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20.11.2009
 

Krankheit und Politik

Alphatiere zeigen keine Schwäche

Von Sebastian Fischer und Florian Gathmann

Politiker-Beschwerden: Das Tabu Krankheit
Fotos
REUTERS

Er hat Krebs, wird operiert. Mehr sagte Oskar Lafontaine nicht. Vielen Politikern fällt es schwer, mit dem persönlichen Ernstfall umzugehen. Krankheit? Können sich politische Leistungsträger genauso wenig leisten wie Top-Manager oder Spitzensportler.

Berlin - Selbst politische Freunde zeigten sich überrascht: Oskar Lafontaine hat Krebs. Wer vorher Bescheid wusste, sprach nicht darüber, denn ernsthafte Krankheiten sind unter Spitzenpolitikern beinahe ein Tabu, genau wie bei anderen Leistungsträgern der Gesellschaft. Spitzenmanager, Wissenschaftler, Profi-Sportler - sie dürfen nicht krank werden, müssen führen, immer funktionieren. Krank sein, heißt angreifbar werden. Oder wie Kurt Kister einmal in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb: "Krankheit gilt in der Gemeinschaft der Haie als Schwäche - wer blutet, wird gefressen."

Natürlich sind Eliten genauso anfällig für gesundheitliche Probleme wie andere auch. Aber einfach krankmelden, ein paar Tage Auszeit nehmen? Das kommt für die meisten nicht in Frage, wobei immer zwei Faktoren eine wichtige Rolle spielen: Wer zum Spitzenpersonal zählt, gibt nur ungern zu, dass es auch ohne ihn geht. Viele quälen sich schon deshalb weiter, weil sie sich für absolut unentbehrlich und unersetzlich halten. Und zum zweiten ist den Managern und Politikern an der Spitze nur zu bewusst, dass die Konkurrenz nur darauf wartet, dass der Platz frei wird.

Also: Zähne zusammenbeißen, durchhalten. Es gibt genügend Fälle in der deutschen Politik, wo Symptome bewusst ignoriert wurden - und Parteichefs wie Minister erst auf der Intensivstation eingesehen haben, dass sich der eigene Körper und die eigene Gesundheit nicht zwingen lassen.

Gregor Gysi verschwand vorübergehend aus der ersten Reihe der Politik

Es gibt nur wenige Spitzenpolitiker, die mit ihrer Krankheit offen umgehen. Einer davon ist Gregor Gysi, Parteifreund Lafontaines und im Moment alleiniger Chef der Linken-Bundestagsfraktion. Gysi musste sich im November 2004 wegen einer Gefäßerweiterung eines komplizierten Hirneingriffs unterziehen. Am Tag vor der Operation gab er seinem Hausblatt "Berliner Kurier" ein Interview dazu, sechs Wochen danach befragte ihn die gleiche Zeitung exklusiv zu seiner Genesung.

Gysi zog sich damals für einige Zeit aus der ersten politischen Reihe zurück, aber schon 2005 trat er wieder als Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf an. Geschadet hat ihm sein Schwäche-Bekenntnis nicht.

Auch Matthias Platzeck musste einen Spitzenposten räumen, weil seine Gesundheit das harte Tempo nicht mitgehen konnte. Nach dem Rücktritt von Franz Müntefering vom Parteivorsitz galt Platzeck als der neue Hoffnungsträger in der SPD. Aber dann hatte er einen Kreislaufzusammenbruch, später einen Hörsturz. Fünf Monate nach seiner Wahl zum SPD-Chef zog er die Notbremse. In der Begründung für seinen Rücktritt verwies Platzeck auf "dringenden ärztlichen Rat". Er konzentriert sich seither ganz auf die Landespolitik - und scheint sich damit auch wohl zu fühlen.

Seehofer machte weiter - bis zur Herzmuskelentzündung

Andere verdrängten die Signale ihres Körpers - wie Horst Seehofer. Ständig war der CSU-Politiker erkältet, beim Treppensteigen und Reden wurde ihm die Luft knapp. Seehofer aber machte weiter, über Monate. "Ich habe immer gedacht, die Politik ist mir wichtiger", sagte er später der "Welt am Sonntag". Die Bundestagswahl stand an, Seehofer wollte die Scharte von 1998 auswetzen, als die Union abgewählt worden war. Im Januar 2002 dann der Komplett-Absturz: Puls 220, Herzpumpleistung zehn Prozent. Fünf Wochen lag der CSU-Mann wegen einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus, drei davon auf der Intensivstation. Es folgten mehrere Monate Reha.

Seehofer blieb nicht lange politikabstinent - was vor allem Angela Merkel zu spüren bekam. Noch in der Opposition, verordnete sie als CDU-Vorsitzende den Unionsparteien 2004 ein Prämienmodell in der Gesundheitspolitik. Seehofer, der für dieses Thema zuständige Unionsfraktionsvize im Bundestag, ging auf die Barrikaden, legte schließlich seinen Posten nieder. Seehofer wendete seine Krankheit zum Fanal politischer Unabhängigkeit.

