPD befindet sehr treffend und die fünf Punkte könnten ein guter anfang sein. Allerdings würde ich den einzelnen Punkten eine etwas andere Gewichtung zuordnen, so sehe ich [...] mehr...
sie war nur nicht in der Lage es dem Wähler zu vermittlen.Selbst solche einfachen Erklärungsmuster wie:Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen-zogen nicht so recht bei der Stammklientel.Dabei haben es sich Schröder und CO nicht [...] mehr...
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