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18.11.2009
 

Verunsicherte Linke

Lafontaines Krebs-Bekenntnis entfacht Nachfolge-Debatte

Von Veit Medick und Anne Seith

Foto: DDP

Über seine Krankheit verliert Oskar Lafontaine kein Wort: Stattdessen legt der Chef der Linken einen Tag vor seiner Krebsoperation einen kämpferischen Auftritt im saarländischen Landtag hin. Doch in der Partei brodelt es - die Debatte um seine Nachfolge ist in vollem Gange.

Saarbrücken/Berlin - Er will sie durchziehen, die Lafo-Show, auch an diesem Tag. Mit entschlossenem Schritt entert Oskar Lafontaine den Sitzungssaal, ignoriert die Kameraleute und Fotografen, die hinter ihm herhasten, ihn sofort einkesseln, als er seinen Abgeordnetenplatz im Landtag von Saarbrücken erreicht hat. Der 66-Jährige setzt sich, flüstert mit seinen Genossen, als wäre nichts, lächelt ab und an sein spöttisches Lächeln.

Mittags ist es an ihm, dem Fraktionsführer der Linken, auf die Regierungserklärung von Peter Müller (CDU) zu antworten. Dem neuen alten Ministerpräsidenten, der jetzt einer Jamaika-Koalition vorsitzt. Lafontaine stützt sich aufs Rednerpult, mal mit beiden Händen, mal nur mit dem Ellbogen, es wirkt ein bisschen angestrengt. "Sie sind den Herausforderungen dieses Landes nicht gewachsen", setzt er an, doch seine Stimme klingt rau. Fahrig malen die Hände Kreise und Ausrufezeichen in die Luft.

Lafontaine scheint sich zu zwingen, auf keinen Fall Schwäche zu zeigen. Langsam läuft er sich warm. "Der eingeschlagene Weg führt in die Katastrophe", poltert er irgendwann in gewohnter Lautstärke. Dann hält er dem Grünen-Landesschef Hubert Ulrich noch mal genüsslich dessen berufliche Verbindungen zum Unternehmer Hartmut Ostermann vor Augen. "Wo hat dieser Kerl überall die Finger drin?", ruft Lafontaine. Ulrich hatte bis Oktober nebenberuflich für ein IT-Unternehmen gearbeitet, an dem Ostermann beteiligt ist. Ostermann wiederum saß in seiner Funktion als FDP-Kreisvorsitzender zeitweise mit dabei, als die Jamaika-Koalition sondiert wurde.

Lafontaine, der Vollblutpolitiker, ist jetzt voll in seinem Element. Mit lustig blitzenden Augen liefert er sich ein kurzes, giftiges Wortgefecht mit Ulrich. Die Lacher sind am Ende auf seiner Seite.

Über seine Erkrankung - kein Wort. Dabei ist klar: Am Donnerstag wird er sich in eine Klinik begeben, um sich operieren zu lassen. Wegen eines Krebsleidens, das hatte er am Dienstag mitgeteilt. Es ist Prostatakrebs, meldet die Nachrichtenagentur dpa.

Machtkampf zwischen Ost und West

Auch seine Fraktion scheint die gesundheitsbedingte Zwangspause an diesem Mittwoch vergessen zu haben. Die Genossen johlen auf ihren Plätzen wie Schulkinder am ersten Tag nach den Ferien.

Jenseits von Saarbrücken hat Lafontaine mit seiner überraschenden Offenbarung dagegen prompt heiße Debatten ausgelöst. Dass er gesundheitlich angeschlagen ist, war zumindest einem kleinen Zirkel seit einiger Zeit bekannt, von Krebs wusste aber offenbar niemand. Im engsten Führungskreis der Partei hatte Lafontaine vergangene Woche angekündigt, nach seinem Landtagsauftritt an diesem Mittwoch den anstehenden chirurgischen Eingriff öffentlich zu machen. Die Art der Erkrankung wollte er aber ursprünglich nicht weiter thematisieren.

Er machte es doch. Gut möglich, dass er damit den seit Wochen anhaltenden Spekulationen über seine politische Zukunft und die Konflikte über die Ausrichtung der Partei ein Ende setzen wollte. Zumindest vorerst.

Die Konflikte schwelen seit Monaten. Längst sind sie zu einem Machtkampf zwischen Ost und West geworden. Der Großteil der westdeutschen Landesverbände will an dem stramm linken Kurs festhalten, auf den die Partei in den letzten Jahren getrimmt wurde. Regierungsbeteiligungen wie in Berlin oder Brandenburg sieht dieser Flügel skeptisch. Er wird von Lafontaine angeführt.

