Berlin - Der Nato-Bericht über den tödlichen Luftangriff auf zwei Tanklaster in Kunduz weist SPIEGEL-Informationen zufolge auf klare Fehler in der deutschen Operationsführung hin. Oberst Klein, Kommandeur des Wiederaufbauteams in Kunduz, habe sich nicht an das Standard-Einsatzverfahren, die sogenannten Standing Operation Procedures (SOP), gehalten.
So habe er die Luftunterstützung mit der Begründung angefordert, seine Truppen hätten Feindberührung, obwohl sich keine Isaf-Soldaten in der Nähe der Tanker aufhielten. Er habe es abgelehnt, als niedrigere Eskalationsstufe die F-15-Jagdbomber zunächst im Tiefflug über die Tanker fliegen zu lassen. Zudem sei es möglich, dass es angesichts der unübersichtlichen Lage nicht ausreichend war, sich auf eine einzige menschliche Quelle und die Live-Bilder der Luftunterstützung zu verlassen.
Allerdings wird in dem Bericht auch auf mehreren Seiten die militärisch angespannte Lage in Kunduz vor der Bombardierung geschildert. "Der Bericht liefert Argumente für die Verurteilung von Oberst Klein, genau so wie zu seiner Entschuldigung", sagt ein Kenner des Berichts.
Der deutsche Kommandeur Klein hatte am 4. September US-Kampfflugzeuge angewiesen, zwei von Taliban gekaperte und in einem Flussbett nahe des Bundeswehrfeldlagers steckengebliebene Tanklastwagen zu bombardieren. Er soll befürchtet haben, dass die Taliban die Tanklaster als Bomben gegen die Bundeswehr nutzen würden. Mehrere Dutzend Zivilisten kamen bei dem Angriff ums Leben. Der Angriff hatte im Ausland heftige Kritik an Deutschland ausgelöst. Derzeit prüft die Generalstaatsanwaltschaft Dresden, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Oberst einleitet.
Bundesregierung drängte Nato zu Zurückhaltung
Der für Afghanistan zuständige Isaf-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, lehnte eine Stellungnahme ab, denn das Papier sei als geheim eingestuft. "Der Bericht liegt nun bei den Deutschen, die selbst entscheiden müssen, welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen", sagte einer seiner Sprecher dem SPIEGEL.
SPIEGEL-Informationen zufolge hatte die Bundesregierung die Nato bis zuletzt dazu gedrängt, sich in dem Untersuchungsbericht über die Bombardierung von zwei Tanklastzügen in Afghanistan mit einer Beurteilung zurückzuhalten. Am 15. Oktober gaben Vertreter der Bundesregierung dem Nato- Oberkommandierenden in Europa, Admiral James G. Stavridis, bei seinem Besuch in Berlin zu verstehen, dass eine deutliche Verurteilung des deutschen Oberst Georg Klein durch die Nato in Deutschland zu juristischen Problemen führen könnte.
Der Nato-Bericht über den Vorfall wird streng geheim gehalten. Am Donnerstag hatte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, aber Stellung zum Untersuchungsergebnis genommen. Die genaue Opferzahl bei dem tödlichen Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan kann demnach nicht mehr genau ermittelt werden. Bei dem Angriff seien laut verschiedener Quellen 17 bis 142 Menschen getötet worden.
Bundeswehr sieht sich entlastet
In dem Bericht hieße es zudem, dass es 30 bis 40 getötete und verletzte Zivilisten gegeben haben könnte. "Das bestätigt nicht, dass durch den Luftschlag unbeteiligte Personen getötet wurden", sagte jedoch Schneiderhan. Die Bundeswehr sehe sich durch den Nato-Untersuchungsbericht jetzt entlastet. In Kenntnis des Berichts habe er keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die deutschen Soldaten angesichts der schwierigen Lage "in operativer Hinsicht" militärisch angemessen gehandelt hätten, sagte der Generalinspekteur.
Klein habe die Lage richtig beurteilt und sogar davon ausgehen können, dass keine Unbeteiligten durch den Luftschlag zu Schaden kommen würden. "Ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass es sich in der Nacht zum 4. September für Oberst Klein so darstellte, dass keine Unbeteiligten vor Ort waren."
amz
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