Von Annett Meiritz
Hamburg - Während drinnen Merkel, Bush, Putin und Co. parlierten, tobten draußen die Gipfelstürmer. Tagelang belagerten Tausende Demonstranten den Hightech-Zaun um das Ostseebad Heiligendamm, der die Mächtigen des G-8-Gipfels umschloss. Querfeldein bahnten sich Züge bunt bemalter und fahnenschwenkender Protestler ihren Weg durch Buchenwälder und Klatschmohn, blockierten Zufahrtswege und Autobahnen. Hundertschaften von Polizisten versuchten, die Gipfelgegner vom Zaun fernzuhalten. Oft vergeblich.
Der Massenprotest im Sommer 2007 war ein Höhepunkt der Anti- Globalisierungsbewegung des vergangenen Jahrzehnts. Forderungen wie Umweltschutz, Frieden, Armutsbekämpfung und das Ende von Ausbeutung, Militarismus und Unterdrückung der Entwicklungsländer waren zwar nicht neu. Die Schlagkraft, Bandbreite und internationale Vernetzung der Strömung schon.
1999 legten Zehntausende Protestler die Tagung der Welthandelsorganisation WTO in Seattle lahm. Ein Jahr zuvor hatte sich in Frankreich die Gruppe Attac gegründet, das in Europa bekannteste globalisierungskritische Netzwerk. Hinter dem Namen, der nach Angriff und Faustkampf klingt, verbirgt sich die Abkürzung eines Netzwerks zur Einführung einer Sondersteuer (siehe Kasten). Attac griff die Ängste der Bevölkerung vor der wirtschaftlichen Weltverflechtung auf, vor schleichendem Strukturwandel, Lohndumping und Jobverlust.
Genua brachte den Durchbruch
Vor allem der G-8-Gipfel 2001 in der norditalienischen Hafenstadt Genua befeuerte die Bewegung junger Globalisierungsgegner, zumal die Polizei teilweise brutal gegen Demonstranten vorging, nachts in Unterkünfte eindrang, Schlafende verprügelte und schwer verletzte. Bei Ausschreitungen mit dem Schwarzen Block erschoss die Polizei den 23-jährigen Demonstranten Carlo Giuliani. Die Aufmerksamkeit der Medien war auf einen Schlag da.
Genua machte aus einem Haufen alternativer Splittergruppen eine massentaugliche Protestbewegung. Dank des Internets konnte sie sich institutionalisieren, ihre Mitglieder zum Blockadetraining zusammentrommeln oder zur Gründung von Regionalgruppen aufrufen. Die neue linke Protestkultur kam innovativ und kreativ daher wie nie. Clevere Parodien wir die perfekt gefälschte "New York Times" der Aktivistengruppe "The Yes Men" in Millionenauflage, die das Ende der Kriege in Irak und Afghanistan verkündete, sorgten für Aufmerksamkeit. Die Spaßguerilla der Sechziger erlebte ihre Renaissance in der mit Seifenblasen bewaffneten "Clown's Army".
Die moderne Apo holte Spruchbänder wie "Global denken, lokal handeln" oder "Ihr G8 - wir sechs Milliarden" hervor. Dröge Gipfel und Weltwirtschaftsforen verwandelten sich in Spektakel - und die Staatenlenker waren plötzlich gezwungen, bei ihren Treffen auch die Argumente der Demonstranten zu diskutieren, die draußen vor der Tür "eine andere Welt" propagierten.
Doch die Globalisierungskritiker kämpften auch immer mit dem Image einer gewaltbereiten Chaotentruppe. Über die schillernden Bilder vom Zaun in Heiligendamm schoben sich schnell Aufnahmen von Rauchwolken und Wasserwerfern über randalierenden Vermummten. Bei der Auftaktdemo in Rostock wurden 500 Protestler verletzt - und ebenso viele Polizisten. Die Bilder der Steinewerfer brannten sich ein, auch wenn sich Attac und viele andere Protestbündnisse von den Autonomen distanzierten ("Wir wollen euch nicht mehr sehen").
Botschaft verwässert, Ziele zerfasert
Organisationen wie Attac stehen und fallen zudem mit der politischen Gemengelage. 2003 war es der Irak-Krieg, der der Gruppe starken Zuwachs bescherte, 2005 der Protest gegen die rot-grüne Agenda 2010. Doch auf die gut besuchten Hartz-IV-Demos folgte die Flaute. Die Zahl der Mitgliedsanträge bei Attac sank, Bilder von spektakulären Aktionen wurden seltener, der Boom schien vorbei.
Attac ist inzwischen in rund 50 Ländern vertreten und hat nach eigenen Angaben 90.000 Mitglieder, darunter Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, Friedensgruppen und Umwelt- und zivilgesellschaftliche Organisationen. Paradoxerweise leidet Attac gerade an dieser Offenheit, daran, dass sich dem Netzwerk immer neue Gruppen anschließen. Ob EU-Verfassung, Irak-Krieg, Bushs Deutschlandbesuch, Nebeneinkünfte von Politikern oder Hartz IV: Die Attac-Fahne fehlte irgendwann auf fast keiner Demonstration mehr.
