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30.12.2009
 

Vom Gedöns zur Mission

Wie das Kinderkriegen zum Politikum wurde

Von Lisa Erdmann

Babys im Badeeimer: Die Zahl der Geburten stagniert trotz neuer Politik Zur Großansicht
REUTERS

Babys im Badeeimer: Die Zahl der Geburten stagniert trotz neuer Politik

Gerhard Schröder nannte Familienpolitik 1998 noch vernichtend "Gedöns". Das dürfte sich heute kein hochrangiger Politiker mehr erlauben. Im neuen Jahrtausend wurde das Kinderkriegen zum Staatsakt, die Geburtenrate zum belauerten Seismografen für Wohl und Wehe der Gesellschaft.

Hamburg - Ein später Abend im Dezember 2009. Bei einer kurzen Zapp-Orgie vor dem Schlafengehen legt der Daumen auf der Fernbedienung eine Pause ein als das Gesicht von Christiane Paul auftaucht. Das junge Gesicht von Christiane Paul - der Film muss gute zehn Jahre alt sein. Prima Schauspielerin, da kann man ja kurz noch mal zehn Minuten hängen bleiben. Sie spielt eine TV-Wetterfee, die mit ihrem Yuppie-Freund, gespielt von Tobias Moretti, darüber streitet, dass er zu viel arbeitet und zu viel in der Welt unterwegs ist. In einer Szene liegt sie auf dem Bett und meckert ihn an. Dabei sagt sie einen Satz, der einem heute die Chips aus dem Gesicht fallen lässt: "Ich muss mich doch auch zwischen Kind und Karriere entscheiden!"

Das klingt genauso anachronistisch, wie die Oversized-Blazer und die backsteingroßen Handys in dem Film aussehen. Kein Drehbuchautor würde solche Worte heute noch so aufschreiben. In einer deutschen TV-Schmonzette aus dem Jahr 2009 würde es vielleicht eher darum gehen, wie die alleinerziehende erfolgreiche Wetterfee einem griesgrämigen Geschäftsmann über den Weg läuft, der am Ende aber doch ein feiner Mensch ist und ihr Herz gewinnt.

Aber damals in den Neunzigern war das tatsächlich so. Es war eine Frage, die sich viele junge Frauen stellten. Kind oder Karriere?

Der Film macht deutlich, wie sich die Stimmung in Deutschland in wenigen Jahren gedreht hat. Kind und Karriere sind auch heute noch schwierig unter einen Hut zu bringen - besonders für Alleinerziehende. Es gibt noch immer zu wenige Betreuungsplätze, vor allem für Kleinkinder. Aber der Unterschied ist, dass heute die Gesellschaft nicht mehr grundsätzlich in Frage stellt, dass es überhaupt möglich ist.

Vor einem Jahrzehnt war die Vorstellung noch weit verbreitet, dass es das persönliche Problem einer jeden Frau selber ist, wie, ob und warum sie Kinder haben und berufstätig sein wollte. Mutter sein hieß in der Regel zu Hause bleiben solange die Kinder klein waren. Im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder galt der Posten der Familienministerin als undankbar - er konnte 1998 ungestraft von "Gedöns" sprechen. Mehr als ein paar augenzwinkernde Ermahnungen kassierte er dafür nicht.

Renate Schmidts Plan für das Elterngeld

Doch dann übernahm die Sozialdemokratin Renate Schmidt das Ressort und nutzte es für einen ernsthaften Umbau der deutschen Wirklichkeit. Sie schwärmte vom skandinavischen Vorbild, wo schon in den siebziger Jahren ein Elterngeld eingeführt worden war. Sie entwickelte entsprechende Pläne - auch für den Ausbau der Krippenplätze, um Frauen die Möglichkeit von Beruf und Familie zu geben. Es ging nicht mehr um die Mutter, die nach Jahren der Kindererziehung irgendwann wieder ein bisschen arbeiten will, sondern um die Frau, die nach einer Geburt eher kurz aus dem Beruf aussteigt.

Es war die Union im Bundesrat, die Schmidt ihre wichtigsten Reformen damals noch zunichtemachte. Doch sie waren längst nicht mehr zu stoppen.

Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel und die CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen führten nach 2005 in der Großen Koalition beherzt die Sozialdemokratisierung der Familienpolitik durch - sogar lauter noch und mit viel mehr Aufhebens als ihre Vorgängerin. Von der Leyen machte vollmundige Ankündigungen und musste schwer dafür kämpfen, sie in den eigenen Reihen durchzudrücken. Die Medizinerin und siebenfache Mutter tingelte durch Talkshows und People-Magazine, um begeistert für ihren persönlichen Lebensentwurf zu werben: Kinder und Karriere. Sie präsentierte sich und ihren Nachwuchs so häufig in Homestorys bis es auch dem letzten Zeitungsleser auf die Nerven ging.

Sie machte Politik für gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen - ihnen wollte von der Leyen die Möglichkeit verschaffen, neben der Arbeit auch Familie zu haben: Ein Jahr Ausstieg aus dem Job ohne kompletten Lohnverzicht. Gegen den Willen erzkonservativer Unionskreise setzte sie beim Elterngeld sogar Vätermonate durch - vom damaligen CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer als "Wickelvolontariat" verspottet. Im Eilschritt verordnete sie gleich noch den Krippenausbau für Kinder unter drei Jahren bis 2013 - musste dafür aber ein Gegentor der Konservativen einstecken, die parallel dazu ein Betreuungsgeld für diejenigen in Aussicht stellten, die ihre Kinder zu Hause behalten.