Die Pragmatiker, die vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden vertreten sind, drängen dagegen auf einen stärker realpolitisch orientierten Kurs. Sie wollen die Linkspartei über Bündnisse mit SPD und Grünen in den Ländern auch auf Bundesebene regierungsfähig machen. Langfristig, davon sind die Ost-Realos überzeugt, geht das nur ohne Lafontaine.

"Wir brauchen einen Generationenwechsel"

Die Zwangspause des Spitzenmannes scheint die Zukunftsdebatte zu befeuern. Manch ein Realo sieht jetzt zumindest seine Chance gekommen. Bodo Ramelow zum Beispiel, Linke-Fraktionschef in Thüringen und ausgewiesener Pragmatiker. Er rief seine Partei zu einem Generationswechsel auf. "In die nächsten Bundestagswahlen werden wir ohne Lafontaine gehen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Mit dem Krebsleiden habe das aber nichts zu tun, Lafontaine sei dann schlicht zu alt. "Wir brauchen einen Generationswechsel." Er wünsche sich, dass Lafontaine im kommenden Jahr noch einmal die Kraft habe, für den Parteivorsitz zu kandidieren: "Aber wir müssen auch über die Zeit nach ihm nachdenken." Er selbst denke zwar "derzeit nicht" über eine eigene Kandidatur nach, schließe das aber "auch nicht generell aus".

Der Fraktionschef im Bundestag, Gregor Gysi, kommentierte das Interview trocken: "Herr Ramelow kann ja schon über alles nachdenken, aber das ist eine Frage, die mich im Augenblick, ehrlich gesagt, nicht sonderlich bewegt." Viele West-Linke aber reagierten empört: "Ich kann alle in der Partei nur davor warnen, jetzt Personaldebatten zu beginnen", wies der stellvertretende Parteivorsitzende Klaus Ernst seinen Kollegen aus Thüringen zurecht. "Das wäre schädlich für die Linke und außerdem moralisch verwerflich." Rückendeckung für Lafontaine kam auch aus dem Südwesten der Republik. Dieser sei als Integrationsfigur zwischen Ost und West unverzichtbar, sagte der Chef der Linken in Baden-Württemberg, Bernd Riexinger. "Ich glaube schon, dass ihn die Linke noch einige Jahre braucht."

Das gilt vor allem auch deshalb, weil die Partei in den neuen Bundesländern auf Lafontaines politisches Talent angewiesen ist. Das gute Ergebnis der Bundestagswahl von 11,9 Prozent verdankt die Linke im Westen maßgeblich dem 66-Jährigen. Den überwältigenden Sieg bei der Landtagswahl im Saarland, wo die Partei mehr als 21,3 Prozent einheimste und damit satte 19 Prozent mehr als die PDS 2004, sowieso.

"Er wird sicher nicht Blümchen gießen"

Vor allem im kleinsten Bundesland der Republik ist Lafontaine unersetzlich. Elf in der parlamentarischen Arbeit weitgehend unerfahrene Abgeordnete sitzen dort im Landtag, darunter der gutmütige, aber recht farblos wirkende Landesparteichef Rolf Linsler. Der gesteht SPIEGEL ONLINE offen ein, dass man Lafontaines Erfahrung eigentlich derzeit ziemlich gut gebrauchen könnte, "gerade am Anfang". Aber bis zur Weihnachtspause passiere ja nicht mehr so viel.

Und dass der Erkrankte danach wiederkommt, davon gehen die Genossen zumindest im Saarland fest aus. Einen Plan B gibt es nicht. "Er war ein Kämpfer, er ist ein Kämpfer", sagt die Landtagsabgeordnete Dagmar Ensch-Engel inbrünstig. "Der wird bestimmt nicht zu Hause sitzen und Blümchen gießen, wenn er wieder gesund ist."

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Die neuesten Beiträge:
07.01.2010 von andreas13053:

Wow, der erste Beitrag 2010 und dann gleich soviel Qualität. Ganz großer Sport. mehr...

07.01.2010 von uli67:

che ist mindestens genau so lange tot wie Ihr revolutionäres Geseiere. Insofern passt ja der Nick... mehr...

07.01.2010 von yogtze:

Für alle anderen hat er doch kreative Alternativnamen gefunden? mehr...

07.01.2010 von Morotti:

Welchen sollte er denn nehmen? mehr...

06.01.2010 von yogtze:

Knut, wie kommst Du bei Honecker auf den Vornamen Erich? Wenigstens ist da der Nachname falsch geschrieben, das gleicht es immerhin wieder ein bisschen aus;-) mehr...

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