Peter Heine: Eine bestimmte Todesliste gibt es mit Sicherheit nicht, weil es einfach zu viele islamistische Organisationen, Netzwerke und Einzelgruppen gibt. Die haben alle ihre eigenen politischen oder militärischen Ziele.
SPIEGEL ONLINE: Der Begriff impliziert so etwas wie eine zentrale Lenkung...
Heine: ...die es eindeutig nicht gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das in der Praxis dann vorstellen: Wie und warum wird jemand wie Westergaard zum Ziel erklärt?
Heine: Zunächst einmal: Die Beleidigung des Propheten durch diese Karikaturen ist für manche muslimischen Rechtsgelehrten, vor allem der radikaleren Art, tatsächlich ein todeswürdiges Verbrechen. Ich stelle mir das so vor, dass über solche Fragen in kleineren Zirkeln zunächst diskutiert wird. Dann ist es eine Frage der Kompetenz der jeweiligen Organisation, ob es ihr gelingt, ihre Meinung entsprechend effektiv zu verbreiten. Am Ende mag dann irgendwo auf der Welt in einer kleinen Moschee irgendjemand das hören und sich so darüber aufregen, dass er sagt: Jetzt zieh ich einfach los und tue was.
SPIEGEL ONLINE: Aber zurzeit scheint es eine Häufung von Vorfällen zu geben...
Heine: Ja, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die großen Organisationen - vor allem al-Qaida - fanden, dass es um sie etwas zu ruhig geworden ist. Dass die beschlossen haben, neue Aktionen durchzuführen, um ihre alten Anhänger weiter zu motivieren und neue zu finden. Dafür spricht einiges, unter anderem der vereitelte Bombenanschlag auf den Detroit-Flug.
SPIEGEL ONLINE: Der Eindruck drängt sich auch in Bezug auf das Westergaard-Attentat auf, denn hier liegt der Anlass ja doch einige Zeit zurück. Wäre es möglich, dass die Empörung erneut angeheizt wurde, um jemanden zu Taten zu animieren?
Heine: Ich würde das nicht ausschließen. Ich bin kein Internetspezialist, aber man muss einfach sehen, dass die neuen Kommunikationswege Möglichkeiten geschaffen haben, Menschen über Distanz sehr direkt anzusprechen.
SPIEGEL ONLINE: Aber warum trifft so etwas auf Resonanz? Ist der Islam eine Religion, die die Gewalt naheliegt?
Heine: Der Islam ist eine universalistische Religion, er erhebt einen Anspruch darauf, den Menschen in seiner Gesamtheit zu lenken und zu leiten. Das haben viele andere Religionen auch. Es gibt im Koran und anderen Texten auch Aufrufe zur Gewalt gegen die Feinde Gottes. Als wie wichtig diese Stellen dann interpretiert werden, ist abhängig von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen, die sich jeweils ändern können.
SPIEGEL ONLINE: So wie der Islam früher als Friedensreligion oder als Glaube mit hoher Toleranz bekannt war?
Heine: Auch das ist wieder in bestimmten Texten vorgegeben. Das ist also immer das Problem: Wer interpretiert den Text, wer stellt eine bestimmte Position in den Mittelpunkt seines Diskurses? Die andere Seite der Medaille ist: Worauf wird dann auf Rezipientenseite im Besonderen geachtet? Das gilt auch für die Wahrnehmung des Islams im Westen.
SPIEGEL ONLINE: Aggressiv wäre also nicht die Religion an sich?
Heine: Ich habe ein grundsätzliches Problem mit diesem Begriff: Was ist eine aggressive Religion? Eine, die ihre Positionen auf welche Art auch immer zu verbreiten sucht? Ja, gut: Dann finden wir aber nicht viel anderes als aggressive Religionen oder Ideologien in der Welt.
SPIEGEL ONLINE: ...weil die meisten die alleinseligmachende Weisheit für sich reklamieren. Was uns im Westen allerdings besonders erschreckt, sind Bilder wie die von Kindern, die von ihren Müttern in Mudschahidin-Kluft mit Bombenattrappen zu Festumzügen gebracht werden: die Glorifizierung des Märtyrertums. Spiegelt das die gesellschaftlichen Realitäten in den islamischen Ländern wider?
Heine: Nein. Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt, von denen gelten Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent als radikal. Die derzeitige Situation ist, dass eine bestimmte Form des Islams, wie er beispielsweise in Saudi-Arabien verbreitet ist, durch seine ökonomischen Möglichkeiten immer stärker expandiert. Also sich auch in Ländern, die bisher durch einen sehr toleranten Islam gekennzeichnet waren, stark verbreitet. Nehmen Sie Staaten Südostasiens wie Indonesien oder Malaysia: Auch da hat es starke anti-koloniale Bewegungen gegeben, die sich zum Teil radikal-islamische Terminologien zunutze machten. Aber insgesamt zeichneten sich diese Länder bisher durch eine ausgesprochen entspannte Form des Islams aus, die sich augenblicklich offenbar verändert.
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