Streit um Bundesgelder
Schwarz-gelbe Skepsis gegen Opel-Hilfen wächst
Von Severin Weiland und Philipp Wittrock
dpa
Opel-Produktion (in Eisenach): "Nicht gegen Marktkräfte anfinanzieren"
Soll der angeschlagene Autobauer Opel mit Bundeshilfen gerettet werden? Der liberale Wirtschaftsminister Brüderle zeigt sich sehr zurückhaltend. Das entrüstet den rheinland-pfälzischen Landeschef Beck. In der Koalition jedoch findet der Kurs des FDP-Politikers Unterstützung.
Berlin -
Rainer Brüderle ist kein Freund von Staatshilfen. Das hat er immer wieder deutlich gemacht. Zuletzt am Wochenende mit einem Interview, in dem er Bundeshilfen für den angeschlagenen Autobauer
Opel abgelehnt und darauf verwiesen hatte, der US-Mutterkonzern
General Motors könne Hilfen höchstens von den vier Bundesländern mit Opel-Standorten erwarten.
Die
Reaktion war Entrüstung - zumindest bei einem der vier Ministerpräsidenten.
Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz erklärte, der Bund und die Bundesländer Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hätten eine klare Absprache getroffen. Und auf die bestehe er, so der Sozialdemokrat.
Am Montag dann ist Brüderle bei einer Finanztagung in Frankfurt am Main. Anwesend ist auch
Roland Koch, der hessische Ministerpräsident. Der CDU-Politiker ist einer der Vorkämpfer für eine staatliche Rettung des Konzerns.
Brüderle versucht an diesem Tag einmal mehr den Spagat: Hier der Ordnungspolitiker, dort der Bundeswirtschaftsminister, der auch den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen im Auge haben muss. Zum Wettbewerb gehöre auch die Möglichkeit des Ausscheidens eines Wettbewerbers, sagt der FDP-Minister. Und: "Wir dürfen nicht versuchen, gegen die Marktkräfte anzufinanzieren". Schließlich fällt aber auch der Satz: Opel könne einen Antrag auf Staatshilfe stellen.
Brüderles Stellungnahme kommt an dem Tag, an dem der Opel-Mutterkonzern
General Motors seine neuesten Quartalszahlen vorlegt - und die sehen so schlecht gar nicht aus. Zwar schreibt der Autohersteller im dritten Quartal ein Minus von 1,2 Milliarden Dollar, doch fällt der Verlust deutlich geringer aus als von vielen befürchtet. Trotz der leichten Aufhellung will GM-Chef Fritz Henderson offenbar weiterhin deutsche Staatshilfen für die deutsche Tochter Opel. Zwar sei der Konzern grundsätzlich in der Lage, das Europa-Geschäft rund um Opel allein zu finanzieren. "Wir würden aber bevorzugen, um Unterstützung zu bitten", sagte Henderson am Montag in einem Interview des amerikanischen TV-Senders Bloomberg.
Unterstützung für Brüderle
Von 3,3 Milliarden für Opel war zuletzt die Rede. Doch die desolate Informationspolitik der US-Konzernseite - mal für Staatshilfen, mal wieder dagegen - hat in Berlin Verärgerung ausgelöst. Brüderles Überlegungen, Bundeshilfen nicht zu vergeben, finden in der schwarz-gelben Koalition durchaus Befürworter.
So sagt der designierte Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag, Volker Wissing (FDP), zu SPIEGEL ONLINE: "Es ist nicht Sache des Bundes, mit Steuergeldern ein Unternehmen wie Opel den Kräften des Marktes zu entziehen". Brüderle habe klar gesagt, dass ein Unternehmen am Markt auch scheitern können müsse. "Es ist nicht Aufgabe des privaten Steuerzahlers, private Unternehmensrisiken zu tragen", so der Liberale. Auch für die Ministerpräsidenten der Opel-Länder hat Wissing eine Empfehlung parat: "Wenn die vier betroffenen Bundesländer Interesse an einer Rettung haben, dann müssen sie ihren Forderungen selbst Taten folgen lassen."
Nicht nur in der FDP, auch in der Union finden Brüderles Worte Widerhall. Der Unionsfraktionsvize Michael Fuchs sagt, die Mahnung Brüderles sei "durchaus berechtigt". Der CDU-Politiker und Sprecher des Arbeitskreises Mittelstand ist für Zurückhaltung: "Wenn wir verhindern können, dass der Staat hilft, dann sollten wir es verhindern." Man könne nicht auf der einen Seite über eine Exit-Strategie bei den Staatshilfen nachdenken, auf der anderen Seite aber neue Staatshilfen planen. Natürlich könne GM einen Antrag beim
Deutschlandfonds stellen. Fuchs verweist allerdings auf ein mögliches Ausschlusskriterium: Demnach muss ein Unternehmen nachweisen, dass es vor dem 1. Juli 2008 noch gesund gewesen ist. "Das", so Fuchs, "ist bei Opel nicht der Fall."
