Von Sebastian Fischer und Philipp Wittrock
Berlin - Ursula von der Leyen wollte in der neuen Regierung unbedingt etwas anderes machen. Das Gesundheitsressort zu übernehmen, Chefärztin der Republik zu sein, das war der große Wunsch der Medizinerin. Als sich abzeichnete, dass der Traum nicht in Erfüllung geht, bot sie sich noch für einen Job in Brüssel an. Doch die Kanzlerin ließ sie nicht ziehen. Von der Leyen musste Familienministerin bleiben.
Jetzt, nur vier Wochen nach der schwarz-gelben Machtübernahme, bekommt die 51-Jährige überraschend doch noch einen neuen, einen wichtigen Job. Von der Leyen wechselt an die Spitze des Arbeits- und Sozialressorts, das über den größten Einzeletat des Bundeshaushalts verfügt.
Pflichtgemäß bedauert von der Leyen am Freitagabend den Rückzug von Franz Josef Jung von diesem Posten, um dann sofort nach vorne zu blicken: "Ich werde mich mit aller Kraft für die anstehenden Aufgaben einsetzen", sagt die CDU-Politikerin, nachdem die Kanzlerin sie vorgeschlagen hat. Am Montag soll von der Leyen die Amtsgeschäfte ihres Vorgängers übernehmen.
Sie wird sofort eine unangenehme Botschaft zu verkünden haben: Am Dienstag muss sie die gestiegenen Arbeitslosenzahlen vom November kommentieren. Das wird ein paar Monate so weitergehen: Nicht nur der Winter, vor allem die Krise belastet den Arbeitsmarkt. "Drückend spürbar" würden deren Auswirkungen, sagt von der Leyen, wichtige und komplexe Reformen stünden an. Im Blick dürfte sie dabei vor allem die verfassungskonforme Neuordnung der Hartz-IV-Jobcenter haben, die sie in den kommenden Wochen mit den Ländern aushandeln muss.
Mit Reformen kennt sich die Niedersächsin, die in ihrer Heimat "Röschen" genannt wird, aus. Als Merkel sie 2005 zur Familienministerin machte, brachte sie mächtig Schwung in ein Ressort, das Gerhard Schröder (SPD) in seiner Regierungszeit als "Gedöns" abtat. Mehr Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, Elterngeld, Ausbau der Kinderkrippen, Vätermonate - von der Leyen modernisierte die Familienpolitik der Union. Sie blieb bei ihrer Linie, auch wenn sie des Öfteren den konservativen Parteiflügel gegen sich aufbrachte. In der Bevölkerung wurde die zierliche, siebenfache Mutter zur Sympathieträgerin und verdiente sich den Spitznamen "Super-Nanny".
Köhler auf einer Wellenlänge mit von der Leyen
Da kann Kristina Köhler natürlich nicht mithalten. Die erst 32-jährige Nachfolgerin im Familienministerium ist kinderlos und unverheiratet. Aber politisch liegt sie mit von der Leyen - und der Kanzlerin - auf einer Wellenlänge. So stritt sie bereits in der Grundsatzprogrammkommission ihrer Partei für die Modernisierung der CDU-Familienpolitik. Mit Erfolg.
So war es immer. Bisher ist nichts schiefgegangen in der politischen Karriere Köhlers, die seit 2002 im Bundestag sitzt, seit der letzten Bundestagswahl sogar als direkt gewählte Wiesbadener Abgeordnete. Dabei hat sie sich durchgesetzt gegen die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und den früheren FDP-Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt.
Mit den Themen Islam, Integration und Extremismus machte sie sich schnell einen Namen, die promovierte Soziologin (Dissertation über "Gerechtigkeit ist Gleichheit?") ist bekannt für ihre präzise Sprache. Mal wollte sie die CDU für verfassungstreue Muslime öffnen, mal knöpfte sie sich in einer Bundestagsrede eine rechtsextremistische türkische Zeitung vor, die kurz darauf verboten wurde.
Kämpferin gegen Extremismus
Köhler streitet für den Islam und gegen den Islamismus. Extremismen von rechts und links sind ihr gleichermaßen ein Übel. Dabei ging sie in der Vergangenheit zudem nicht gerade zimperlich mit der Linkspartei um. Sie halte deren Überwachung durch den Verfassungsschutz "für absolut richtig", sagte sie der "taz". Die bürgerliche Gesellschaftsordnung gelte vielen in der Linken "schon als präfaschistisch. Das ist Chávez light".
Breitere Bekanntheit im politischen Berlin erlangte Köhler durch ihre Auftritte im BND-Untersuchungsausschuss, in dem sie sich mit dem damaligen Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier immer wieder scharfe Wortgefechte lieferte. Die gingen nicht immer gut für den SPD-Mann aus.
Wie Vorgängerin von der Leyen gilt Köhler als Liberale in ihrer Partei - obwohl sie über den ewigen Kanzler zur Politik gefunden hat. Und über den Mauerfall 1989. Da war sie zwölf Jahre alt. "Die anderen Mädchen schwärmten für Pferde, ich für Helmut Kohl", sagte sie dem "Handelsblatt". Die Namen von Kohls Kabinettsmitgliedern konnte sie auswendig hersagen. Heute hält sie Kontakt zu den Grünen, ist Mitglied der schwarz-grünen "Pizza-Connection". Ihre beste Freundin ist bekennende Grüne.
Aus ihrer Zielstrebigkeit machte Kristina Köhler nie einen Hehl. Nach ihrem Abitur 1997 beschrieb sie in der Abi-Zeitung ihre Pläne: Längerfristig wolle sie die erste Frau sein, "die Ehe, Kinder und Karriere unter einen Hut bringt, ohne dass irgendein Teil darunter leidet und ohne jemals zur Feministin zu werden". Mit der Blitzkarriere ins Kabinett ist ihr schon mal ein entscheidender Schritt gelungen.
Talent in politischer PR
Auch Ursula von der Leyen hat einen rasanten politischen Aufstieg hinter sich. 1990 trat die Tochter des einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in die CDU ein, aktiv engagierte sie sich jedoch erst einige Jahre später. Schon 2004 zog sie ins Präsidium der Bundes-CDU ein. Ein Jahr zuvor eroberte sie ihr erstes Mandat im Landtag von Hannover, der neue Ministerpräsident Christian Wulff machte die damals noch unerfahrene Politikerin sofort zur Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit.
Auf diesem Posten, so betont von der Leyen am Freitagabend, habe sie "erste Erfahrungen mit der Breite der Sozialpolitik" machen dürfen. Auch als Familienministerin habe sie schon viel mit dem Bundesarbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit zusammengearbeitet.
Auch Merkel verweist bei der Vorstellung der Personalien auf von der Leyens Erfahrung, "um dieses wichtige Amt in der Bundesregierung erfolgreich ausführen zu können". Doch vor allem weiß die Kanzlerin: Im Gegensatz zu Franz Josef Jung besitzt dessen Nachfolgerin viel Talent in politischer PR. Sie wird es auch im neuen Amt brauchen.
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