Sechs Jahre nach seiner schweren Krankheit wurde er zum CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten gewählt. Dann kam der Februar 2009, eine Grippe hatte ihn fest im Griff - aber der Politische Aschermittwoch in Passau stand an, das Hochfest der CSU. Seehofer sagte nicht ab - und brach während seiner Rede beinahe zusammen.

Verteidigungsminister Struck war danach nicht mehr der alte

Weiter, immer weiter. So wie Peter Struck. Der Sozialdemokrat überstand zwei Herzinfarkte, eine Operation an der Halsschlagader. 2004 dann ein Schlaganfall - allerdings ohne, dass es als solcher kommuniziert wurde. Schon neun Wochen später kehrte der kernige Spitzen-Sozi als Verteidigungsminister zurück. Aber diesmal war Struck nicht mehr der Alte. Was viele merkten, aber keiner sagte. Nach der Wahl 2005 wurde Struck noch einmal Chef der SPD-Bundestagsfraktion - und nahm es jenen persönlich übel, die seinen tatsächlichen Zustand beschrieben.

Auch Helmut Kohl folgte dem Ideal eisern zu sein, durchzuhalten. Er triumphierte auf dem Bremer CDU-Parteitag im September 1989 auch körperlich über eine Gruppe um Heiner Geißler und Lothar Späth, die ihn ablösen wollten. Kohl schildert in seinen "Erinnerungen", wie er den rebellierenden Körper in den Tagen vor dem Showdown niederkämpfte: "Ich bekam wahnsinnige Schmerzen, und es kam mir so vor, als könnte ich jeden Moment ohnmächtig werden." Kohl war an der Prostata erkrankt, doch wegen des Parteitags musste die Operation warten: "Viele würden denken, dass ich mich vor der Auseinandersetzung mit Heiner Geißler und seinen Anhängern drücken wollte." Schließlich kam der Arzt mit nach Bremen, hielt sich hinter den Kulissen in Bereitschaft. Der Mann wisse seitdem, "was wirklicher Stress ist", schreibt Kohl.

Brandt: "In Wirklichkeit war ich kaputt"

Kanzler und Krankheit - das geht nicht. "In Wirklichkeit war ich kaputt", schrieb Willy Brandt Jahre nach seinem Rücktritt im Mai 1974. Vor allem gegen Ende seiner Kanzlerzeit, als der Sozialdemokrat auch in der eigenen Partei auf zunehmenden Widerstand stieß, litt Brandt offenbar unter schweren Depressionen. Wenn er deswegen nicht einmal das Bett verlassen konnte, war in offiziellen Erklärungen von einer "fiebrigen Erkältung" die Rede. Legendär der so überlieferte Appell des damaligen Kanzleramtsministers Horst Ehmke an Brandt: "Willy, aufstehen, wir müssen regieren."

Wenn schwere körperliche Leiden schon tabu sind, gilt das für psychische Erkrankungen erst recht. Für Nationaltorhüter wie für Bundeskanzler. Umso bemerkenswerter ist der Satz, den Angela Merkel nach Robert Enkes Selbstmord der "Zeit" sagte. "Die Politik ist immer ein Spiegel der Gesellschaft - einer Gesellschaft, in der über psychische Erkrankungen generell nicht offen gesprochen wird."

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insgesamt 21 Beiträge zum Forum...
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20.12.2009 von Tolotos:

Sie schreiben schon zu Recht von sogenannten Leistungsträgern. Um die Abstand von deren Vergütungen für ihre Leistungen von denen eines Durchschnittsbürgers zu legitimieren, müssten viele dieser sogenannten Leistungsträger im [...] mehr...

20.12.2009 von berther:

Ihre Bemerkung deplaziert Sie und zeigt jeden denkenden Menschen , wer und was Sie sind. Sie schaden sich nur selbst. mehr...

20.12.2009 von saul7: Das

kann schon sein. Was würde wohl die Welt dazu gesagt haben, dass Mao-Tse-Tung zu den Zeiten seiner Regentschaft ein schwer depressiver und abhängiger Barbituratkonsument gewesen ist. Das jedenfalls behauptet sein langjähriger [...] mehr...

19.12.2009 von micheldeutsch:

Kann es sein, daß Sie in Ihren 458 Beiträgen das Gegenteil getan haben? immerfreundlich hat 461 Beiträge, so könnte meine Feststellung doch stimmen. Also frisch ran, Sie haben einen Rückstand von 3. mehr...

18.12.2009 von danki: Herr Hengst und der Kaffeesatz

Dieser Herr Hengst entwickelt sich langsam zum Langweiler.Er liest immer bei den Linken etwas aus dem Kaffeesatz.Namen sind Schall und Rauch.Das sollten doch inzwischen die Spiegel-Leute gemerkt haben. Er hätte lieber nach [...] mehr...

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