SPIEGEL ONLINE: Herr Wehler, erstmals war eine deutsche Regierungschefin an den Feierlichkeiten in Frankreich zum Waffenstillstand 1918 beteiligt. Noch 1998 lehnte Gerhard Schröder das ab. Welche Bedeutung hat der Auftritt der Kanzlerin?
Wehler: Es war eine wichtige und richtige Geste. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass der Erste Weltkrieg in den Augen der Franzosen und auch der Briten sich tief ins das kollektive Gedächtnis ihrer Nationen eingegraben hat. Die Verluste waren etwa in Frankreich ungleich höher als der kurze Krieg im Sommer 1940, der mit der Niederlage und der Besetzung durch Hitlers Wehrmacht endete. Auch auf unserer Seite sind Millionen bis 1918 umgekommen. Doch hat der Zweite Weltkrieg und der von den Deutschen begangene Holocaust alles andere verdrängt. Bei uns hängt die Zeit des Nationalsozialismus wie ein Schatten über dem Ersten Weltkrieg.
SPIEGEL ONLINE: Hat dann der Besuch von Angela Merkel in Paris für Deutschland überhaupt noch eine symbolische Bedeutung?
Wehler: Durchaus. Es wird nicht nur Opfer gedacht, es ist auch ein Akt, der in die Zukunft gerichtet ist. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat ja anfangs geglaubt, sich eher an London und Washington als an Berlin zu orientieren. Das scheint vorbei zu sein. Die Einladung an Frau Merkel war also auch ein außenpolitisches Signal - die deutsch-französische Beziehungen sind intakt. Deutschland bleibt für Frankreich und Frankreich für Deutschland der wichtigste Partner in Europa.
SPIEGEL ONLINE: Deutsche und Franzosen haben in der jüngeren Geschichte drei Kriege gegeneinander geführt - 1870/71, 1914/18 und 1940/45. Die deutsch-französische Freundschaft ist also nichts Selbstverständliches. Helmut Kohl und Francois Mitterrand reichten sich vor 25 Jahren über den Gräbern von Verdun die Hand. Braucht es solcher Gesten immer wieder zwischen den Völkern?
Wehler: Ja. Für den damaligen Kanzler Kohl war sie vor allem wichtig, weil er der Generation angehört, für die die Westbindung Deutschlands ein wichtiger Teil ihrer politischen Sozialisation war. Kohl hat sich als junger Mann wie viele für die deutsch-französische Versöhnung begeistert. Die Geste sollte aus seiner Sicht unterstreichen, dass die Integration Deutschlands gelungen war, trotz der unheilvollen Vergangenheit.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland meidet man das Pathos seit den Erfahrungen der Nazi-Zeit. Sind solche Gesten wie die in Paris im 21. Jahrhundert überhaupt noch adäquat?
SPIEGEL ONLINE: Es gibt regelmäßige deutsch-französische Konsultationen, eine deutsch-französische Brigade, nun soll die deutsch-französische Zusammenarbeit weiter vertieft werden. Immer wieder taucht in den Überlegungen ein deutsch-französischer Minister auf. Was halten Sie von der Idee?
Wehler: Ein solcher Minister würde wohl keine großen Kompetenzen bekommen. Hinzu kämen praktische Probleme. In Deutschland hat das Englisch das Französisch weitgehend verdrängt. Man hätte also schon Schwierigkeiten, genügend französisch sprechende Beamte für ein solches Ministerium zu finden. Und es hängt immer von der Person ab, die einen solchen Posten ausfüllen würde. Wenn aber Jacques Lang, der frühere Kulturminister Frankreichs, den Posten übernehmen würde, dann wäre ich sogar bereit, über die Französischschwäche des deutschen Beamtenapparates hinwegzusehen.
Das Interview führte Severin Weiland
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