Hamburg - Michail Gorbatschow hatte Interesse an der Stasi: Laut Dokumenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) erwog der Kreml-Chef 1990, die Auslandsspionage der Stasi sowie das gesamte IM-Netz in der DDR vom sowjetischen Geheimdienst KGB übernehmen zu lassen. Das geht aus umfangreichen Aktenbeständen des BND zum Mauerfall hervor, die der Dienst auf Antrag des SPIEGEL freigegeben hat.
Der damalige DDR-Regierungschef Hans Modrow unterbreitete Gorbatschow demnach ein entsprechendes Angebot. Den Geheimdienstpapieren zufolge soll Modrow damit geworben haben, das Agenten- und Informantennetz der Stasi erfasse "weitestgehend das Parteien- und Oppositionsspektrum in der DDR". Modrow bestreitet die BND-Version heute: "Nichts von dem ist wahr."
Aus den BND-Unterlagen geht auch hervor, dass Gorbatschow offenbar schon 1988 gegenüber SED-Generalsekretär Erich Honecker erklärte, "unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei bzw. Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen." Demnach hat der Kreml-Chef bereits vor dem Mauerfall die sowjetische Bestandsgarantie für die DDR widerrufen.
Gorbatschow: "Honecker war ernsthafter Politiker"
Der BND befragte bis 1989 systematisch Hunderte von DDR-Bürgern. Die Auswertungen liegen nun erstmals vor. Ein Großteil der Ostdeutschen bekannte sich laut den Geheimdienstunterlagen zur Einheit der Nation und lehnte das SED-Regime ab. Dennoch kamen der Mauerfall und der Untergang der DDR für den Dienst der Bundesrepublik überraschend. Hinter der Grenzöffnung am 9. November 1989 vermutete der BND sogar einen vermeintlich klugen Schachzug von Honecker-Nachfolger Egon Krenz.
Aus dem Politbüro der SED berichtete der Dienst viel Kurioses: Zwei Tage vor dem Mauerfall meldete er ans Kanzleramt, der bereits gestürzte Honecker habe sich in den Westen abgesetzt. Er sei zuerst zu seiner Schwester ins Saarland und dann in die Schweiz weitergereist. In Wahrheit saß Honecker noch in Wandlitz.
In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" sagte Gorbatschow, er habe trotz politischer Differenzen Honecker persönlich geschätzt: "Honecker war ein ernsthafter Politiker, er hatte Charakter und Ambitionen." Honecker habe sicher Fehler gemacht, aber er wollte seinem Land dienen. "Er war ein richtiger Deutscher, einer, der im Krieg gegen Hitler gekämpft hatte", sagte er.
Honecker zu Gorbatschow: "Haben Perestroika schon hinter uns"
Gleichzeitig kritisierte Gorbatschow die starre Haltung Honeckers zur Zeit der politischen Reformen in Osteuropa. "Als ich seinerzeit im Kreis der Staats- und Regierungschefs des Warschauer Pakts über die Perestroika gesprochen habe, sagte Honecker: 'Wir haben unsere Perestroika bereits hinter uns.' Er meinte damit die Veränderungen, die er nach der Ablösung Walter Ulbrichts eingeleitet hatte."
Über die wirtschaftliche Lage der DDR in den Tagen ihres 40-jährigen Bestehens im Oktober 1989 sagte Gorbatschow: "Das war ja im Vergleich zu den anderen Mitgliedern des Warschauer Vertrags kein rückständiges Land." Wenn die DDR damals einen Reformkurs eingeschlagen hätte, wären die Ergebnisse noch besser gewesen. Aber Honecker habe diesen Augenblick verpasst.
Auf die Frage, ob die DDR überlebt hätte, wenn Honecker rechtzeitig Reformen eingeleitet hätte, antwortete Gorbatschow: "Die Wiedervereinigung hätte es irgendwann trotzdem gegeben, wenn auch in anderer Form. Möglicherweise wäre es zunächst nur zu einer Währungsunion und danach zu einem deutsch-deutschen Staatenbund gekommen."
böl/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
Seit Oktober war der Schießbefehl wegen der 40-Jahr-Feier an der Mauer aufgehoben. Tote an der Mauer hätten wahrscheinlich zu einem gewaltsamen Umsturz geführt. mehr...
Es geht um Krenz und sein Zombi-Kollektiv.Sie weichen auf die Grenzöffnung aus.Googeln Sie doch mal unter Krenz.Andere Zeitungen berichten ausführlicher über dieses unwirkliche Treffen dieser senilen alten Männer.Sogar [...] mehr...
burla: Als ich 1965 "rübermachte", war mein Bruder Hundestaffelführer an der innerdeutschen Grenze in Thüringen. Und er erzählte mir später, wie es möglich war, dass - eigentlich ganz normale und anständige - [...] mehr...
Ja gut, Sie drehen an den Koordinaten. Deswegen eine Gedächtnisstütze aus dem von Ihnen zitierten SZ-Aufsatz: Es ging um die Nacht des 9. November 1989, als die Grenzsoldaten die Übergangsstellen öffneten. Da gab es keine [...] mehr...
Ich spreche Ihnen jetzt mal jede Sozialkompetenz ab. Falls Sie das Wort nicht kennen, Google hilft. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Michail Gorbatschow | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH