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13.01.2010
 

Doppelinterview zum Parteijubiläum

"30 Jahre Grüne? Das war anstrengend"

Foto: SPIEGEL TV

2. Teil: Was Ströbele als seinen grünen Ritterschlag erlebte - und warum die Grünen in 30 Jahren noch relevanter sein werden

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr Lieblingsmoment in 30 Jahren, Herr Ströbele?

Ströbele: Als ich nicht mehr nur Repräsentant der Grünen war, sondern von der Mehrheit der Bevölkerung in meinem Wahlkreis gewählt wurde. In den Anfangstagen der Grünen wäre so ein Direktmandat völlig undenkbar gewesen, umso ungeheurer war der Ritterschlag für mich.

SPIEGEL ONLINE: Und der Tiefpunkt?

Ströbele: Genauso eindeutig: die Entscheidung für Kriegseinsätze, die wir zweimal getroffen haben. Beim Kosovo und Afghanistan haben wir nicht nur gegen grüne Grundsätze verstoßen, sondern auch gegen ein jeweils geltendes Programm. Das schmerzt bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, was kann ein junger Grüner von einem Ur-Grünen wie Ströbele lernen?

Kindler: Er ist eine Figur der Zeitgeschichte: RAF verteidigt, Grüne und "taz" mitgegründet, Rot-Grün in Berlin geschmiedet, das erste Direktmandat geholt. Dazu kommt: Er ist sich immer treu geblieben. Natürlich gehörten dazu Kompromisse. Aber seine Überzeugungen waren immer kenntlich. Davon kann man sich einiges abschauen.

SPIEGEL ONLINE: Und andersherum?

Ströbele: Ich bin begeistert über die vielen jungen Leute, die wir jetzt in der Fraktion haben. Die kommen mit einem grundsätzlichen Ansatz für eine andere Politik. Manchmal möchte ich mich da einfach nur danebensetzen und sagen: Ach, davon habe ich die ganzen Jahre geträumt. Ich war immer für Rot-Grün und finde nach wie vor, dass sich die Koalition in wesentlichen Bereichen gelohnt hat. Aber: Die Grünen haben während dieser Zeit einen Teil ihrer Seele verloren. Und für mich sieht es so aus, als würden einige der Jungen davon etwas zurückholen.

SPIEGEL ONLINE: Die Grünen waren immer eine bürgerliche Partei, das sieht man an den Biografien vieler Gründungsfiguren. Warum tut sie sich immer noch so schwer, das einzugestehen?

Ströbele: Natürlich gab es bei uns, wie bei der Studentenbewegung, eine ziemliche Diskrepanz zwischen Herkunft und Selbstwahrnehmung. Wir wollten keine bürgerliche Politik machen, obwohl viele dem Bürgertum entstammten. Aber das war bei linken Bewegungen historisch immer das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Einer der wenigen Grünen mit proletarischem Hintergrund war Joschka Fischer - und der hat sich dem Bürgertum irgendwann an die Brust geworfen.

Ströbele: Weil er dazu gehören wollte.

Kindler: Ich denke, es gibt ja einen Unterschied zwischen dem elitären und dem solidarischen Bürgertum. Und letzteres haben wir zunehmend erreichen können, das stimmt schon.

SPIEGEL ONLINE: Schwarz-Grün wäre also im eigentlichen Sinne eine bürgerliche Koalition?

Kindler: Das mag sein. Aber danach sollten wir keine Koalitionen eingehen. Sondern wir müssen sagen: Das ist unser grünes Programm - und diese Punkte wollen wir in einer Koalition umsetzen. Und da sehe ich immer noch große Probleme bezüglich Schnittmengen mit der Union.

Ströbele: Ich bin da ganz ähnlicher Meinung. Wer mit den Grünen koaliert, der muss über seine eigenen Interessen hinweg die Welt verändern wollen - das ist unser Anspruch. Und den sehe ich bei der FDP überhaupt nicht, bei der Union auch nicht viel mehr. Deshalb würde das auf Bundesebene schiefgehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, Sie sind während der rot-grünen Regierungszeit eingetreten. Müssen die Grünen so schnell wie möglich wieder regieren, wie es Parteichef Özdemir dieser Tage sagte?

Kindler: Nein. Die Grünen wollten ursprünglich das Land und seine Gesellschaft verändern. Das geht in der Regierung wie in der Opposition. Ich will Inhalte umsetzen - und wenn das als Teil der Regierung geht, ist es prima. Ansonsten machen wir eben Opposition.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich sehr geplagt in den Jahren 1998 bis 2005, Herr Ströbele. Wie sehr vermissen Sie das Regieren?

Ströbele: Aus der rot-grünen Zeit müssen wir eines lernen: Es gibt Grenzen für Kompromisse. Dafür ist die grüne Seele zu wichtig. Deshalb bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass wir 2013 auf Kosten grüner Identität Regieren müssen. Die Grünen haben auch in den Oppositionsjahren vieles verändert.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Grünen in 30 Jahren?

Kindler: Wir haben beste Aussichten. Wichtig ist, dass die Grünen weiter grundsätzlich die Welt verändern wollen.

Ströbele: Ich weiß ja, wie man uns vor 30 Jahren sah. Nun stelle ich fest: Entgegen aller Erwartungen sind die Grünen groß und stark geworden. Diese Entwicklung wird weitergehen - mit all den Problemen, die auf dem Weg zur Volkspartei kommen, die wir beispielsweise in Berlin schon sind. Ein wichtiger Schritt wäre natürlich, wenn wir 2011 mit Renate Künast das Rote Rathaus gewinnen könnten.

Das Gespräch führte Florian Gathmann

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02.06.2010 von Tschoeni:

Da schmeiß ich mich weg. Die Grünen sind nicht nur ein Wohlstandsphänomen. Vielmehr sind sie auch eine "Wohlfühlpartei". Sie haben es geschafft ihre Partei mit einem positiven Image zu verknüpfen. Das führt dazu, dass [...] mehr...

01.06.2010 von chirin: Wo stehen die Grünen heute?

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20.05.2010 von gsm900: Siehe Animal Farm

den Effekt hat George Orwell schon in den Dreissigern beschrieben: Am ende waren die Revoluzzer ( die Schweine) nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. mehr...

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Zur Person

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Hans-Christian Ströbele, 70, und Sven-Christian Kindler, 25, sitzen für die Grünen im Bundestag. Während Ströbele ein bewegtes Leben als Kanonier der Reserve, RAF-Anwalt und Grünen-Pionier hinter sich hat, machte Kindler nach dem Abitur ein duales Studium bei Bosch und arbeitete anschließend als Controller. Der Fraktions-Oldie Ströbele gewann bei der vergangenen Bundestagswahl zum dritten Mal in Folge das Direkt-Mandat in Kreuzberg-Friedrichshain, der jüngste Grünen-Abgeordnete Kindler zog über die niedersächsische Landesliste ins Parlament ein. Trotz ihrer biografischen Gegensätze definieren sich beide als linke Grüne.


Die Geschichte der Grünen

7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft

Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.

13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei

6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl

16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen

25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"

2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen

14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90

27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland

22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm

18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts

15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus

17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün

5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor

28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg

12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident

25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu





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