Besuch aus Hollywood
Guttenbergs Gladiator
Von Sebastian Fischer
Foto: Getty Images
Video: SPIEGEL TV
Bodybuilder trifft Baron: Hollywood-Schauspieler Ralf Moeller organisierte deutschen Soldaten in Afghanistan Fitnessgeräte. Dafür will Verteidigungsminister Guttenberg dem Actionheld jetzt mal Danke sagen. Dass ihn der Muskelmann gleich zum Kanzler kürt, geht dem CSU-Politiker aber doch zu weit.
Berlin - Was für ein Gegensatz. Der eine macht mit in Film- und Fernsehspielen wie "Gladiator", "Conan" oder "Der Superbulle und die Halbstarken". Der andere liest Platon, im Original. Zwischen
Ralf Moeller und
Karl-Theodor zu Guttenberg liegen Welten. Und doch nennen sich der gelernte Bodybuilder und der geborene Baron Freunde.
Deshalb steht jetzt Moeller neben dem deutschen Verteidigungsminister im Berliner Bendlerblock - einen guten Kopf größer, doppelt so breit - und ist einfach beeindruckt. Nach militärischem Gruß ("Ich bin Obergefreiter UA") lobt er Guttenberg als "in jedem Bereich einsetzbar". Moeller schaut den Nebenstehenden von oben nach unten und wieder nach oben an: "Viele sehen ihn irgendwann mal als Kanzler, auch ich." Breites Grinsen. Freundschaftliches Augenverdrehen bei Guttenberg. In Amerika, sagt Moeller, habe man längst vom Baron gehört, vom "Wunderminister".
Und Moeller muss es wissen. Denn er kommt direkt aus Amerikas Traumfabrik: Von Hollywood in den Bendlerblock.
Naja, eigentlich kommt Ralf Moeller aus Recklinghausen. Da hat er als Bademeister angefangen, Erfolge bei Schwimmwettkämpfen gehabt und ist schließlich ins Bodybuilder-Fach gewechselt, wo er seinem Idol Arnold Schwarzenegger nacheifert. Moeller schafft es schließlich bis zum Mister Universum der Amateure. Das ist jetzt aber auch schon mehr als 20 Jahre her. Über Nebenrollen kommt er nach Hollywood, lebt heute mal in München, mal in Malibu, gleich um die Ecke von Schwarzenegger.
Guttenberg sagt "Danke"
Sein Weg zu Guttenberg allerdings führt über Afghanistan. Weil er so viele Autogrammwünsche von deutschen Soldaten bekam, wollte er etwas für sie tun, wo ihr Leben in den Kasernen doch eingeschränkt sei: "Die können ja nicht einfach ins Café nach Kabul gehen". Nein, "die brauchen Fitness". Moeller organisierte also im vergangenen Jahr Fitnessgeräte, machte sich um den Muskelaufbau der deutschen Truppe am Hindukusch verdient und war ein paar Tage vor Ort.
Guttenberg sagt, Moeller werbe wie er um "Verständnis für den deutschen Einsatz". Dafür wolle er Danke sagen. Nun habe man sich "gegenseitig angedroht", nächstes Jahr mal gemeinsam nach Afghanistan zu fliegen. Moeller nickt kräftig. Es gefällt ihm hier im Ministerium, wo er die Offiziere konsequent duzt. Der neue Minister habe "klare Worte", jetzt fühle sich auch die Truppe besser.
"Jetzt"? Moeller kennt auch Guttenbergs Vorgänger Franz-Josef Jung ganz gut. Der war recht glücklos in Amt und Kommunikation.
An klaren Worten herrscht beim Bodybuilder nun wirklich kein Mangel. Wie er denn das bezeichne, was in Afghanistan geschehe? "Das ist auf jeden Fall ein Krieg, da fallen Soldaten. Wir befinden uns in einem Krieg, das muss man ganz klar sagen." Guttenberg verzieht keine Miene, sein Mund ist ein Strich. Vor kurzem hatte er die bisherige deutsche Krypto-Kommunikation entkrampft, indem er von "kriegsähnlichen Zuständen" in Teilen Afghanistans sprach.
Kanzlerkür im Bendlerblock
Das war das Maximum. Moeller aber geht noch kräftig darüber hinaus - und artikuliert damit möglicherweise das, was deutsche Soldaten in Afghanistan wirklich fühlen: eben dass sie in einem Krieg stehen. Zwar bleibt Guttenberg an dieser Stelle stumm, widerspricht aber auch nicht. Nur die Sache mit der nahenden Kanzlerschaft, die muss er natürlich zurückweisen: "Der Verteidigungsminister sieht sich als Verteidigungsminister."
Als was sich Moeller in Zukunft sieht, wird nicht ganz klar. Vor vier Jahren lernte er Angela Merkel auf der Berlinale kennen, am nächsten Tag bekam er einen Anruf aus der CDU-Zentrale: Ob er nicht Wahlkampf machen wolle für Merkel. Eigentlich favorisierte er den damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder, "wegen seiner Zigarren und seinem Geschmack für gute Anzüge" - dann aber machte er doch bei Merkel mit.
Moeller wurde politisch. Kurz darauf kokettierte er damit, dass er nicht den gleichen Fehler wie Schwarzenegger begehen werde, der zwar Gouverneur von Kalifornien geworden sei aber als nicht gebürtiger Amerikaner nie Präsident werden kann: "Ich werde deswegen lieber Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dann kann ich später auch Bundeskanzler werden."
