Von Annett Meiritz
Auch an diesem Dienstag, einem wichtigen Tag für ihre politische Zukunft, verströmt Klöckner dröhnende Selbstgewissheit. Als sie am Morgen im Licht der Kameras die anderen Mitglieder des rheinland-pfälzischen CDU-Landesvorstands in Mainz begrüßt, wirft sie den Journalisten zu: "Ich habe zwei Beine, zwei Hände, mir geht es gut - ich weiß gar nicht, warum soll es mir schlecht gehen?"
Die junge Bundestagsabgeordnete soll die CDU in Rheinland-Pfalz bei der Landtagswahl 2011 anführen - und den seit 15 Jahren amtierenden SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck schlagen. CDU-Landeschef Christian Baldauf bestätigte am Nachmittag, dass er Klöckner als Spitzenkandidatin vorgeschlagen habe. Falls Klöckner von der Partei nominiert wird, wäre sie die erste Frau, die für die rheinland-pfälzische CDU als Spitzenkandidatin antritt.
Hier die 36-jährige Ex-Weinkönigin, da der 60 Jahre alte Polit-Dino - unterschiedlicher könnten die Duellanten kaum sein. Doch überraschend viel verbindet sie auch: Beide sind ausgesprochen heimatbewusst, beide hat das Landleben tief geprägt. Beide gehen auf die Menschen zu, beide haben mit ihrer volksnahen Art Erfolg. Klöckner schwärmt von heimischem Grauburgunder, Beck von "Schnüffel" - seinem Lieblingsgericht aus gepökelten Schweineschnauzen.
Gerade diese Ähnlichkeit könnte Beck zum Verhängnis werden. Denn bisher war schlichtweg keine Bedrohung seiner Alleinherrschaft in Sicht. Die Landes-CDU gilt seit Jahren als tief zerstritten. Klöckner soll nun die echte, realistische, moderne und obendrein noch fotogene Chance auf einen Machtwechsel sein. All das fehlte dem letzten Kandidaten der CDU in Rheinland-Pfalz völlig. Der spröde Intellektuelle Christoph Böhr scheute das Händeschütteln im Volk - prompt erobert Beck die absolute Mehrheit im Bundesland.
Ähnlich unverbraucht wie Guttenberg
Und jetzt kommt Klöckner. Sie ist eine durchaus ernstzunehmende Konkurrenz. Klöckner kennt wie Beck die bundespolitische Bühne. Aufgewachsen im 2600-Seelen-Dorf Guldental bei Bad Kreuznach, zog sie 2002 erstmals über die Landesliste in den Bundestag ein - damals noch dank Frauenquote. Sie gewann ihren Wahlkreis zweimal direkt und schaffte jüngst den Sprung zur Parlamentarischen Staatssekretärin in Ilse Aigners Agrarministerium. Nach der jüngsten Wahl war sie kurzzeitig als CDU-Generalsekretärin im Gespräch.
Sie gehört zu einer Garde CDU-Aufsteiger, die sich in den vergangenen Jahren in ihrer Partei unentbehrlich gemacht haben. Klöckner ist ähnlich unverbraucht und energiegeladen wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Norbert Röttgen. Und ebenso wie Guttenberg ist Klöckner eine begnadete Selbstdarstellerin. Ihr ist wirklich nichts zu peinlich. In ihrem Twitter-Feed macht sie ihren politischen Alltag zum Mini-Blog: "Bon Jovi ist uns über den Weg gelaufen u. KT zu Guttenberg", schreibt sie etwa am Tag des Mauerfall-Jubiläums. "Gleich bekomme ich meine Ernennungsurkunde", twittert sie ein anderes Mal, oder auch einfach: "CDU macht Spaß!"
Als ehemalige Deutsche Weinkönigin hat sie den öffentlichen Auftritt trainiert. Mitte der Neunziger bereiste sie Anbauregionen in aller Welt, traf den Papst zur Weinprobe. Die gelernte Journalistin arbeitet noch immer nebenberuflich als Chefredakteurin der Fachzeitschrift "Sommelier Magazin".
