Samstag, 21. November 2009

Politik



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06.11.2009
 

Der neue Westerwelle

Goodbye Guido

Foto: AFP

Ein ganz anderer Westerwelle zu Gast bei Hillary Clinton: Der Antrittsbesuch des neuen Außenministers im Weißen Haus und im State Department war in Wahrheit ein Abschiedsbesuch. Ein Kommentar von Gabor Steingart.

Washington - Eine Geschichte über den neuen Außenminister Guido Westerwelle beginnt man am besten mit einer Geschichte über den neuen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Der SPIEGEL plante im Frühjahr 1974 ein Titelstück über den Neuling im Amt. In einem Konzeptpapier, in dem die Bonner Redakteure in Kurzform ihre Ansicht über Genscher notierten, hieß es:

"Mit Genscher kommt eine Figur an die Spitze, die schon seit 20 Jahren in Bonn agiert, von der aber keiner sagen kann, wer er eigentlich ist. Er löst Befürchtungen aus, aber keine Begeisterung. War bisher ein deutscher Provinzpolitiker. Genscher kann weder englisch noch französisch. Er ist ein Politiker ohne Ausstrahlungskraft und Charisma. Hervorgetan hat Genscher sich durch einen unbändigen Aktionismus, Hektik, Betriebsamkeit, Show-Geschäft, eine Arbeitswut und Omnipräsenz, Alleskönnerei. Genschers Einzug ins Außenministerium sehen seine künftigen Untergebenen mit einiger Beklemmung entgegen. Aber sie rechnen damit, dass der außenpolitische Dilettant ohne den Apparat überhaupt nicht zurande kommen kann."

Mit flinker Hand ließe sich über Guido Westerwelle Ähnliches verfassen. Die entsprechenden Etiketten trägt er ja schon seit Jahren an Stirn und Schuhsohle, nicht ohne sein Zutun freilich.

Als Außenminister fangen die Beine zu schreiten an

Doch diese Etiketten werden schon in kürzester Zeit nicht mehr passen. Selbst wenn Westerwelle wollte, es ginge gar nicht. Im hohen Staatsamte wirkt ein eigentümlicher, von keinem Naturwissenschaftler jemals untersuchter Magnetismus. Das Vorherige fällt ab, das Aggressive verfliegt, selbst die Beine laufen nicht mehr wie vorher, sie fangen zu schreiten an. Die Lachfalten wandern unter die Stirn. Das Amt verändert den Amtsinhaber mehr als der das Amt, hatte Vor-Vorgänger Joschka Fischer einst gesagt.

So war denn der Antrittsbesuch Westerwelles in Washington in Wahrheit ein Abschiedsbesuch. Der leise Mann, der da neben US-Außenministerin Hillary Clinton stand, hatte mit dem gleichnamigen Krakeelhannes Westerwelle nicht viel gemein. Selbst die Farbe seiner Krawatte hatte auf geheimnisvolle Weise gewechselt, von senfgelb auf dunkelblau. Dabei dachte man früher, der gelbe Schlips sei bei ihm über der Brust festgewachsen.

Die Journalisten waren ratlos. Er hat keinen einzigen Fehler gemacht, sagte einer. Selbst der junge Mann aus der Botschaft, der mit der Strenge des Berufsdiplomaten den Auftritt verfolgte, konnte keine Qualitätsmängel entdecken. Einwandfrei, murmelte er.

Der neue Westerwelle sprach über Afghanistan und Pakistan, wo die Konflikte mit Soldaten allein nicht zu lösen seien. Er sprach über General Motors und die Interessen der deutschen Steuerzahler. Denn die hatten Geld für die Rettung von Opel ausgegeben. Nun soll Opel nicht mehr gerettet werden, zumindest nicht von der deutschen Regierung, weshalb Westerwelle das Geld mit der gebotenen Höflichkeit zurückverlangte.

Er tat das zwar nicht auf englisch, aber das war nicht schlimm, denn deutsch sprach er auch nicht, zumindest nicht das Starkdeutsch aus seinem vorherigen Leben. Alles müsse "in engster Abstimmung mit den Freunden und Partnern im Bündnis" passieren, eine Initiative der amerikanischen Außenministerin wurde von ihm "nachdrücklich unterstützt", die Geduld gegenüber Iran sei "nicht endlos", und den Präsidenten von Afghanistan wolle er "darauf hinweisen", das der Westen von ihm einen "guten Regierungsstil" erwarte. Dass Karzai korrupt ist, und Teheran das Bombenbasteln lassen solle, so was sagt ein Außenminister nicht mehr.

Der neue Westerwelle wurde von den Amerikanern so ernst genommen wie der alte nicht mal von sich selbst. Senator John Kerry sprach mit ihm auf Capitol Hill, der Sicherheitsberater des Präsidenten General Jim Jones empfing ihn im Weißen Haus, zum Mittagessen traf er sich mit dem ewigen Außenpolitiker der USA, dem 81-jährigen Zbigniew Brzezinski - womit wir wieder bei Genscher wären.

Als der im Mai 1992 aus eigenen Stücken das Kabinett von Helmut Kohl verließ, war die Trauer in Deutschland groß. Auch der SPIEGEL befand sich unter den Kondolierenden. Rudolf Augstein schrieb: "Nicht der Lotse ging von Bord, wohl aber das Schiff."

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