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11.11.2009
 

Merkel bei Waffenstillstands-Feier

"Eine wichtige und richtige Geste"

Kanzlerin Merkel mit Kriegsveteranen in Paris: Tief im Gedächtnis der Grande Nation Zur Großansicht
dpa

Kanzlerin Merkel mit Kriegsveteranen in Paris: Tief im Gedächtnis der Grande Nation

Erstmals hat mit Angela Merkel ein deutscher Regierungschef an den französischen Feierlichkeiten zum Waffenstillstand 1918 teilgenommen. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über symbolische Handlungen, die Bedeutung des Ersten Weltkriegs in beiden Staaten und die Debatte über einen gemeinsamen Minister.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wehler, erstmals war eine deutsche Regierungschefin an den Feierlichkeiten in Frankreich zum Waffenstillstand 1918 beteiligt. Noch 1998 lehnte Gerhard Schröder das ab. Welche Bedeutung hat der Auftritt der Kanzlerin?

Wehler: Es war eine wichtige und richtige Geste. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass der Erste Weltkrieg in den Augen der Franzosen und auch der Briten sich tief ins das kollektive Gedächtnis ihrer Nationen eingegraben hat. Die Verluste waren etwa in Frankreich ungleich höher als der kurze Krieg im Sommer 1940, der mit der Niederlage und der Besetzung durch Hitlers Wehrmacht endete. Auch auf unserer Seite sind Millionen bis 1918 umgekommen. Doch hat der Zweite Weltkrieg und der von den Deutschen begangene Holocaust alles andere verdrängt. Bei uns hängt die Zeit des Nationalsozialismus wie ein Schatten über dem Ersten Weltkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Hat dann der Besuch von Angela Merkel in Paris für Deutschland überhaupt noch eine symbolische Bedeutung?

Wehler: Durchaus. Es wird nicht nur Opfer gedacht, es ist auch ein Akt, der in die Zukunft gerichtet ist. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat ja anfangs geglaubt, sich eher an London und Washington als an Berlin zu orientieren. Das scheint vorbei zu sein. Die Einladung an Frau Merkel war also auch ein außenpolitisches Signal - die deutsch-französische Beziehungen sind intakt. Deutschland bleibt für Frankreich und Frankreich für Deutschland der wichtigste Partner in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche und Franzosen haben in der jüngeren Geschichte drei Kriege gegeneinander geführt - 1870/71, 1914/18 und 1940/45. Die deutsch-französische Freundschaft ist also nichts Selbstverständliches. Helmut Kohl und Francois Mitterrand reichten sich vor 25 Jahren über den Gräbern von Verdun die Hand. Braucht es solcher Gesten immer wieder zwischen den Völkern?

Wehler: Ja. Für den damaligen Kanzler Kohl war sie vor allem wichtig, weil er der Generation angehört, für die die Westbindung Deutschlands ein wichtiger Teil ihrer politischen Sozialisation war. Kohl hat sich als junger Mann wie viele für die deutsch-französische Versöhnung begeistert. Die Geste sollte aus seiner Sicht unterstreichen, dass die Integration Deutschlands gelungen war, trotz der unheilvollen Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland meidet man das Pathos seit den Erfahrungen der Nazi-Zeit. Sind solche Gesten wie die in Paris im 21. Jahrhundert überhaupt noch adäquat?


Wehler: Unbedingt. Man sollte sie nicht unterschätzen, auch wenn wir Deutsche zu ihnen ein anderes Verhältnis haben. In der Politik muss man manchmal nicht Millionen ausgeben, um breite Wirkung zu erzielen. Nehmen Sie nur die Rede von US-Präsident Barack Obama zu den Muslimen in Kairo. Sie ist bei uns und in der Welt des Islam mit allergrößter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Oder die erste Antrittsreise unseres neuen Außenministers Guido Westerwelle in Warschau. Das wurde bei uns vielleicht nicht so sehr, in Polen aber sehr genau wahrgenommen. Daran erkennt man die Bedeutung solcher Gesten. Sie bleiben wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt regelmäßige deutsch-französische Konsultationen, eine deutsch-französische Brigade, nun soll die deutsch-französische Zusammenarbeit weiter vertieft werden. Immer wieder taucht in den Überlegungen ein deutsch-französischer Minister auf. Was halten Sie von der Idee?

Wehler: Ein solcher Minister würde wohl keine großen Kompetenzen bekommen. Hinzu kämen praktische Probleme. In Deutschland hat das Englisch das Französisch weitgehend verdrängt. Man hätte also schon Schwierigkeiten, genügend französisch sprechende Beamte für ein solches Ministerium zu finden. Und es hängt immer von der Person ab, die einen solchen Posten ausfüllen würde. Wenn aber Jacques Lang, der frühere Kulturminister Frankreichs, den Posten übernehmen würde, dann wäre ich sogar bereit, über die Französischschwäche des deutschen Beamtenapparates hinwegzusehen.

Das Interview führte Severin Weiland

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Zur Person

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Hans-Ulrich Wehler, 78, ist einer der renommiertesten deutschen Historiker. Sein Buch über das deutsche Kaiserreich 1870 bis 1918 erregte großes Aufsehen. Zuletzt erschien 2008 der in den Feuilletons viel diskutierte letzte Band seines fünfbändigen Standardwerks zur Deutschen Gesellschaftgeschichte.



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