Aus Dresden berichtet Christoph Hickmann
Dresden - Am Freitagabend standen sie, klatschten, wollten nicht mehr aufhören. Sigmar Gabriel hatte vor den Delegierten des SPD-Bundesparteitags gerade seine Antrittsrede gehalten, und der Applaus für den gleich danach gewählten neuen Parteichef war nicht eine dieser Pflichtübungen, die Teil einer großen Inszenierung sind. Er war ehrlich.
Am Samstagmorgen stand niemand auf in der Dresdner Messehalle. Frank-Walter Steinmeier hatte gerade geredet, der neue Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Der Applaus war freundlich, viel mehr aber auch nicht. Und auch das war ehrlich.
Seit Wochen hatte es Spekulationen gegeben, wie sich die Besetzung der beiden sozialdemokratischen Spitzenämter auf die Außendarstellung der Partei und damit deren angestrebten Heilungsprozess auswirken würde. Vor allem kurz nach der Wahl hatten viele in der SPD kritisiert, der wortgewaltige Gabriel hätte besser die Führung der Bundestagsfraktion und damit die Rolle des Oppositionsführers übernehmen sollen - statt des fachlich ausgezeichneten, rhetorisch allerdings deutlich schwächeren Steinmeiers.
Steinmeier dröhnt, Gabriel beherrscht alle Tonlagen
Das lag zum einen daran, dass die beiden vollkommen unterschiedliche Aufgaben hatten. Während Gabriel eindreiviertel Stunden lang ein sozialdemokratisches Gesamtgemälde entwarf, musste Steinmeier sich an der neuen schwarz-gelben Regierung abarbeiten. Mit dem Versuch, darüber hinaus die Parteiseele zu treffen, hätte er nach Gabriels Auftritt nur scheitern können.
Doch auch wenn die Aufgaben umgekehrt verteilt gewesen wären, hätte Gabriel wohl die deutlich bessere Rede gehalten, allein was den Vortrag angeht. Der neue Parteichef kann die Tonlage wechseln, Zwischentöne einstreuen, mal humorig werden, ins Pathos wechseln, dann wieder auf den politischen Gegner eindreschen. Steinmeier beherrscht nur eine Tonlage, jenes dröhnende Timbre, das er sich im Wahlkampf angeeignet hat und seither bei jeder Gelegenheit stoisch durchhält. Das erinnert stellenweise an einen Führerschein-Neuling, der noch nicht wie selbstverständlich durch den Straßenverkehr rollt, sondern sich bei jeder Fahrt penibel an jenen Regeln entlanghangelt, die er gerade erst für die theoretische Prüfung auswendig gelernt hat.
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Wie lange hält Gabriels Disziplin?
Gabriel darf hier nicht der Versuchung erliegen, auch im Bundestag oder der Fraktion den Chef im Ring zu spielen - was er grundsätzlich sehr gern tut. Von außen betrachtet sieht es derzeit aus, als habe er das verstanden. Nach Steinmeiers Rede jedenfalls trat er Spekulationen, er wolle Steinmeier die Position streitig machen, mit einem entschiedenen "Quatsch!" entgegen: "Die SPD hat nur eine Chance", sagte er. "Zusammenhalt, Zusammenhalt, Zusammenhalt."
Entscheidend wird sein, wie lange diese Einsicht vorhält. Als Gabriel am Samstag die ausgeschiedenen Mitglieder des alten Bundesvorstands verabschiedete, sprach er auch kurz über Steinmeier, der bis zu diesem Parteitag stellvertretender SPD-Chef gewesen war. Es sei allerdings nur "ein halber Abschied", sagte Gabriel, schließlich bleibe Steinmeier ja als Fraktionschef. Wenn er diese klare Trennung, diese Differenzierung zwischen Partei und Fraktion, auch künftig hinbekommt, kann es funktionieren mit den beiden so unterschiedlichen Männern. Zumal selbst Steinmeiers Gegner ihm seine Seriosität nicht absprechen. Die wiederum muss sich Sigmar Gabriel jetzt erst erarbeiten.
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