FDP-Parteichef und Vizekanzler Guido Westerwelle hält sich am Montag mit inhaltlichen Bewertungen zurück. Nach der Präsidiumssitzung sagt er, der Bundeswirtschaftsminister genieße seine "volle Rückendeckung". Er fügt aber auch hinzu, dass er die Ansicht eines der Ministerpräsidenten teile - gemeint ist der Hesse Koch. Der habe erklärt, es gebe "derzeit keinen Diskussionsbedarf, erst recht keinen Entscheidungsbedarf".
Eine generelle Absage jedoch, dass es keine Bundeshilfen geben soll, vermied Westerwelle. Zu möglichen Staatshilfen sagt er lediglich: Bevor Blankoschecks des Steuerzahlers ausgestellt würden, wolle man zunächst die Konzepte von GM sehen.
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SPIEGEL ONLINE
Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
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DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel muss in Folge der Schieflage des Mutterkonzerns GM um die Unterstützung aus den USA fürchten und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Nach einem Rekordverlust arbeitet General Motors Pläne für einen Jobkahlschlag aus. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel sieht seine einzige Rettung darin, sich weitgehend von GM abzukoppeln. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf jetzt 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach und fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November 2009: Der General-Motors-Verwaltungsrat stoppt nach monatelangem Verhandlungspoker überraschend den Verkauf seines deutschen Tochterunternehmens an den Autozulieferer Magna International und plant, selbst zu sanieren. Falls es keine Einigung mit den Beschäftigten gibt, schließt GM eine Opel-Insolvenz nicht aus.
4. November: Die Politik reagiert empört auf die Entscheidung von General Motors, die Tochtergesellschaft Opel zu behalten.
5. November: An allen deutschen Standorten machen die 25.000 Beschäftigten ihrer Wut über den US-Mutterkonzern Luft und legen zeitweise die Arbeit nieder. General Motors plant, nach Möglichkeit keine finanzielle Unterstützung des Staates für das deutsche Tochterunternehmen zu verlangen.
6. November: GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster verlässt den Konzern.
7. November: Nach dem geplatzten Opel-Deal stehen mögliche Staatshilfen für General Motors im Fokus.
9. November: Die EU-Kommission erwägt die Einberufung eines Ministertreffens zur Zukunft von Opel.
10. November: Der GM-Manager Nick Reilly wird übergangsweise Chef von Opel/Vauxhall. Opel-Chef Hans Demant bleibt Vorsitzender der Geschäftsleitung der deutschen GmbH.
11. November: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums braucht GM für die Sanierung des deutschen Autobauers Opel 3,3 Milliarden Euro.
13. November: General Motors will doch Staatshilfen zur Sanierung seiner Tochter Opel.
14. November: Der Opel-Mutterkonzern verlegt seine Europa-Zentrale bis Jahresende nach Rüsselsheim.
16. November: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gerät wegen seiner Ablehnung von Staatshilfen für Opel in die Kritik der Bundesländer.
19. November: Opel dementiert Bericht über einen Verzicht von GM auf Standortschließungen.
23. November: Nach heftigem Streit über die Zukunft von Opel wollen die betroffenen EU-Länder künftig gemeinsam mit dem Mutterkonzern General Motors verhandeln.
24. November: Reilly kündigt den Erhalt der Standorte Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern an.
25. November: Auch Eisenach ist gerettet. Die Opel-Beschäftigten in Deutschland trifft die Hauptlast des Stellenabbaus bei der Sanierung des Autobauers: Etwa 4500 bis 5400 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden.
30. November: Der Autobauer Opel gehört wieder vollständig General Motors.
1. Dezember: General-Motors-Chef Fritz Henderson tritt nach acht Monaten im Amt zurück.
2. Dezember: Der als harter Sanierer bekannte GM-Verwaltungsratsvorsitzende Ed Whitacre übernimmt vorerst das Ruder beim US-Hersteller.
12. Dezember: Die GM-Europa-Zentrale zieht nicht nach Rüsselsheim um, sondern wird aufgelöst.
8. Januar 2010: Opel-Chef Hans Demant muss seinen Posten an der Spitze des Autobauers räumen.
15. Januar: Reilly übernimmt offiziell das Steuer bei Opel.
21. Januar: Das Opel-Werk in Antwerpen mit seinen 2400 Mitarbeitern wird noch 2010 geschlossen.
22. Januar: Der Opel-Betriebsrat ruft die europäischen Mitarbeiter zu Protesten gegen die angekündigte Werksschließung auf.
09. Februar: Opel-Konzernchef Reilly stellt den Sanierungsplan vor. Danach sollen in Europa 8300 Stellen wegfallen. Allein in Deutschland werden demnach 3911 Jobs gestrichen.
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