Von Veit Medick
Ein schwarzer VW-Bus rast eine Landstraße in Niedersachsen entlang. Drinnen fläzt sich Sigmar Gabriel in den Ledersessel. Er blickt durch die getönten Scheiben in den Regen und sinniert über sein Leben. Er erzählt von seiner Jugend, von der Zukunft seiner Partei, vor allem aber von Willy Brandt. "Willy Brandt hat mal gesagt: Hüte die Partei wie Deinen Augapfel." Das sei ein fabelhafter Satz, findet Gabriel.
Natürlich wäre der Siggi auch gern ein bisschen wie der Willy. Formal ist es ja bald soweit: Wenn Gabriel am Wochenende auf dem Parteitag in Dresden wie geplant zum neuen SPD-Chef gewählt wird, dann steht er in einer Reihe mit ihm. Gabriel wäre der 14. SPD-Chef der Nachkriegszeit. Früher hätte der Niedersachse bei dieser Aussicht begeistert aufgeschrien. Jetzt darf er das nicht. Die SPD oder das, was von ihr nach der Bundestagswahl übrig geblieben ist, kann übertrieben zur Schau gestellte Eitelkeit gerade überhaupt nicht gebrauchen. Deshalb sagt Gabriel demütig: "Es kommt jetzt auf das 'Wir' an."
Der Parteitag wird zeigen, ob das alle so sehen. Sicher ist das nicht, manche fürchten nach dem Wahldesaster eine wahre Abrechnungsorgie. Mit der Agenda 2010, mit ihrem Erfinder Frank-Walter Steinmeier und vor allem mit dem scheidenden Parteichef Franz Müntefering, der wie kein anderer die elf Regierungsjahre der SPD geprägt hat. Von seiner Abschiedsrede am Freitagmorgen wird abhängen, wie aufgewühlt die anschließende Aussprache ausfällt. Mehrere Stunden sind dafür vorgesehen, anschließend soll die neue SPD-Spitze um Sigmar Gabriel gewählt werden.
Sigmar Gabriel hat verschiedene Gesichter
Es gab nicht wenige Sozialdemokraten, die die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben, als sie in den Tagen nach der Bundestagswahl hörten, Gabriel solle die Partei künftig führen. Gesegnet mit Talent ist er wie kaum ein anderer, klar. Reden kann er, wie das nur wenige können. Ein "political animal" ist er, mit 30 Jahren Landtagsabgeordneter in Hannover, mit 40 Ministerpräsident, mit 46 Bundesumweltminister. Aber ist da nicht auch diese entsetzlich große Klappe? Diese Zeit, in der er als "Siggi-Pop" die Kulturszene verschreckte? Das Foto, auf dem er Eisbär Knut knuddelte? Dieser Mann soll die altehrwürdige SPD wieder zusammenflicken? Wer ist dieser Gabriel überhaupt?
Man kann das nicht so einfach sagen. Die SPD bekommt nicht den einen Sigmar Gabriel. Wenn sie ihn will, dann muss sie schon mehrere nehmen. Sigmar Gabriel hat verschiedene Gesichter. Auf manche kann sich die SPD freuen, andere muss sie fürchten.
Es gibt da zum Beispiel den liebenswürdigen, den harmlosen Gabriel. Der 110-Kilo-Mann sei eigentlich ein ziemlich sensibles Bürschchen, erzählen Weggefährten und enge Freunde. Eines, dem Schicksale generell sehr nahegehen, das seiner Partei sowieso. Sie erinnern an Gabriels schwere Kindheit. Die Eltern - Vater Verwaltungsbeamter, Mutter Krankenschwester - trennen sich, als er drei Jahre alt ist, es folgt ein schlimmer Rosenkrieg. Gegen seinen Willen wächst er beim Vater auf, darf die Mutter nur ab und an besuchen. Der kleine Gabriel rutscht ab, tingelt von Therapeut zu Therapeut, soll schließlich gar auf eine Sonderschule. Erst spät berappelt er sich. Den Kontakt nach Goslar, seiner Heimatstadt, gibt er nie auf. Den zu seiner kranken Mutter erst recht nicht: Noch heute bricht er schon mal Termine ab, um zu ihr zu fahren.
Ehrgeizig, umtriebig, rastlos
Er sei ein Kämpfer und Abenteurer, sagen andere. Auch das liegt nahe, wenn man sich seine Jugend anschaut. Wie er die Kurve kratzt. Er jobbt, wechselt aufs Gymnasium, tanzt Turniere. Und geht zu den Falken, der SPD-nahen Jugendorganisation - nicht etwa zu den Jungsozialisten. "Die waren mir viel zu langweilig, zu abstrakt", sagt Gabriel heute rückblickend. Er fährt lieber ins Zeltlager, singt Arbeiterlieder und plant Konzerte. "Wenn du Konzerte organisierst, musst du auch Klos bauen." Sigmar Gabriel baut damals gern Klos. Es gibt ihm das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.
Dann gibt es da noch einen Gabriel. Den ehrgeizigen, den umtriebigen, den rastlosen Gabriel, der sich und seine Sprachmacht für so gewaltig hält, dass er die Spitze jeder Bewegung erklimmen könnte. So wie 1980, als er in Goslar eine Demo mit tausend Mann gegen CSU-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß organisiert - obwohl der SPD-Ortsvorsitzende dagegen ist. Oder wie ein Jahr später: Da wird in Goslar ein Haus besetzt, um eine C&A-Filiale zu verhindern. Gabriel lässt seine SPD-Kontakte spielen, glaubt das Haus gerettet zu haben. Doch der rot dominierte Stadtrat stimmt plötzlich doch dem Bagger zu. Gabriel knallt wütend sein Parteibuch auf den Tisch. "Verarschen kann ich mich selbst", brüllt er. Doch er bleibt. Weil ein Freund ihn überredet.
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