Berlin/Pfinztal - Der künftige Chef ist gekommen. Also haben sie aufgerüstet an der CDU-Basis im Badischen, gleich hinter Karlsruhe. Parteiplakate von Adenauer bis Kohl an der Wand, Laugenstangen mit Leberwurst auf dem Tisch. Vorne referiert der örtliche Ehrenvorsitzende eine kleine Zusammenschau von vier Jahrzehnten CDU-Arbeit hier in Pfinztal-Berghausen: Nisthilfen für Bienen gebaut, Nikolausbasare gemacht, Altbatterien eingesammelt.
Stefan Mappus sitzt an einem Tisch gegenüber, keine Regung im Gesicht. Er hat die Hände demütig gefaltet, über ihm leuchten kalt die Neonröhren der Pfinztaler Kulturhalle.
Da muss er jetzt durch.
Nisthilfen und Nikolaus - längst passt dieses Polit-Klein-Klein nicht mehr zum Stuttgarter CDU-Fraktionschef Mappus, der an diesem Freitag zum Landesvorsitzenden gewählt werden soll. Mappus wird mächtig. Schon bald steht auch seine Wahl zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten an. Wann genau, das hängt von Noch-MP Günther Oettinger ab, der als EU-Kommissar nach Brüssel wechselt. In der Partei hoffen sie, dass der Ungeliebte möglichst rasch in die europäische Kapitale übersiedelt, damit die Bahn frei ist für Mappus.
Bis dahin aber hängt der 43-Jährige in einer politischen Zwischenwelt fest: Jedes seiner Worte hat das Gewicht eines Landesfürsten - ohne dass Mappus die Macht schon hätte. Neulich hat er das gespürt. Da forderte er eine Pkw-Maut - nicht das erste Mal, aber nun eben mit Durchschlagkraft. Die Gazetten waren voll. Es war das Gegenteil von Pfinztal-Berghausen.
Es hat Stefan Mappus gefallen.
Der Mann gilt als robust, als hart im Austeilen - aber als nachtragend. "Mappi Schnappi, das Krokodil", hat ihn FDP-Justizminister Ulrich Goll genannt. Kostprobe? Als "karnevaleskes Zurschaustellung von sexuellen Neigungen" beschrieb Mappus einst den Christopher-Street-Day. Über die baden-württembergische SPD-Chefin Ute Vogt bemerkte er einmal, das Problem müsse "final" gelöst werden. Mit dem jungen Franz Josef verglichen sie ihn dann, wegen seines Aussehens und seiner Polter-Politik. Kritiker sehen in ihm den Erzkonservativen. "Wäre die Erde eine Scheibe, würde Mappus über den Rand fallen, so weit rechts außen steht er schon", sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Knapp.
Mappus inszenierte sich als Anti-Oettinger
Vieles an Mappus war bisher Gegeninszenierung zu Oettinger. Wo der wirtschaftsliberale Bald-Kommissar den Konsens suchte, polarisierte Mappus betont konservativ. Während noch Oettinger 2006 mit den Grünen eine Koalition sondierte, erteilte Mappus einer Zusammenarbeit schon die Absage. Zuletzt noch kanzelte er die neue Koalition im Saarland ab: "Jamaika finde ich unterirdisch." Mappus stand immer auf der anderen Seite. Er war der Zögling des früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel, den schließlich Oettinger unsanft in Pension schickte. Er kämpfte 2005 für die Merkel-Vertraute Annette Schavan als Ministerpräsidentin, doch Oettinger setzte sich per Mitgliederbefragung durch.
"Schwierige Zeit", sagt Mappus im Rückblick, "da habe ich mir nicht nur Freunde gemacht." Er hat wohl auch mal an Ausstieg gedacht, an einen Wechsel in die Wirtschaft. Denn Mappus hat einen ruhenden Vertrag bei der Siemens AG. Bis heute. Weil er nie ein "Versorgungsfall" habe werden wollen, sagt der Vater zweier Söhne. Aber nun, als Ministerpräsident, braucht man da noch diese Siemens-Sicherheit? "Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht."
Vor vier Jahren errang Mappus den Fraktionsvorsitz gegen Oettingers Willen. Und weil der immer hektische Ministerpräsident in seiner Amtszeit kaum ein Fettnäpfchen ausließ - das größte war wohl die geschichtsklitternden Trauerrede für den früheren NS-Marinerichter und Ministerpräsidenten Hans Filbinger -, scharten sich mehr und mehr Enttäuschte um den Fraktionschef Mappus, der neben Oettinger so angenehm besonnen wirkt.
