Aus Kunduz berichtet Matthias Gebauer
Mit seinem Leben als Kommandeur Nabi hatte Gachi Nabi eigentlich abgeschlossen. "Die Militärjacke hing seit Jahren nur noch im Schrank", sagt der Turkmene und richtet den Kragen mit dem Plastikfell an dem tarngrünen Parka, "auch meine Kalaschnikow war schon ziemlich verstaubt". Vor sieben Jahren, die Taliban waren von den US-Soldaten vertrieben worden, war Gachi aus Kunduz weggezogen. Statt wie früher als Anführer einer Mudschahidin-Gruppe gegen die Taliban zu kämpfen, managte er ein Fischrestaurant. "Wir machten gutes Geld, rund 300 Dollar pro Tag blieben in der Kasse, das Leben war besser als im Krieg."
Seit einigen Wochen aber ist Gachi wieder Kommandeur Nabi. Gemeinsam mit rund 60 Kämpfern, meist junge Leute aus der Gegend, patrouilliert er im Distrikt Qalayzal im Norden der Provinz Kunduz jeden Tag und jede Nacht. Was sich aus dem Mund des früheren Mudschahid wie eine Art Nachbarschaftshilfe anhört, ist eine schwer bewaffnete und selbst nach afghanischem Recht ungesetzliche Miliz, die sich vor den Parlamentswahlen am 20. August gebildet hat. Leute aus der Region, sagt der 49-jährige Anführer, hätten ihn angerufen. Sie erzählten Horrorgeschichten von den Taliban. Sie flehten ihn an. Er solle helfen, die Taliban in die Flucht zu schlagen.
Also kam Gachi Nabi zurück nach Qalayzal, sagt er, einige Tage vor der Wahl. Mit den Ältesten aus der Region zog er von Dorf zu Dorf, rekrutierte seine Kämpfer. "Mit einer Waffe umgehen kann fast jeder", erklärt er die Bildung seiner Miliz, "und eine AK-47 haben auch die meisten irgendwo noch im Haus, es ging also recht schnell." In der nächsten Nacht hätten sie an mehreren Straßen einfach gewartet, bis die Taliban kamen und gegen sie gekämpft. Verluste gab es auf beiden Seiten, aus seiner Miliz starben gleich in der ersten Nacht fünf Männer. Am Ende habe er sich mit seiner Miliz durchsetzen können, sagt er, die Taliban seien abgezogen.
Was die afghanische Regierung offiziell als temporäres Projekt zur Sicherung der Präsidentenwahl plante, hat sich längst verselbständigt. Eigentlich sollten die vielen lokalen Milizen überall im Land, auch die von Nabi, nur die großen Lücken bei Polizei und Armee während des Urnengangs füllen, Straßen und Wahllokale sichern. Doch nun sind die Milizen ein fester Bestandteil der Sicherheitsarchitektur von Kunduz - wenn es so etwas in der nordafghanischen Provinzhauptstadt, in der auch die Bundeswehr stationiert ist, überhaupt gibt.
Wo die Polizei fehlt, kämpfen die Milizen
Wie viele solcher Milizen es mittlerweile gibt, weiß niemand genau. Wenn Polizeichef Abdul Razak Yakubi in seinem prunkvoll geschmückten Büro vor der Karte der Provinz Kunduz steht und die einzelnen Gruppen mit einem Stab markiert, verliert man schnell den Überblick. Yakubi, hier nur als General Razak bekannt, ist begeistert von den Guerilla-Gruppen. "Ich krieg aus Kabul nicht mehr Polizisten für Kunduz", sagt er. Also nimmt er alle Kämpfer, die er kriegen kann. "Heute sind es noch Milizen", hofft der bei den Deutschen angesehene Polizeichef, "vielleicht könnte man aus vielen von ihnen in den nächsten Jahren echte Polizisten machen."
Kommandeur Nabi ist in Kunduz ein vielgefragter Mann. Am Dienstag sitzt er mit einigen Dorfältesten von Qalayzal beim Geheimdienstchef von Kunduz, in dem riesigen und mit Sofas vollgestellten Raum ist kein Sitzplatz frei. In Gruppen von drei bis vier Mann sind andere Milizenführer gekommen, aus Khanabad im Südosten, aus Aliabad noch weiter südlich, aus Imam Saheb im Norden. Die Orte sind auch in Deutschland bekannt, hier wird die Bundeswehr häufig angegriffen oder fährt aus Vorsicht gar nicht mehr hin. Genau hier, wo die Polizei fehlt und die Taliban regieren, bilden sich immer häufiger die Privatarmeen von Kommandeur Nabi und Co.
Die Behörden sind mit den Milizen zufrieden. Nacheinander fragt der Geheimdienstchef, was sie noch brauchen. Die Antwort ist stets gleich, Waffen, Funkgeräte, Autos. Ob sie Hinweise auf Taliban-Führer liefern können? Nacheinander treten die Männer vor, einige von ihrem jahrelangen Mudschahidin-Dasein gezeichnet, und liefern die Namen von Taliban-Führern - und wo sie sich versteckt haben könnten. Auch Kommandeur Nabi kennt seinen Feind genau, Mullah Selba heißt er. Seit Nabi und seine Männer gegen die Taliban kämpfen, habe man den Talib lange nicht mehr gesehen. Taucht er wieder auf, sagt Nabi, regeln wir das auf "unsere Art". Das gefällt dem Geheimdienstchef.