Babyquote als Geigerzähler des Erfolgs

Von der Leyen propagierte ihre Politik als einzig wahren Weg gegen den Geburtenrückgang in Deutschland und gegen den drohenden Absturz in einen Greisenstaat. Nur ein paar Stellschrauben verdrehen - und dann wird das schon mit dem Kinderkriegen. Unter ihrer Ägide mussten die Experten beim Statistischen Bundesamt plötzlich nicht mehr nur jährlich die Zahl der geborenen Kinder veröffentlichen, sondern jeden Monat, was gerade an Zahlen da war: Geburtenzahl, Geburtenrate oder eine Prognose von beidem. Sie erhob die Babyquote zum Maßstab des Erfolgs für ihre Politik - was ihr zunächst Jubel und später Häme einbrachte. Sie selber setzte bei der Erfüllung ihrer Erwartungen ein Tempo an, das so gar nicht einzuhalten war.

Bevölkerungsforscher warnten schon bei der Einführung des Elterngeldes, dass man zehn oder sogar 15 Jahre abwarten müsse, um über Erfolg oder Misserfolg zu urteilen. Drei Jahre nach seiner Einführung hat dieses Mittel bisher nicht viel an der Zahl der Geburten geändert.

Kritiker warfen von der Leyen vor, dass sie bei ihrer Mission für die berufstätige Akademikerin einen großen Teil der deutschen Familien aus dem Blick verloren hat: die Alleinerziehenden, die in Armut lebenden Kinder.

Dennoch ist ihr ein Erfolg nicht abzusprechen: Sie hat mit ihrer Politik dabei geholfen, eine wichtige Erkenntnis in weite Teile der Gesellschaft zu tragen. Nämlich, dass jede Frau, die einen Beruf ausüben möchte, die Freiheit haben soll, das auch zu tun und dass der Staat die Aufgabe hat, ihr bei der Erziehung der Kinder den Rücken dafür frei zu halten. Der Anteil der Väter, die Elternzeit nehmen, hat sich deutlich erhöht. Noch ist das keine Selbstverständlichkeit, aber in vielen Unternehmen ist es zumindest kein größeres Problem, wenn Männer für eine kurze Phase mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Deutschland hat im ersten Jahrzehnt der 2000er gelernt, in Sachen Familie neu zu denken. Jetzt fehlen nur noch die Babys.

In dem alten Film mit Christiane Paul fällt übrigens am Ende die Entscheidung für das Kind und gegen die Karriere - und zwar bei ihrem Yuppie-Freund.

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insgesamt 56 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.01.2010 von Die Wahrheit: Wortbruch

Zitat: "Sie machte Politik für gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen - ihnen wollte von der Leyen die Möglichkeit verschaffen, neben der Arbeit auch Familie zu haben: Ein Jahr Ausstieg aus dem Job ohne kompletten [...] mehr...

01.01.2010 von fuji-san: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?

Na, ich weiss nicht - fordern die Forenfeministinnen sonst nicht immer gleichen Lohn für gleiche Arbeit? Umgekehrt kann man ja durchaus fragen, wieso das "Kümmern um Kinder" für die einen wenig, für die anderen viel [...] mehr...

31.12.2009 von Diomedes: Der Menschenmangel: Ein altes Problem...

So beschwerlich und gefährlich der Menschenmangel und Bevölkerungsschwund auch sein mag: Ich möchte nicht mit Indien und Afrika tauschen wollen, denn die Zahl der Kinder auf 2,0 (es gibt momentan nichts zu besiedeln oder zu [...] mehr...

31.12.2009 von Diomedes: Das demographische Problem...

Man hätte sich schon vor 30 Jahren, als die Geburtenraten eingebrochen sind, ernstlich Gedanken über die Sicherstellung einer ausreichenden Reproduktion des Staatsvolkes zu machen; so nimmt das demographische Problem langsam [...] mehr...

31.12.2009 von geishapunk: Titel

Es ist ja eher selten der Fall, aber hier bin ich voll und ganz Ihrer Meinung! ;-) Sie haben es m.M.n. voll auf den Punkt gebracht. mehr...

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Geburten in Deutschland
Jahr 2005 2006 2007 2008
Anzahl Lebend-
geborene
685.795 672.724 684.862 682.524
je 1.000 Einwohner 8,3 8,2 8,3 8,3

Elterngeld

Anfang 2007 führte die damalige schwarz-rote Bundesregierung das sogenannte Elterngeld ein. Es richtet sich besonders an berufstätige Eltern und garantiert diesen zwölf Monate lang 67 Prozent ihres letzten Nettogehaltes. Wenn auch der Vater mindestens zwei Monate Elternzeit nimmt, verlängert sich diese Zeit sogar auf 14 Monate.
Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Väter, die seit der Einführung des Elterngeldes auch Elternzeit genommen haben, von rund 3,5 Prozent im Jahr 2007 auf 20,7 Prozent im 3. Quartal 2009 gestiegen. Allerdings hatten nur 16,7 Prozent der Väter, die Elterngeld bezogen, vor der Geburt ein Einkommen von 2700 Euro netto oder mehr - was darauf hindeutet, dass sich gerade Männer in höheren Positionen seltener eine Auszeit nehmen.
Im Gegensatz zum Elterngeld ist die Elternzeit bis zu drei Jahren möglich - beide Elternteile können dabei bis zu 30 Wochenstunden arbeiten.





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