Von Lisa Erdmann
Hamburg - Ein später Abend im Dezember 2009. Bei einer kurzen Zapp-Orgie vor dem Schlafengehen legt der Daumen auf der Fernbedienung eine Pause ein als das Gesicht von Christiane Paul auftaucht. Das junge Gesicht von Christiane Paul - der Film muss gute zehn Jahre alt sein. Prima Schauspielerin, da kann man ja kurz noch mal zehn Minuten hängen bleiben. Sie spielt eine TV-Wetterfee, die mit ihrem Yuppie-Freund, gespielt von Tobias Moretti, darüber streitet, dass er zu viel arbeitet und zu viel in der Welt unterwegs ist. In einer Szene liegt sie auf dem Bett und meckert ihn an. Dabei sagt sie einen Satz, der einem heute die Chips aus dem Gesicht fallen lässt: "Ich muss mich doch auch zwischen Kind und Karriere entscheiden!"
Das klingt genauso anachronistisch, wie die Oversized-Blazer und die backsteingroßen Handys in dem Film aussehen. Kein Drehbuchautor würde solche Worte heute noch so aufschreiben. In einer deutschen TV-Schmonzette aus dem Jahr 2009 würde es vielleicht eher darum gehen, wie die alleinerziehende erfolgreiche Wetterfee einem griesgrämigen Geschäftsmann über den Weg läuft, der am Ende aber doch ein feiner Mensch ist und ihr Herz gewinnt.
Aber damals in den Neunzigern war das tatsächlich so. Es war eine Frage, die sich viele junge Frauen stellten. Kind oder Karriere?
Der Film macht deutlich, wie sich die Stimmung in Deutschland in wenigen Jahren gedreht hat. Kind und Karriere sind auch heute noch schwierig unter einen Hut zu bringen - besonders für Alleinerziehende. Es gibt noch immer zu wenige Betreuungsplätze, vor allem für Kleinkinder. Aber der Unterschied ist, dass heute die Gesellschaft nicht mehr grundsätzlich in Frage stellt, dass es überhaupt möglich ist.
Vor einem Jahrzehnt war die Vorstellung noch weit verbreitet, dass es das persönliche Problem einer jeden Frau selber ist, wie, ob und warum sie Kinder haben und berufstätig sein wollte. Mutter sein hieß in der Regel zu Hause bleiben solange die Kinder klein waren. Im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder galt der Posten der Familienministerin als undankbar - er konnte 1998 ungestraft von "Gedöns" sprechen. Mehr als ein paar augenzwinkernde Ermahnungen kassierte er dafür nicht.
Renate Schmidts Plan für das Elterngeld
Doch dann übernahm die Sozialdemokratin Renate Schmidt das Ressort und nutzte es für einen ernsthaften Umbau der deutschen Wirklichkeit. Sie schwärmte vom skandinavischen Vorbild, wo schon in den siebziger Jahren ein Elterngeld eingeführt worden war. Sie entwickelte entsprechende Pläne - auch für den Ausbau der Krippenplätze, um Frauen die Möglichkeit von Beruf und Familie zu geben. Es ging nicht mehr um die Mutter, die nach Jahren der Kindererziehung irgendwann wieder ein bisschen arbeiten will, sondern um die Frau, die nach einer Geburt eher kurz aus dem Beruf aussteigt.
Es war die Union im Bundesrat, die Schmidt ihre wichtigsten Reformen damals noch zunichtemachte. Doch sie waren längst nicht mehr zu stoppen.
Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel und die CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen führten nach 2005 in der Großen Koalition beherzt die Sozialdemokratisierung der Familienpolitik durch - sogar lauter noch und mit viel mehr Aufhebens als ihre Vorgängerin. Von der Leyen machte vollmundige Ankündigungen und musste schwer dafür kämpfen, sie in den eigenen Reihen durchzudrücken. Die Medizinerin und siebenfache Mutter tingelte durch Talkshows und People-Magazine, um begeistert für ihren persönlichen Lebensentwurf zu werben: Kinder und Karriere. Sie präsentierte sich und ihren Nachwuchs so häufig in Homestorys bis es auch dem letzten Zeitungsleser auf die Nerven ging.
