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13.10.2009
 

Debatte über Jamaika

Parteiflügel nehmen Grünen-Spitze in die Zange

Von Veit Medick

Özdemir, Künast, Trittin, Roth (v. links): Grünes Führungsquartett grübelt über JamaikaZur Großansicht
DPA

Özdemir, Künast, Trittin, Roth (v. links): Grünes Führungsquartett grübelt über Jamaika

Der Jamaika-Beschluss an der Saar erregt die Grünen. Die einen fürchten um die Identität der Partei, andere träumen von vielen schwarz-gelb-grünen Bündnissen. Das Führungsquartett scheut die Debatte - dabei ist sie nicht mehr aufzuhalten.

Berlin - Daniel Cohn-Bendit war schon immer ein Freund starker Worte. Erst recht am Dienstag. Einen "Mafioso" schimpfte der grüne Europa-Abgeordnete seinen "Parteifreund" aus dem Saarland, Hubert Ulrich - aus Frust über dessen Entscheidung für ein Jamaika-Bündnis. Weil die Hälfte der saarländischen Grünen-Mitglieder aus dem Kreisverband Ulrichs komme, habe er diesen schon immer für eine "zweifelhafte Person" gehalten, so Cohn-Bendit in der "taz": "Das erinnert doch sehr an Sizilien."

Seit der Saar-Landesverband am Sonntag eine Zusammenarbeit mit CDU und FDP beschloss, sind die Grünen aufgewühlt wie lange nicht. Die einen fürchten, man werfe damit die Identität als linke Alternativ-Partei über den Haufen, die anderen träumen von vielen anderen kleinen oder großen Jamaikas in den Ländern und im Bund.

Nur die Grünen-Spitze weiß nicht so recht, was sie mit dem neuen Dreifarben-Bündnis an der Saar anfangen soll. Seit dem Beschluss vom Sonntag laviert das Führungsquartett aus Claudia Roth und Cem Özdemir (Partei) sowie Renate Künast und Jürgen Trittin (Fraktion) zwischen zweideutigen Respektsbekundungen, Mahnungen und vorsichtiger Kritik. Mal verkünden sie, dass ihnen "ein SPD-Ministerpräsident Heiko Maas lieber gewesen" wäre, mal attackieren sie die Unzuverlässigkeit von Linke-Chef Oskar Lafontaine. Dann wieder ist die Rede davon, dass man die Entscheidung in Saarbrücken "zur Kenntnis" genommen habe.

Von Freude über zwei Minister und eine neue Machtoption kann jedenfalls keine Rede sein. Enthusiastisch geben sich die vier nur dann, wenn sie versichern, dass das Saar-Bündnis keine, aber auch wirklich überhaupt keine Strahlkraft für den Bund habe und man die bunte Zusammenarbeit im Wahlprogramm ja auch eindeutig ausgeschlossen habe. Was sich "im Saarland entwickeln könnte, taugt nicht für Gefühlsausbrüche irgendwelcher Art und es hat schon gar nicht das Zeug zum Modellprojekt", meinte etwa Künast - ganz so, als gelte es, die Verbreitung einer Seuche zu verhindern.

"Die vier zieren sich wie eine alte Jungfer"

Das Quartett will eine Debatte vor dem Parteitag Ende Oktober vermeiden - und schürt sie erst durch seine Zurückhaltung. Irritiert ist zum Beispiel Ex-Staatssekretär Rezzo Schlauch. Der Anwalt aus dem pragmatischen Landesverband Baden-Württemberg fordert die Spitze zu mehr Rückendeckung auf. "Die vier zieren sich wie eine alte Jungfer", kritisierte Schlauch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Jamaika war überfällig. Es wäre sinnvoll, die Saarländer zu unterstützen anstatt sie zu kritisieren", so der 62-Jährige.

Linke-Chef Lafontaine habe "als Ober-Indianer und Berserker" schließlich sämtliche Chancen auf ein rot-rot-grünes Bündnis verbaut. Und außerdem: "Wenn ein Landesverband mit einem derart überzeugenden Mehrheitsbeschluss und inhaltlichem Verhandlungsergebnis daherkommt, ist Kritik nicht gerade überzeugend." Gut drei Viertel der Delegierten hatten am Sonntag für ein schwarz-gelb-grünes Bündnis votiert - nicht zuletzt, weil die künftigen Partner der Ökopartei weitreichende inhaltliche Zugeständnisse in der Bildungs- und Energiepolitik gemacht und zwei Ministerien versprochen hatten.

Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer, inzwischen Europaabgeordneter, lobt die Risikobereitschaft an der Saar ebenfalls. Natürlich sei die Zusammenarbeit mit CDU und FDP gewagt. "Aber erfolgreiche Politik kann nicht immer darauf abzielen, jedes Risiko auszuschließen." Zwar ließe sich keineswegs auf einen Bundestrend schließen, doch eine Veränderung werde das Bündnis mit Sicherheit nach sich ziehen: "Jetzt wird es der FDP schwerer fallen, künftig die Ampel-Koalition kategorisch auszuschließen."

Fest steht: Die Grünen sind nach dem saarländischen Parteitagsbeschluss aufgeregt - und gespalten. Vor allem der linke Flügel und die Grüne Jugend können sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, im Saarland ausgerechnet mit denen Politik zu machen, die man im Bund traditionell als Atom- und Sozialkahlschlagsparteien bekämpft.

Grüne Jugend warnt: "Fatales Signal"

"Das Saarland könnte ein Dammbruch sein", meint Grüne-Jugend-Sprecher Max Löffler. Auch er hätte sich ein deutlicheres Bekenntnis der Parteispitze gewünscht - allerdings nicht in dem Sinne Schlauchs und Bütikofers. "Ich hätte mir deutlichere Kritik daran gewünscht, dass die inhaltliche Begründung für Jamaika völlig fehlt." Dass Scheitern von Rot-Rot-Grün nur an der Person Oskar Lafontaine festzumachen, sei ein "fatales Signal".

Andere fürchten einen Glaubwürdigkeitsverlust. Die Grünen erschienen mal links, mal "bürgerlich" - "ob das gut geht, ist fraglich", meint eine aus der Spitze der Bundestagsfraktion, die lieber ungenannt bleiben will. Wie skeptisch das Bündnis an der Saar von großen Teilen der Partei gesehen wird, davon konnte sich das Führungsquartett am Montag auf der Sitzung des Parteivorstands ein Bild machen. Selbst Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke wies darauf hin, dass die Partei ein großes Risiko eingehe, vom Wähler als "beliebig" wahrgenommen zu werden, wenn sie im einen Land einer linken Regierung angehöre, im anderen Land aber Mehrheitsbeschaffer von Schwarz-Gelb sei. Das ist insofern erwähnenswert, als dass sie nach der Sitzung mit Blick auf das Saarland von einer "mutigen Entscheidung" sprach, die erst "den Praxistest" durchlaufen müsse, "bevor man den Stab über ihr bricht". Lemkes Sprecher wies am Mittwoch gegenüber SPIEGEL ONLINE darauf hin, dass sie in der Sitzung des Parteivorstands nicht das Wort "beliebig" in den Mund genommen habe. Sinngemäß habe sie gesagt, dass Jamaika dann ein Risiko sei, wenn man das Bündnis nicht ausreichend begründe.

Lauter wird es wohl auf dem Bundesparteitag Ende Oktober zugehen. Da treffen die Flügel direkt aufeinander, und wie man hört, feilen beide Lager schon an Anträgen, in denen Jamaika mal ausgeschlossen, mal als mögliche Zukunftsoption eingestuft wird. Besonders interessant wird sein, wie sich der Landesverband Nordrhein-Westfalen bis dahin positioniert: Dort sind im Mai 2010 Landtagswahlen.

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18.02.2010 von saul7: ++

Ein erstes Zwischenergebnis gibt das hier: http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1386088/Die-Gruenen-sind-Gewinner-der-ersten-100-Tage-an-der-Saar.html mehr...

16.02.2010 von CHANGE-WECHSEL: auf den Punkt gebracht

dies ist keine Jamaika Koalition, sondern eine Jamaika Mafia! mehr...

28.12.2009 von Bulgakow:

Die einzige Schnittmenge des statistischen Grün-Wählers mit dem entsprechenden FDP-Wähler dürfte das persönliche Einkommen sein. Die soziologische Schnittmenge, die Sie sehen, müssten Sie mir aber näher erklären. mehr...

26.11.2009 von Harald E:

War nur ne Frage der Zeit, bis der selbsternannte Justizminister Müller, sich selbst und seine Amigos freispricht. Mag sein...viel Hoffnung hab ich jedoch nicht. Nicht nur die Ostermann-Affäre war dem saarl. Wähler bereits [...] mehr...

26.11.2009 von friedrich_eckard:

Ich setze Ihnen mal noch einen drauf: http://www.s-o-z.de/?p=12385 Politische Einflussnahme auf strafrechtliche Ermittlungsverfahren, sehr nett! Nun ist es zwar nichts Neues, dass die Tigerente bei passender Gelegenheit zum [...] mehr...

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