Sie weiß genau, dass Eigenwerbung in ihrem Geschäft nicht schaden kann. Klöckners Facebook-Pinnwand ist gepflastert mit Wahlkreisterminen: Klöckner trifft Rita Süssmuth, Klöckner trifft Bischof Huber. Klöckner beim Seniorennachmittag, beim Frühaufstehen mit Schülern, beim Luftballonaufpusten mit Jungwählern.
"Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken"
Nach ihrem Einzug in den Bundestag schrieb sie ein Abgeordneten-Tagebuch für die "Bild"-Zeitung. "Privat sehe ich mich in einer Ehe, vielleicht mit Kindern oder vielleicht mit keinem von beidem", verrät sie auf ihrer Web-Seite. Auf die Frage eines Magazins, bei wem sie Rat suche, sagte sie: "Bei meinem Vater, bei meinem Lebensgefährten und bei meinem schwulen Freund."
Fest steht, sie hat einen Hang zum Unseriösen: Bei Horst Köhlers Wiederwahl zum Bundespräsidenten im Mai zwitscherte sie das Ergebnis bereits rund zehn Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe des Sieges in die Welt ("Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken") und löste eine Debatte über die Diskretion von Abgeordneten aus. Später entschuldigte sie sich dafür - auch weil viele in der Union über so viel politische Unbekümmertheit den Kopf schüttelten.
Auch aus ihren Ambitionen macht Klöckner kein Geheimnis. Seit ihrem Einzug in den Bundestag hat sie sich fast ausschließlich auf die Bundespolitik konzentriert. Immer wieder brachte sie sich als Verbraucherexperten, als Stimme der Konsumenten ins Gespräch. Sie wetterte gegen Gelschinken und Analogkäse, gegen unerwünschte Telefonwerbung und Magerwahn in Modemagazinen, forderte eine bessere Bezahlung der Milchbauern. Medienwirksam schimpfte sie auf die Berliner Praxis, dass bei Staatsempfängen ausländischer Wein ausgeschenkt werde statt der Produkte deutscher Winzer. Hauptsache Schlagzeilen, scheint ihr Motto zu lauten.
Modern, bürgernah, konservativ
Deshalb bürstet sie mitunter auch gern einmal gegen den Strich: Als Mitglied der Jungen Gruppe innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion trat sie für mehr Generationengerechtigkeit und gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ein. Bei der Debatte um das Elterngeld legte sie sich mit den Traditionalisten in ihrer Partei an. Zugleich deckt sie als Katholikin ein wichtiges Wählermilieu der Union ab. Geschickt bastelte Klöckner so am Image einer modernen und bürgernahen Konservativen. Zudem pflegt sie eine freundschaftliche Nähe zur Kanzlerin: Klöckner schmückt ihre Homepage mit einem Foto, auf dem sie Angela Merkel eine Flasche Wein überreicht.
Klöckners Kandidatur sorgt für Euphorie im frustrierten Landesverband. "Sie kommt super an, sie ist eine authentische Persönlichkeit", sagt die Landtagsabgeordnete Dorothea Schäfer. Im Wahlkreis gilt sie als handfest, offen, unprätentiös und unverkrampft. "Geländegängig" müsse man als Politikerin sein, sagt Klöckner selbst über sich. Und: "Schlaf wird überbewertet."
Bis der Wahlkampf beginnt, dauert es noch weit über ein Jahr. Doch die Zeiten, in denen Beck als unstürzbarer Regent von Rheinland-Pfalz galt, sind vorbei. Nach seinem Rückzug vom SPD-Bundesvorsitz sanken Becks Beliebtheitswerte auch in seiner Heimat beständig. Bei bei der nächsten Wahl wird er bereits 62 Jahre alt sein. Beck und Klöckner werden sich kein politisches Duell liefern. Das Ringen um die Ministerpräsidentschaft dürfte vor allem ein Duell Alt gegen Jung, Grau gegen Blond und Mann gegen Frau werden.
mit dpa, ddp, AP
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