100 Dollar für eine Kalaschnikow
Der Bundeswehr macht die vermeintliche Erfolgsgeschichte der Privatarmeen im Kampf gegen die Taliban Sorgen. Auf 200 bis 400 schätzen Offiziere die Zahl der wiederbewaffneten und offen mit ihren Gewehren patrouillierenden Gruppen rund um Kunduz, genau weiß es im deutschen Camp niemand. Ab und an sind Spähtrupps der Deutschen schon in heikle Situationen mit den Milizen geraten. "Aus der Ferne sehen wir nur, dass da bewaffnete Männer stehen", so ein Offizier, "doch wie sollen wir sie von den Taliban oder anderen Kriminellen unterscheiden oder wissen, ob sie uns angreifen?"
Die Diskussion um die Milizen ist so alt wie der Krieg in Afghanistan. Immer wieder kam die Idee auf, die Guerilla-Gruppen im Land für die eigenen Zwecke einzusetzen, die Idee wird sicher auch wieder in die neue Strategie der USA für den Kampf am Hindukusch geschrieben. Die Erfahrungen mit dem Konzept sind gemischt, die USA hatten Erfolge, manchmal ging es richtig schief, und der einstige Alliierte entwickelte sich zum Feind. In Kunduz sollen die USA, die mittlerweile ein großes Camp unterhalten, indirekt an der Bewaffnung von Milizen arbeiten, wie so oft ohne jede Absprache mit der Bundeswehr.
Neben den praktischen Problemen ist die Wiederaufrüstung für die wenigen bitter, die noch an hehre Ziele der Afghanistan-Mission glauben. Der Westen hat Millionen gezahlt, um die Afghanen mit 100 Dollar Handgeld pro Kalaschnikow zur Abgabe ihrer Waffen zu bewegen und so die allgemeine Bewaffnung am Hindukusch zu reduzieren. Nun müssen die Deutschen zusehen, wie Gruppen, deren Anführer sie manchmal sogar noch vom Entwaffnungsprozess kennen, wieder mit Gewehren und Raketenwerfern ausgerüstet werden.
Gefährliche Folgen der Bewaffnung
Viel gefährlicher aber schätzen die Deutschen die Probleme ein, die sich in Zukunft ergeben könnten. Noch seien die Milizen meist im Einsatz gegen die Taliban. Was aber passiert, fragen sich Offiziere, wenn sich die Gruppen - einmal bewaffnet und erfahren im Kampf - verselbständigen und ihre eigenen Ziele verfolgen? So sehr die afghanische Regierung die Guerilleros während der Wahl brauchte, so schnell könnten die einstigen Helfer sich gegen die schwache Staatsmacht stellen und mit ihren Waffen ihr Gebiet nicht nur vor dem Zugriff der Taliban schützen. Dass dies sehr schnell passieren könnte, ist allen im Lager klar.
Skeptiker sehen die Bildung der Privatarmeen schon heute als Beginn des neuen Auseinanderfallens Afghanistans. Die einzelnen Clans, so die Theorie, stecken mit den Milizen schon jetzt ihre Machtbereiche ab. Dass kürzlich im Provinzrat erneut die Idee einer Verkleinerung der Distrikte in Kunduz diskutiert wurde und die neuen Grenzen ganz zufällig in etwa den Einflussgebieten der diversen Milizen entsprachen, förderte die Befürchtung. Bei den Diskussionen ging es vor allem um Qalayzal, die Gegend, in der Kommandeur Nabi und seine Männer das Sagen haben. Der Anführer jedoch sagt, er kenne diese Diskussion nicht.
Dann steigen seine Männer wieder auf den weißen Toyota Pick-up, hängen sich die Waffen um und binden sich Tücher gegen den Sand ums Gesicht. Nur die Sonnenbrillen, die die Männer lieben, unterscheiden sie jetzt optisch noch von Taliban-Kämpfern.
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In Bezug auf das Ausländer raus sind sie sich durchaus einiger, als die bundesrepuplikanische Gesellschaft. Beim Nachlesen ihrer Postings beschleicht mich obendrein der Verdacht, dass sie selber möglicherweise gar nicht vor Ort [...] mehr...
Nach dem deutschen Versagen im Norden, einen solchen Beitrag abzudrücken ist deutlich mehr als Realitätsignorant! mehr...
Sie benutzen den Begriff "Unsinn" hier im Sinne unvernünftigen Handelns. Aus der Sicht der Afghanistan-Krieger ist er nicht unsinnig, man verrät uns allerdings den Eigensinn nicht, der ihm zugrunde liegt, weil wir ihn [...] mehr...
Es gab XX Tote, darunter auch Kinder und Frauen. Ein vermeintlicher Standardsatz. Doch was will er uns sagen? Sind (a) keine Männer gestorben? Oder ist es (b) halb so schlimm, wenn Männer sterben?? In Zeiten der [...] mehr...
"freies afghanistan" - sie auch nicht! wenn sie was vom aktuellen krieg sehen wollen, dann empfehle ich: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,688532,00.html das ist die freiheit , der frieden ( o.ä. dummschwätz ) [...] mehr...
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