Sie machte Politik für gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen - ihnen wollte von der Leyen die Möglichkeit verschaffen, neben der Arbeit auch Familie zu haben: Ein Jahr Ausstieg aus dem Job ohne kompletten Lohnverzicht. Gegen den Willen erzkonservativer Unionskreise setzte sie beim Elterngeld sogar Vätermonate durch - vom damaligen CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer als "Wickelvolontariat" verspottet. Im Eilschritt verordnete sie gleich noch den Krippenausbau für Kinder unter drei Jahren bis 2013 - musste dafür aber ein Gegentor der Konservativen einstecken, die parallel dazu ein Betreuungsgeld für diejenigen in Aussicht stellten, die ihre Kinder zu Hause behalten.
Babyquote als Geigerzähler des Erfolgs
Von der Leyen propagierte ihre Politik als einzig wahren Weg gegen den Geburtenrückgang in Deutschland und gegen den drohenden Absturz in einen Greisenstaat. Nur ein paar Stellschrauben verdrehen - und dann wird das schon mit dem Kinderkriegen. Unter ihrer Ägide mussten die Experten beim Statistischen Bundesamt plötzlich nicht mehr nur jährlich die Zahl der geborenen Kinder veröffentlichen, sondern jeden Monat, was gerade an Zahlen da war: Geburtenzahl, Geburtenrate oder eine Prognose von beidem. Sie erhob die Babyquote zum Maßstab des Erfolgs für ihre Politik - was ihr zunächst Jubel und später Häme einbrachte. Sie selber setzte bei der Erfüllung ihrer Erwartungen ein Tempo an, das so gar nicht einzuhalten war.
Bevölkerungsforscher warnten schon bei der Einführung des Elterngeldes, dass man zehn oder sogar 15 Jahre abwarten müsse, um über Erfolg oder Misserfolg zu urteilen. Drei Jahre nach seiner Einführung hat dieses Mittel bisher nicht viel an der Zahl der Geburten geändert.
Kritiker warfen von der Leyen vor, dass sie bei ihrer Mission für die berufstätige Akademikerin einen großen Teil der deutschen Familien aus dem Blick verloren hat: die Alleinerziehenden, die in Armut lebenden Kinder.
Dennoch ist ihr ein Erfolg nicht abzusprechen: Sie hat mit ihrer Politik dabei geholfen, eine wichtige Erkenntnis in weite Teile der Gesellschaft zu tragen. Nämlich, dass jede Frau, die einen Beruf ausüben möchte, die Freiheit haben soll, das auch zu tun und dass der Staat die Aufgabe hat, ihr bei der Erziehung der Kinder den Rücken dafür frei zu halten. Der Anteil der Väter, die Elternzeit nehmen, hat sich deutlich erhöht. Noch ist das keine Selbstverständlichkeit, aber in vielen Unternehmen ist es zumindest kein größeres Problem, wenn Männer für eine kurze Phase mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Deutschland hat im ersten Jahrzehnt der 2000er gelernt, in Sachen Familie neu zu denken. Jetzt fehlen nur noch die Babys.
In dem alten Film mit Christiane Paul fällt übrigens am Ende die Entscheidung für das Kind und gegen die Karriere - und zwar bei ihrem Yuppie-Freund.
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Zitat: "Sie machte Politik für gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen - ihnen wollte von der Leyen die Möglichkeit verschaffen, neben der Arbeit auch Familie zu haben: Ein Jahr Ausstieg aus dem Job ohne kompletten [...] mehr...
Na, ich weiss nicht - fordern die Forenfeministinnen sonst nicht immer gleichen Lohn für gleiche Arbeit? Umgekehrt kann man ja durchaus fragen, wieso das "Kümmern um Kinder" für die einen wenig, für die anderen viel [...] mehr...
So beschwerlich und gefährlich der Menschenmangel und Bevölkerungsschwund auch sein mag: Ich möchte nicht mit Indien und Afrika tauschen wollen, denn die Zahl der Kinder auf 2,0 (es gibt momentan nichts zu besiedeln oder zu [...] mehr...
Man hätte sich schon vor 30 Jahren, als die Geburtenraten eingebrochen sind, ernstlich Gedanken über die Sicherstellung einer ausreichenden Reproduktion des Staatsvolkes zu machen; so nimmt das demographische Problem langsam [...] mehr...
Es ist ja eher selten der Fall, aber hier bin ich voll und ganz Ihrer Meinung! ;-) Sie haben es m.M.n. voll auf den Punkt gebracht. mehr...
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