Berlin - Die Türkische Gemeinde in Berlin ist sauer auf Thilo Sarrazin (SPD): "Das ist unerhört!", sagte deren Vorsitzender Kenan Kolat der Deutschen Presse-Agentur dpa nach einem Interview des früheren Berliner Finanzsenators. "Sarrazin schießt häufig über das Ziel hinaus und macht sich keine Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen."
Sarrazin hatte in einem Interview gesagt, große Teile der türkisch- und arabischstämmigen Bevölkerung Berlins seien "weder integrationswillig noch integrationsfähig". Sarrazin, der inzwischen im Vorstand der Bundesbank sitzt, fügte hinzu: "Die Lösung dieses Problems kann nur heißen: kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun." 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung würden diesen Staat ablehnen und nicht vernünftig für die Ausbildung ihrer Kinder sorgen. Die Bundesbank hatte sich davon distanziert.
Wenn sich Sarrazin nicht bei den angesprochenen Gruppen entschuldige, "ist er aus unserer Sicht nicht mehr haltbar", sagte Kolat der Nachrichtenagentur AFP. Auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), Hüsnü Özkanli, und der Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, Safter Çinar, zeigten sich entrüstet. "Das ist absolut unter der Gürtellinie und inhaltlich völliger Quatsch", sagte Çinar.
Sarrazin hat seine umstrittenen Äußerungen zur Hauptstadt und zu Integrationsproblemen von Migranten inzwischen als "Liebeserklärung" an die Stadt bezeichnet und zugegeben, "dass nicht jede Formulierung gelungen" sei. "Denn was man liebt, betrachtet man auch besonders sorgsam und mit scharfem Auge", sagte Sarrazin der Berliner Zeitung "B.Z.".
Man solle seine Äußerungen im Gesamtzusammenhang sehen und nicht nur einzelne Teile betrachten, erklärte er nun. Er beziehe sich auf Fakten: Im Problembezirk Neukölln lebe zum Beispiel gut die Hälfte der Menschen von Hartz IV, im Berliner Durchschnitt seien es hingegen 20 Prozent. "Das alles sind Dinge, die mich, als jemand der Berlin liebt und hier lebt, bekümmern." Integrationsprobleme seien durch den Erfolg von Einwandererkindern im gesellschaftlichen System Deutschlands zu lösen. "Sie müssen zur Schule gehen, sie müssen Deutsch sprechen können und den normalen Aufstieg durch Bildung nehmen." Jeder Mensch habe Potentiale. "Er muss sie allerdings auch nutzen."
als/dpa
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