So sehen sie das auch in Pfinztal-Berghausen. Oettingers Gang nach Brüssel sei "die Personalpolitik unserer Bundeskanzlerin", sagt der örtliche CDU-Chef Karl-Peter Niebel, "vielleicht auch mit Blick auf 2011." Da wird gewählt in Baden-Württemberg; und Oettinger, der die Partei auf 34 Prozent bei der Bundestagswahl abschmieren ließ, haben sie zuletzt nichts mehr zugetraut. Sie setzen jetzt auf Mappus' guten Draht zu Schavan und damit auch zu Merkel, auf sein enges Verhältnis zu Unionsfraktionschef Volker Kauder. Damit der Südwesten endlich wieder Gewicht bekommt in der Hauptstadt. "Wir haben schon länger gemerkt, dass es nicht mehr so weitergeht", heißt es in der Stuttgarter Fraktion: "Gut, dass der Günther weg ist." Von Mappus erwarten sie "klare Kante".
"Bitte paar Schemata über meine Person relativieren"
Doch kaum naht das Amt, schaltet Mappus jedenfalls ein paar Gänge zurück. Er muss nun nicht mehr allzu offensiv der Anti-Oettinger sein, sondern stattdessen der von allen akzeptierte Ministerpräsident werden. Statt Gräben auszuheben, müssen sie nun zugeschaufelt werden. Mappus hat den Oettinger-Anhängern, allen voran seinem anfangs als Gegenkandidat gehandelten Finanzminister Willi Stächele oder Agrarminister Peter Hauk, schnell seinen Machtanspruch diktiert, eine erneute Mitgliederbefragung vermieden. Nun will er die einstigen Gegner integrieren: "Es gibt kein Mappus- und es gibt kein Oettinger-Lager."
Mappus, auf dem Weg an die Macht plötzlich ganz soft. Das konservative Element? "Muss die gleiche Rolle in der Union spielen wie das soziale und das liberale." Die kinderkrippenschaffende Familienministerin Ursula von der Leyen? "Ein Glücksfall." Und schließlich der gegenwärtige Lackmustest für jeden Konservativen, die zwischen Union und FDP umstrittene Entsendung Erika Steinbachs in den Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibungen? "Natürlich ist das ein Abwägungsprozess."
Stefan Mappus lächelt, breitet die Arme aus: "Ich bitte darum, ein paar Schemata über meine Person zu relativieren."
Allein in der Steuerpolitik setzt Mappus auf klare Worte. Da weiß er auch Bundesfinanzminister und Landsmann Wolfgang Schäuble (CDU) hinter sich: Die im Koalitionsvertrag zugesicherten Steuerentlastungen würden kommen, "aber vielleicht nicht in der verabredeten Geschwindigkeit, das Ganze steht unter Finanzierungsvorbehalt". Alles hänge von der Konjunktur ab. "Klar ist: Zum jetzigen Zeitpunkt könnte man keine 24-Milliarden-Euro-Entlastung machen." Die besonders bei Konservativen beliebte Kindergelderhöhung zum 1. Januar 2010 findet Mappus falsch: "Diese Milliarden hätte man auch zur Optimierung der Kinderbetreuung einsetzen können, etwa für Mehrgenerationenhäuser." Letztere übrigens sind ein Lieblingsprojekt von Ursula von der Leyen.
Der neue Mappus ist an diesem Abend in der Kulturhalle erst beim Abschied wieder der Anti-Oettinger. Wo dieser stundenlang mit Parteifreunden beim Bier zusammensaß oder Gebräutes auch mal aus einem Herrenschuh trank, wählt Familienmensch Mappus den wie immer schnellen Abgang. Den Ortsverbandsvorsitzenden übersieht er dabei glatt. Karl-Peter Niebel läuft hinterher, raus in die Kälte, ruft Wiedersehen und Danke. Alles klar, sagt Mappus. Und ist weg, auf dem Weg zur Macht.
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Mappus bringt nach langer Pause zur Zeit die Stadtbahn in Pforzheim wieder in die Diskussion. Wenn die Gelder nun nach Pforzheim fliessen, dann wird es die 21er schon leicht beunruhigen. mehr...
Gehörte der Strippenzieher nicht zu diesem Kreis? mehr...
Wenn sich die CDU nicht sehr in Acht nimmt, dann läuft sie unter der märkischen Pfarrerstochter ebenso Gefahr zur Beliebigkeit und Formlosigkeit zu verkommen wie es der SPD unter dem Haarfärber widerfahren ist! Denn an greif- und [...] mehr...
Ähh, geht es den SPON-Redakteuren wirklich um diese Frage? Was ich bei SPON und SPIEGEL in fast jedem Artikel über Baden-Württemberg feststelle ist eine anscheinend unausrottbare Überheblichkeit den ungeliebten [...] mehr...
Er war aber ein Führer von Volkes Gnaden und als Landesfürst von Freund und polit. Gegener respektiert. Ausgestattet mit genauen Vorstellungen und komfortablen Alleinregierungsmehrheiten konnte und hat er was bewegt. Die auf [...] mehr...
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