• Drucken
  • Senden
  • Feedback
13.01.2010
 

Doppelinterview zum Parteijubiläum

"30 Jahre Grüne? Das war anstrengend"

Foto: SPIEGEL TV

Von der Strickpulli-Fraktion zur etablierten Partei: Nach drei turbulenten Dekaden sind die Grünen in der Polit-Normalität angekommen. Veteran Hans-Christian Ströbele und Jungkraft Sven-Christian Kindler sprechen im SPIEGEL-ONLINE-Interview über den Wandel, schicke Anzüge und Meisterkanoniere.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ströbele, Herr Kindler, wir wollen mit Ihnen heute über 30 Jahre Grüne sprechen - aber zunächst einmal sehen, wie gut sich junge und alte Parteifreunde kennen. Herr Kindler, wussten Sie, dass Ihr Fraktionskollege Ströbele Kanonier der Reserve ist?

Sven-Christian Kindler: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sich dem jungen Kollegen erklären, Herr Ströbele?

Hans-Christian Ströbele: Für uns Abiturienten stand 1959 so was wie Verweigerung gar nicht zur Debatte. Ich hab ein Jahr munter meinen Wehrdienst geleistet - bin aber Kanonier der Reserve geblieben. Das ist der unterste Dienstgrad, eigentlich wird man nach drei Monaten Gefreiter - aber diese Beförderung habe ich aus Protest gegen irgendwas abgelehnt. Dafür wurde ich nach einem halben Jahr Vertrauensmann. Allerdings muss ich zu meiner Schande eingestehen, dass ich Meisterschütze war. Ich habe sogar mal einen Preis gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Womit schossen Sie?

Ströbele: Na mit einer Kanone.

SPIEGEL ONLINE: Und worauf?

Ströbele: Alles mögliche. Panzerattrappen, alte Flugzeuge.


SPIEGEL ONLINE: Um beim gegenseitigen Kennenlernen weiterzumachen: Herr Ströbele, wissen Sie, was ein Controller macht?

Ströbele: Hm. Irgendwas kontrollieren?

Kindler: Ich helfe da gerne weiter: Da ich nach dem Abitur ausgemustert wurde, habe ich direkt bei Bosch angefangen und ein duales Studium zum Betriebswirt gemacht. Danach wurde ich im Controlling übernommen: Das heißt, ich musste das in Zahlen abbilden, was im Unternehmen passiert. Also viele Analysen und Berichte schreiben

Ströbele: Dann muss ich mich korrigieren: Eigentlich hätte ich wissen müssen, was ein Controller macht. Ich war ja mal im Aufsichtsrat der "taz", und da kam auch immer mal ein Mensch, der solche Dinge vorgetragen hat. Klar: Solche Kompetenzen können uns als Grünen nur helfen, nicht nur angesichts der Wirtschaftskrise.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie in den achtziger Jahren zu einem Fraktionskollegen gesagt, der - wie Ihr junger Parteifreund - gern Anzug trägt?

Ströbele: Der Ruf der Grünen, dass alle nur im gehäkelten Pulli rumgelaufen sind, stimmt ja nicht. Ich erinnere nur an Otto Schily.

SPIEGEL ONLINE: Der eine Ausnahme war.

Ströbele: Es gab schon noch ein paar andere, und sie wurden deshalb auf Grünen-Parteitagen nicht bespuckt und auch nicht des Saales verwiesen. Aber es stimmt, wir wollten auch mit unserer Kleidung eine andere Haltung ausdrücken, das war schon so bei den Studentenprotesten Ende der sechziger Jahre. Wir haben alles in Frage gestellt - auch die Kleiderordnung. Das galt für die anwaltliche Tätigkeit genauso. Da weigerten wir uns, Roben anzuziehen oder einen Schlips. Ich finde, jeder soll das tragen, was er angemessen und bequem findet. Und deshalb dürfen Grüne natürlich Anzug tragen.

Kindler: Ich musste bei Bosch oft Anzug und Krawatte tragen. Inzwischen ziehe ich an, was ich mag - manchmal Kapuzenpulli, manchmal eben auch Anzug. Union und FDP im Bundestag sind da viel dogmatischer, selbst in der SPD gibt es doch bei den Männern beinahe eine Anzugspflicht plus Schlips. Individualität sieht anders aus - nämlich wie bei den Grünen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind junge grüne Linke im Anzug wie Sie kein Ausdruck von Mainstream?

Kindler: Man kann im Anzug links und progressiv sein und ohne Anzug rechts und rückständig.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ex-Fraktionschef Fritz Kuhn sagt, die Grünen seien inzwischen eine "normale Partei" geworden - und er freut sich darüber. Sie auch?