Guttenberg lernt er in Hannover kennen, "als ich mit Merkel und Schwarzenegger auf der Cebit war". Das "Ich" steht vorn bei Moeller. Auch an diesem Berliner Novembertag habe er schon mit dem Gouverneur telefoniert: "Ich hab' ihm mitgeteilt, was wir hier so machen." Und Schwarzenegger? Der habe Guttenberg grüßen lassen.
Der transatlantische Dialog geht herrlichen Zeiten entgegen.
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DIE POSITIONEN DER PARTEIEN ZUM AFGHANISTAN-EINSATZ
Die Union will die Gefahr bannen, dass "Instabilität und Terror"
von Afghanistan aus auch auf Deutschland ausstrahlen. Mit Blick auf
den deutschen Einsatz betont die Union, dass militärische
Sicherheit und ziviler Aufbau voneinander abhängig seien. "Ohne
Sicherheitspräsenz ist kein Wiederaufbau, ohne Erfolge beim
Wiederaufbau keine Reduzierung der Sicherheitspräsenz möglich." CDU
und CSU wollen den Afghanistan-Einsatz zeitlich nicht konkret
begrenzen. Sie machen vielmehr "tragfähige staatliche Strukturen"
zur Voraussetzung für eine "spätere Reduzierung und schließlich zur
Beendigung" des militärischen Engagements. Bundeskanzlerin Angela
Merkel (CDU) forderte im September 2009 aber eine deutliche
Verbesserung der Lage bis zum Jahr 2014.
Auch die SPD fordert, Afghanistan dürfe nicht wieder zum
Zufluchtsort für Terroristen werden. Die Partei wirbt im
Wahlprogramm für eine Kombination aus zivilgesellschaftlicher und
entwicklungspolitischer Hilfe sowie einem "zivil-militärischen
Ansatz", der auf die verstärkte Ausbildung afghanischer
Sicherheitskräfte zielt. Kanzlerkandidat und Ex-Außenminister
Frank-Walter Steinmeier fordert nun außerdem, "die Grundlagen für den Abzug der Bundeswehr" zu schaffen. In einem Zehn-Punkte-Plan hat er die Bedingungen für das Ende des deutschen Engagements definiert. Bis 2011 soll demnach im von Deutschland kontrollierten Norden Afghanistans "eine angemessen ausgebildete Polizei" existieren.
Die FDP würdigt den deutschen Afghanistan-Einsatz. Er habe dazu
beigetragen, "dass das Land bislang nicht wieder zum zentralen
Rückzugsort für international agierende Terroristen geworden ist".
Es sei allerdings versäumt worden, den Aufbau effizienter
Regierungs-, Verwaltungs- und Sicherheitsapparate voranzutreiben.
Dieses Versäumnis habe auch die Bundesregierung mit zu
verantworten. Die FDP will in diesem Bereich mehr Tempo machen, "um
den Zeitraum des Einsatzes der internationalen Truppen zu
begrenzen". Sie fordert zudem einen stärker regionalen Ansatz und
die Einbeziehung von Ländern wie Pakistan, Russland, China und
Iran. Die FDP hält die internationale Truppenpräsenz für eine
"Übergangszeit" weiterhin für erforderlich.
Die Grünen kritisieren die bisherige Afghanistan-Strategie wegen
ihrer "Dominanz militärischer Lösungen". Ein so verstandener "Krieg
gegen den Terror" sei nicht zu gewinnen. Deswegen müsse der
US-geführte Anti-Terror-Einsatz "Enduring Freedom" (OEF) sofort
beendet werden. Trotz aller Kritik bekennen sich die Grünen aber
grundsätzlich zur "Verantwortung für Afghanistan und zu einem
Engagement, das den Aufbau des Landes in den Mittelpunkt stellt".
Eine Weiterführung des deutschen Einsatzes wollen die Grünen nur
unterstützen, wenn ein Strategiewechsel hin zu mehr zivilem
Engagement umgesetzt wird.
Die Linke fordert, "die Bundeswehr sofort aus Afghanistan
abzuziehen". "Auslandskriegseinsätze" - auch unter Uno-Mandat -
lehnt sie kategorisch ab. Die Linke wirft der Nato vor, ihre
eigentliche Absicht beim Einsatz in Afghanistan sei es, "sich als
globale Interventionsmacht zu zeigen". Ein militärischer Sieg im
sogenannten Anti-Terror-Krieg sei unmöglich.
KARZAI UND AFGHANISTAN
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Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des
Afghanistan- Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der
Petersberger Afghanistan- Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die
Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der
Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.
Hamid Karzai wurde 1957 in
Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen
Paschtunen- Stamm der
Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den
Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die
sowjetische Besetzung Afghanistans. Aus dem Exil in
Pakistan unterstützte Karzai die
Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen. Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.
Nach Beginn des
Afghanistan- Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen
Taliban beschloss der
Uno- Sicherheitsrat, eine internationale Schutztruppe im Land (
Isaf) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau
Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile
Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind. Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt
Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die
Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr rund 55.000 Soldaten aus 41 Ländern an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 lieferte die
Bundeswehr sechs
Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit knapp 3500 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.
Da die
Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete
Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban. Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den
Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von
Rohopium. Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die
Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben.
Isaf-Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.
Der
Afghanistan- Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die
Terroranschläge vom 11. September 2001. Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk
al- Qaida, das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische
Taliban-Regime. Die Taliban wurden bezichtigt,
Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen. Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt
Kabul und der Provinzhauptstädte
Kandahar und
Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der
Petersberger Afghanistan- Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident
Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden
Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der
Uno- Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das
Isaf-Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Derzeit versuchen rund 55.000 Soldaten aus 41 Ländern das Land zu befrieden.