SPIEGEL ONLINE: Herr Erdogan, die Koalition streitet über zusätzliche Leistungen für Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen - entweder Barauszahlung oder Gutschein. Sie betreuen als Psychologe türkische Väter aus Neukölln, deren Familien oft von Hartz IV leben. Würden die sich nicht über 150 Euro in bar freuen?
Kazim Erdogan: Natürlich könnte jeder von ihnen das Geld sehr gut gebrauchen - auch für die Kinder. Aber viele Migranten denken ein Stück weiter: Die Väter, die jeden Montag in meine türkische Männergruppe kommen, sorgen sich ernsthaft um ihre Kinder und um deren Chancen in der deutschen Gesellschaft. Sie empfinden das Betreuungsgeld als einen bildungspolitischen Rückschritt - egal, ob es bar ausgezahlt wird oder als Gutschein. Die türkischen Männer aus Neukölln halten das Betreuungsgeld für schädlich und für absoluten Unfug.
SPIEGEL ONLINE: Politiker argumentieren, dass mit dem Betreuungsgeld die Wahlfreiheit der Eltern, ob sie ihr Kind zu Hause erziehen wollen oder in eine Kita bringen wollen, gestärkt werde. Was meinen Sie?
Erdogan: Zu Hause zu bleiben, statt in die Kita zu gehen - für sehr viele Kinder aus Einwandererfamilien ist das ein riesiges Problem. Genau das sehen viele Türken aus Neukölln. Sie wissen, dass ihre Kinder in Deutschland nur Chancen haben, wenn sie früh Deutsch lernen. Die Politik muss diese Eltern nun auch davon überzeugen, dass ihre Kinder in der Kita gut aufgehoben sind. Das geht nur mit mehr Kitaplätzen, mehr Erzieherinnen, mehr Geld. Auch wenn sie die besten und liebevollsten Mütter der Welt sind - viele Türkinnen sind einfach nicht für die Bildungsaufgaben des 21. Jahrhunderts erzogen. Sie sind schlicht überfordert mit der Erziehung ihrer Kinder, oft sitzen schon die Kleinsten stundenlang vorm türkischen Fernsehen. Wo sollen sie dann Deutsch lernen? Mehr Geld an die Familien zu geben, hilft überhaupt niemandem!
SPIEGEL ONLINE: Warum schicken denn so wenige Migranten ihre Kinder in eine Kita?
Erdogan: Die meisten türkischen Mütter sind nicht berufstätig und sie denken, sie könnten ihre Kinder selbst besser erziehen als die Kita - das stimmt aber nicht. Außerdem wollen viele das Geld sparen. Es gibt auf türkischer Seite viele Vorurteile zu deutschen Kitas. Wir müssen deshalb dringend Aufklärungsarbeit leisten.
SPIEGEL ONLINE: Die Koalition will das Kindergeld ab 2010 um 20 Euro erhöhen. Welchen Nutzen hat das für Kinder aus armen Einwandererfamilien?
Erdogan: Die meisten Migranten, die ich in Neukölln betreue, halten davon überhaupt nichts. Statt 20 Euro mehr aufs Familienkonto, sollte das Geld an die Schulen der Kinder überwiesen werden - eine Schule mit 400 Schülern hätte dann 8000 Euro zusätzlich im Monat. Damit könnte gesundes Essen für arme Kinder oder Einzelnachhilfe bezahlt werden. Dann käme das Geld unbürokratisch und zielsicher denen zugute, die es wirklich brauchen - für die Bildung.
SPIEGEL ONLINE: Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), fürchtet, dass eine Barauszahlung des Betreuungsgeldes dazu führt, dass Eltern das Geld für Zigaretten, Alkohol oder den Pay-TV-Beitrag ausgeben, statt ihre Kinder in die Kita zu geben. Sehen Sie diese Gefahr auch?
Erdogan: Herr Buschkowsky hat größtenteils Recht - Verallgemeinerungen bei diesem sensiblen Thema halte ich dennoch für fatal. Aber die Gefahr ist da und deshalb muss das Geld dringend direkt in Bildungseinrichtungen fließen.
SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Merkel hat davor gewarnt, Eltern zu bevormunden und ihnen die Fähigkeit abzusprechen, verantwortungsvoll mit staatlichen Leistungen umzugehen. Fühlen sich Migranten in der politischen Debatte stigmatisiert?
Erdogan: Ja, natürlich und das ist gefährlich, denn damit werden die Menschen verschreckt. Sie fühlen sich in die Ecke gedrängt und nur noch als Problem wahrgenommen. Schon die Attribute, mit denen wir sozial schwache Menschen beschreiben - "bildungsfern", "Unterschicht" - sind vollkommen kontraproduktiv. Wenn wir Migranten für Bildung sensibilisieren wollen, dann muss die Politik sie anders ansprechen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Migranten eigene politische Forderungen aufstellen und am politischen Diskurs teilnehmen.
Das Interview führte Anna Reimann
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Generell eine gute Idee. Denn die Kinder müssen gefördert werden, auch gegen den Einfluss der Eltern. Eltern, die schon selber in der Schule versagt haben, weil sie die Schule und die `Lehrer verachten, können ihre Kinder, weder [...] mehr...
Gut gesagt. Der Mangel an Familienleben betrifft übrigens gutsituierte Familien gleichermassen wie die vielgeschmähten "bildungsfernen Schichten". Man spricht dann von "Wohlstandsverwahrlosung". Das sehe [...] mehr...
Einkommensschwache Eltern - aber auch gutverdienende Eltern, dikriminieren ihre Kinder selbst, in dem diese nicht - entweder aus Geld - oder aus religiösen Gründen , am Schulunterricht teilnehmen dürfen. Mittagbrot wird auch in [...] mehr...
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