Kindler: Natürlich haben sich die Grünen in 30 Jahren weiterentwickelt. 1980 als Anti-Partei-Partei gegründet - inzwischen eine Alternative im Parteiensystem. Das war richtig. Aber alternativ müssen wir bleiben; eine Partei, die grundsätzlich hinterfragt.

Ströbele: Ich sehe Kuhns Einschätzung mit gewissem Grauen. Leider hat er in der Sache weitestgehend recht: Natürlich sind die Grünen inzwischen eine etablierte Partei, viel normaler, als man sich das in der Gründungsphase vorstellte. Glücklicherweise haben wir einige Grundsätze bewahrt, die sich ab und an durchsetzen - gegen das Normale. Das beste Beispiel stammt aus dem Jahr 2007. Da hat die Basis aufgemuckt, gegen das grüne Establishment - und wegen der Afghanistan-Politik der Bundestagsfraktion nicht nur den Sonderparteitag in Göttingen erzwungen, sondern sich am Ende auch noch durchgesetzt. Das rechne ich der Partei so hoch an, dass ich mit manchem "normalen" vollends versöhnt bin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, würden Sie Ihr aktuelles Mandat mit einem in der ersten Grünen-Bundestagsfraktion von 1983 eintauschen?

Kindler: Das war bestimmt eine spannende Zeit. Und ich hätte Figuren wie Petra Kelly gern aus der Nähe erlebt. Aber vieles, was damals diskutiert wurde, beschäftigt uns doch nach wie vor: Umweltschutz, Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit, Krieg und Frieden. Die massiven Streitigkeiten von damals, als man sich wirklich aufs Äußerste intern bekämpft hat, vermisse ich nicht. Ich bin deshalb ganz froh über mein Abgeordneten-Mandat in der Jetztzeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ströbele, Sie kamen 1985 als Nachrücker in den Bundestag. Vermissen Sie die alten Zeiten?

Ströbele: Ich warne davor, die damalige Zeit - ob in der Grünen-Fraktion oder auf Parteitagen - zu idealisieren. Das war ungeheuer anstrengend und nervig. Und mit viel mehr persönlicher Aggressivität verbunden. Für die Beobachter war das toll: Da passierte was, für jeden ersichtlich. Aber für uns, die das durchlitten haben, kann ich sagen: Ich will es nicht zurück.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 450 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.06.2010 von Tschoeni:

Da schmeiß ich mich weg. Die Grünen sind nicht nur ein Wohlstandsphänomen. Vielmehr sind sie auch eine "Wohlfühlpartei". Sie haben es geschafft ihre Partei mit einem positiven Image zu verknüpfen. Das führt dazu, dass [...] mehr...

01.06.2010 von chirin: Wo stehen die Grünen heute?

Was für ein gutes Programm und bis Ende 60ziger haben wir - die im Krieg geborenen - das auch erlebt. Ab 69 ging es bergab! Hinsichtlich der Bildung von Löhnen hat aber die Öffnung der Grenzen das Niveau versaut - zu viele [...] mehr...

01.06.2010 von harrybr: zum Glück

können Sie mir die Welt erklären; ich verstand es nicht mehr. mehr...

31.05.2010 von DiKi: Wo stehen die Grünen heute?

Wenn die Grünen nur ein Wohlstandsphänomen wären,ja dann würde ich mich auch fragen,warum sie derzeit so erfolgreich sind und bei Wahlen immer öfter zweistellige Prozentsätze erzielen!Die Grünen sind aber vielmehr eine [...] mehr...

20.05.2010 von gsm900: Siehe Animal Farm

den Effekt hat George Orwell schon in den Dreissigern beschrieben: Am ende waren die Revoluzzer ( die Schweine) nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Hans-Christian Ströbele

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person

SPIEGEL ONLINE
Hans-Christian Ströbele, 70, und Sven-Christian Kindler, 25, sitzen für die Grünen im Bundestag. Während Ströbele ein bewegtes Leben als Kanonier der Reserve, RAF-Anwalt und Grünen-Pionier hinter sich hat, machte Kindler nach dem Abitur ein duales Studium bei Bosch und arbeitete anschließend als Controller. Der Fraktions-Oldie Ströbele gewann bei der vergangenen Bundestagswahl zum dritten Mal in Folge das Direkt-Mandat in Kreuzberg-Friedrichshain, der jüngste Grünen-Abgeordnete Kindler zog über die niedersächsische Landesliste ins Parlament ein. Trotz ihrer biografischen Gegensätze definieren sich beide als linke Grüne.


Die Geschichte der Grünen

7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft

Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.

13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei

6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl

16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen

25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"

2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen

14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90

27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland

22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm

18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts

15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus

17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün

5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor

28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg

12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident

25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu





TOP



TOP