Berlin - SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Deutschland wäre an der Börse notiert: Würden Sie investieren?
Bulmahn: Ja. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Deutschland gute Aussichten haben. Hier gibt es exzellente Forschungseinrichtungen und junge Leute, die um die Bedeutung der Zukunftstechnologie wissen und sich in diese Richtung ausbilden oder bereits mit eigenen Ideen an den Start gehen.

Edelgard Bulmahn
Bulmahn: Diese Entwicklung war abzusehen. Die Wirtschaft hat Fehler gemacht, die alte Bundesregierung ebenso. Sie haben zu lange gezögert. Hier wurde die Chance, wirklich in die Offensive zu gehen, bereits Anfang der Neunziger verpasst. Die Wirtschaft stellte keine Ingenieure ein, also sind die ins Ausland gegangen. Wir haben jetzt eine Qualifizierungsoffensive gestartet. Das betrifft die Berufsbilder, aber auch die Zahl der Ausbildungsstellen. Die von uns angepeilten 40.000 Ausbildungsstellen werden wir bereits in diesem Jahr erreichen. Auch die Zahl der Informatikstudierenden hat sich innerhalb von drei Jahren verdoppelt.
SPIEGEL ONLINE: Vor allem den Grünen hängt das Image der Technikfeindlichkeit an. Keine gute Voraussetzung für ein investitionsfreundliches Klima.
Bulmahn: Das ist völliger Unsinn. Im Gegenteil: Die alte Bundesregierung hatte die technische Forschung brachliegen lassen und sie hatte die Ausgaben für Bildung und Forschung drastisch gekürzt. Wir haben jetzt die Strukturreform in Angriff genommen und die Mittel für Bildung und Forschung erheblich aufgestockt.
SPIEGEL ONLINE: Die im Wahlkampf angekündigte Verdoppelung des Etats ist ein leeres Versprechen geblieben.
Bulmahn: Nennen Sie mir doch ein Jahr in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in dem die Mittel für Bildung und Forschung um eine Milliarde Mark aufgestockt wurden?
SPIEGEL ONLINE: Die Rede war von einer Verdoppelung.
Bulmahn: Wir hatten angekündigt, in fünf Jahren die Mittel für Investitionen zu verdoppeln. Das werden wir jetzt nicht so schnell erreichen. Aber wir haben bereits massiv aufgestockt und damit auch erst mal kompensiert, was die alte Regierung gekürzt hatte. Aber Investitionen allein reichen nicht. Die Strukturreform ist genauso wichtig. Dazu gehört beispielsweise die stärkere Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
SPIEGEL ONLINE: Aber wann wird sich das konkret auswirken?
Bulmahn: Das wirkt sich schon aus. In diesem Jahr noch nicht auf dem Arbeitsmarkt, aber die steigenden Zahlen in der Ausbildung und dem Studium in den IT-Berufen wird sich in vier bis sechs Jahren deutlich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen. Die eklatante Lücke an Fachkräften, die jetzt da ist, müssen wir mit kurzfristigen Maßnahmen, wie der Anwerbung ausländischer Fachleute, bekämpfen.
SPIEGEL ONLINE: Das Internet entwickelt sich in einem Jahr so schnell wie die "alte Welt" in fünf. Wir müssen also im übertragenen Sinn bis 2030 warten, bis Deutschland den Rückstand aufgeholt hat?
Bulmahn: Ich unterteile nicht. Es ist für mich eine Welt. Ich nutze das Auto genauso wie das Internet.
SPIEGEL ONLINE: Es geht um die Entwicklungsgeschwindigkeit.
Bulmahn: Deshalb müssen wir zweigleisig fahren: Die Qualifikationsoffensive im IT-Bereich fortsetzen und gleichzeitig die aktuelle Lücke mit Fachkräften aus dem Ausland schließen.
SPIEGEL ONLINE: Das ist die technische Seite. Aber ohne Medienkompetenz der Nutzer spaltet sich die Informationsgesellschaft in eine neue Info-Eite und jene, die von dieser Entwicklung ausgeschlossen bleiben.
Bulmahn: Medienkompetenz ist fast schon ein unzureichender Begriff. Auswahl, Bewertung und Einordnung von Informationen ist wichtiger denn je. Aber Information ist noch nicht Wissen und Wissen noch nicht Bildung. Das hat Auswirkungen auf die Bildungseinrichtungen. Wir brauchen die schnellere Ausstattung der Schulen mit PCs, damit Schülerinnen und Schüler im alltäglichen Lernen damit umzugehen wissen. Es reicht ja nicht, sich weltweit Informationen zu holen, man muss sie auch bewerten und auswerten können. Ich bin seit vielen Monaten mit den Herstellern von Hard- und Software und Providern darüber im Gespräch. Die Wirtschaft muss sich engagieren. Das hat jetzt geklappt mit dem Zugang zum Netz.
SPIEGEL ONLINE: Wann ist in Deutschland vernünftige Bildungssoftware zu haben?
Bulmahn: Bildungssoftware muss pädagogisch aufbereitet sein und sie muss für alle Jahrgänge und alle Fächer vorhanden sein. Ich starte in wenigen Wochen ein Programm, das die Entwicklung solcher Software vorantreibt. Wir werden in einem Jahr eine andere Lernsoftware-Welt haben!
SPIEGEL ONLINE: Der erste Kohle-Gastarbeiter hatte in den 60er Jahren von der Bundesregierung einen Roller als Begrüßungsgeschenk erhalten. Was schenken Sie dem ersten Computer-Gastarbeiter?
Bulmahn: Einen Laptop mit rot-grünem Chip.
Das Interview führte Markus Deggerich
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