Das Profil wurde dadurch nicht geschärft, im Gegenteil: Die Botschaft verwässerte, die Bewegung zerfaserte. "Die neue Apo hat kein gemeinsames Ziel, keinen gemeinsamen Plan - es gibt nur ein gemeinsames Gefühl: dass etwas passieren muss", schrieb Tilmann Prüfer kurz vor der Bundestagswahl in der "Zeit".
Der Mobilisierungsgrad ist längst nicht mehr so hoch wie vor ein paar Jahren. In Deutschland schlossen sich mehrere Attac-Aktivisten der Linkspartei an, auch die Grünen rekrutieren frühere Wortführer. Beim letzten G-8-Gipfel im italienischen L'Aquila waren nur vereinzelt Aktionen zu sehen. In der vom Erdbeben schwer gezeichneten Stadt wollte kaum jemand Bambule machen.
Politischer Mainstream
Themen, die früher die Manifeste der Globalisierungskritiker dominierten, sind heute politischer Mainstream. Die Wettbewerbshüter der EU drängen auf eine Zerschlagung der Stromkonzerne, Bundespräsident Horst Köhler warnte nach dem Bankenkollaps in den USA vor dem "Monster Finanzmärkte", die SPD-Spitze startete im vergangenen Wahlkampf einen Feldzug gegen Steueroasen, gemeinsam mit Großbritannien warb sie beim G-20-Treffen gar für die Einführung einer globalen Finanzmarktsteuer.
Darin sieht auch Politikwissenschaftler Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac ein Problem: "Themen wie Klimaschutz, Armut und Hunger der Dritten Welt, speziell in Afrika, sind rhetorisch in den Vordergrund solcher Treffen gerückt. Auch wenn diese nur mit wenig konkreten Ergebnissen auf den Gipfeln diskutiert werden, nimmt es den Protesten ein Stück weit den Wind aus den Segeln."
Auf die Finanzkrise scheinen die Gipfelstürmer ebenso wenig Antworten wie die Regierungen zu haben. Seit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008 verzeichnet Attac in Deutschland zwar wieder steigende Mitgliederzahlen. Aber in der öffentlichen Debatte ist es verhältnismäßig still um Attac & Co. geworden. Ein paar Protestaktionen, ein Kinowerbespot - das war's.
"Die Globalisierungskritiker werden erwachsen"
Es scheint, als müssten die Gipfelstürmer am Ende des Jahrzehnts ihre eigene Krise bewältigen. Vielleicht liegt gerade darin ihre Chance, sich neu zu erfinden. "Die Globalisierungskritiker werden erwachsen", schreibt die kanadische Aktivistin Naomi Klein ("No Logo") in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Rundschau" - und führt als Beispiel den laufenden Klimagipfel in Kopenhagen an.
45.000 Ökoaktivisten werden in der dänischen Hauptstadt erwartet und repräsentieren eine global vernetzte Klima-Bewegung. Da gibt es das Climate Action Network (CAN), das rund 450 NGOs umfasst, darunter Protestprofis wie Oxfam, Greenpeace oder der WWF, und geschlossen einen Alternativgipfel organisiert. Oder die 50 jungen Umweltaktivisten der "Klimapiraten", die mit zwei Schiffen über die Ostsee zur Konferenz segeln.
Die Aktivisten von Kopenhagen bündeln ihre Schlagkraft, konzentrieren sich auf ein Kernthema und wollen konkrete Forderungen auf die Tagesordnung zwingen - etwa, dass reiche Länder den ärmeren eine Entschädigung für ihre "Klimaschulden" zahlen sollten.
Zugleich lokalisiert sich die Protestkultur: Die NGO Avaaz etwa trägt sich über Internet-Mitgliedschaften und Online-Petitionen, hat eigenen Angaben zufolge weltweit drei Millionen Unterstützer. Avaaz fordert online zur "Klima-Mahnwache" am eigenen Wohnort auf. Der moderne Protestler muss sich also gar nicht mehr zum Gipfelsturm bewegen, sondern kann die Demo auch am Gartenzaun abhalten.
Auf anderen Social Networks posten:
attac ist ist spätestens nach Heiligendamm (2007) im System angekommen. Die restlichen attacies haben mittlerweile eine Heidenangst davor, als antikapitalistisch eingestuft zu werden. Es gibt einen festen Stamm von etwa 40 Leuten, [...] mehr...
Auch nach acht Jahren und zahlreichen Gerichtsverfahren kann man offensichtlich immer noch einen Film zusammenschneiden, der den Skandal in Genua, die massiven und systematischen Misshandlungen durch die Polizei, verschweigt. [...] mehr...
Die einzige Krise, gegen die Attac und all die Globalisierungsgegner ankämpfen, ist ihre eigene Heuchelei und Überflüssigkeit.... mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Die 2000er | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH