SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr Lieblingsmoment in 30 Jahren, Herr Ströbele?
Ströbele: Als ich nicht mehr nur Repräsentant der Grünen war, sondern von der Mehrheit der Bevölkerung in meinem Wahlkreis gewählt wurde. In den Anfangstagen der Grünen wäre so ein Direktmandat völlig undenkbar gewesen, umso ungeheurer war der Ritterschlag für mich.
SPIEGEL ONLINE: Und der Tiefpunkt?
Ströbele: Genauso eindeutig: die Entscheidung für Kriegseinsätze, die wir zweimal getroffen haben. Beim Kosovo und Afghanistan haben wir nicht nur gegen grüne Grundsätze verstoßen, sondern auch gegen ein jeweils geltendes Programm. Das schmerzt bis heute.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, was kann ein junger Grüner von einem Ur-Grünen wie Ströbele lernen?
Kindler: Er ist eine Figur der Zeitgeschichte: RAF verteidigt, Grüne und "taz" mitgegründet, Rot-Grün in Berlin geschmiedet, das erste Direktmandat geholt. Dazu kommt: Er ist sich immer treu geblieben. Natürlich gehörten dazu Kompromisse. Aber seine Überzeugungen waren immer kenntlich. Davon kann man sich einiges abschauen.
SPIEGEL ONLINE: Und andersherum?
Ströbele: Ich bin begeistert über die vielen jungen Leute, die wir jetzt in der Fraktion haben. Die kommen mit einem grundsätzlichen Ansatz für eine andere Politik. Manchmal möchte ich mich da einfach nur danebensetzen und sagen: Ach, davon habe ich die ganzen Jahre geträumt. Ich war immer für Rot-Grün und finde nach wie vor, dass sich die Koalition in wesentlichen Bereichen gelohnt hat. Aber: Die Grünen haben während dieser Zeit einen Teil ihrer Seele verloren. Und für mich sieht es so aus, als würden einige der Jungen davon etwas zurückholen.
SPIEGEL ONLINE: Die Grünen waren immer eine bürgerliche Partei, das sieht man an den Biografien vieler Gründungsfiguren. Warum tut sie sich immer noch so schwer, das einzugestehen?
Ströbele: Natürlich gab es bei uns, wie bei der Studentenbewegung, eine ziemliche Diskrepanz zwischen Herkunft und Selbstwahrnehmung. Wir wollten keine bürgerliche Politik machen, obwohl viele dem Bürgertum entstammten. Aber das war bei linken Bewegungen historisch immer das Problem.
SPIEGEL ONLINE: Einer der wenigen Grünen mit proletarischem Hintergrund war Joschka Fischer - und der hat sich dem Bürgertum irgendwann an die Brust geworfen.
Ströbele: Weil er dazu gehören wollte.
Kindler: Ich denke, es gibt ja einen Unterschied zwischen dem elitären und dem solidarischen Bürgertum. Und letzteres haben wir zunehmend erreichen können, das stimmt schon.
SPIEGEL ONLINE: Schwarz-Grün wäre also im eigentlichen Sinne eine bürgerliche Koalition?
Kindler: Das mag sein. Aber danach sollten wir keine Koalitionen eingehen. Sondern wir müssen sagen: Das ist unser grünes Programm - und diese Punkte wollen wir in einer Koalition umsetzen. Und da sehe ich immer noch große Probleme bezüglich Schnittmengen mit der Union.
Ströbele: Ich bin da ganz ähnlicher Meinung. Wer mit den Grünen koaliert, der muss über seine eigenen Interessen hinweg die Welt verändern wollen - das ist unser Anspruch. Und den sehe ich bei der FDP überhaupt nicht, bei der Union auch nicht viel mehr. Deshalb würde das auf Bundesebene schiefgehen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, Sie sind während der rot-grünen Regierungszeit eingetreten. Müssen die Grünen so schnell wie möglich wieder regieren, wie es Parteichef Özdemir dieser Tage sagte?
Kindler: Nein. Die Grünen wollten ursprünglich das Land und seine Gesellschaft verändern. Das geht in der Regierung wie in der Opposition. Ich will Inhalte umsetzen - und wenn das als Teil der Regierung geht, ist es prima. Ansonsten machen wir eben Opposition.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich sehr geplagt in den Jahren 1998 bis 2005, Herr Ströbele. Wie sehr vermissen Sie das Regieren?
Ströbele: Aus der rot-grünen Zeit müssen wir eines lernen: Es gibt Grenzen für Kompromisse. Dafür ist die grüne Seele zu wichtig. Deshalb bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass wir 2013 auf Kosten grüner Identität Regieren müssen. Die Grünen haben auch in den Oppositionsjahren vieles verändert.
SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die Grünen in 30 Jahren?
Kindler: Wir haben beste Aussichten. Wichtig ist, dass die Grünen weiter grundsätzlich die Welt verändern wollen.
Ströbele: Ich weiß ja, wie man uns vor 30 Jahren sah. Nun stelle ich fest: Entgegen aller Erwartungen sind die Grünen groß und stark geworden. Diese Entwicklung wird weitergehen - mit all den Problemen, die auf dem Weg zur Volkspartei kommen, die wir beispielsweise in Berlin schon sind. Ein wichtiger Schritt wäre natürlich, wenn wir 2011 mit Renate Künast das Rote Rathaus gewinnen könnten.
Das Gespräch führte Florian Gathmann
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Was für ein gutes Programm und bis Ende 60ziger haben wir - die im Krieg geborenen - das auch erlebt. Ab 69 ging es bergab! Hinsichtlich der Bildung von Löhnen hat aber die Öffnung der Grenzen das Niveau versaut - zu viele [...] mehr...
können Sie mir die Welt erklären; ich verstand es nicht mehr. mehr...
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den Effekt hat George Orwell schon in den Dreissigern beschrieben: Am ende waren die Revoluzzer ( die Schweine) nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. mehr...
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