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20.01.2010
 

Buch vom Ex-Parteichef

Volmer rechnet mit den Grünen ab

Von Franziska Schubert

Grünen-Mitbegründer Ludger Volmer: Ein Buch als AbrechnungZur Großansicht
DPA

Grünen-Mitbegründer Ludger Volmer: Ein Buch als Abrechnung

30 Jahre Grüne und aus Fehlern nicht gelernt: Das ist das Fazit eines Buchs von Ex-Chef Volmer. Die Abrechnung des früheren Staatsministers kommt bei vielen Mitgliedern nicht gut an. Die parteinahe Böll-Stiftung sagte die Präsentation ab.

Berlin - Für Ludger Volmer wäre es das "Sahnehäubchen" gewesen: Die Vorstellung seiner Grünen-Chronik am Mittwochabend in der Heinrich-Böll-Stiftung. Alles war geplant: Sigmar Gabriel hatte zugesagt, eine Einführung zu Volmers Buch über 30 Jahre Grüne zu geben. Womöglich hätten der Ex-Grünen-Chef und der SPD-Vorsitzende gar gemeinsam die rot-grüne Regierungszeit aufgearbeitet.

Doch plötzlich kann die den Grünen nahe Heinrich-Böll-Stiftung nicht mehr: Vorstandsmitglied Barbara Unmüßig sagte die Buchpräsentation ab. Von privaten Gründen ist bei ihr die Rede. Auch Vorstandskollege Ralf Fücks könne nicht einspringen, weil er leider schon einen anderen Termin habe. Jemand anderes käme nicht in Frage, heißt es. Frühestens im März könne die Veranstaltung nachgeholt werden, denn bis dahin sei die Stiftung zeitlich und räumlich komplett ausgebucht.

In seinem Buch prangert Grünen-Mitbegründer Volmer an, die Partei habe sich zu sehr der Mitte geöffnet und dabei die Sozialkritik über Bord geworfen. Bei vielen linken Themen hätten die Grünen im Gegensatz zu den Anfängen die Meinungsführerschaft eingebüßt.

Doch auch ohne die Präsentation können sich Volmer und der Bertelsmann-Verlag, bei dem das "subjektive Geschichtsbuch" erschienen ist, über zu geringe Beachtung nicht beklagen. Denn so eine Aufarbeitung der Parteigeschichte aus der Innenperspektive gab es bislang noch nicht. Obwohl etliche Grüne Volmers unbequeme Analyse kritisieren, verhält sich die Parteiprominenz auffallend still, öffentlich ihre Meinung zu äußern. Dabei tauchen fast alle Parteigrößen in dem Buch auf: von Claudia Roth und Jürgen Trittin über Ex-Außenminister Joschka Fischer und Hans-Christian Ströbele.

Abrechnung mit Erzrivale Fischer

Ein Persönliches Nachkarten sei das Buch "Die Grünen" nicht, betont jedoch Volmer: "Ich wollte die großen Entwicklungslinien der Grünen in den 30 Jahren seit der Gründung zeigen, und dahinter stehen oft bestimmte Personen." Dass er seinen Erzrivalen Fischer als jemanden beschreibt, der jeden Fehler den Gegnern aus den eigenen Reihen in die Schuhe schiebt, sei nun mal ein Fakt gewesen. "Außerdem komme ich in Fischers Memoiren viel schlechter weg." Fischer und Volmer lieferten sich unter Rot-Grün permanent Machtkämpfe. Volmer verstand es, geschickt die Partei auf seine Seite ziehen, aber nach außen brillierte meist der gewiefte Rhetoriker Fischer.

Beim Treffen in einem Berliner Café am Kurfürstendamm tritt Volmer zurückhaltend und reserviert auf - im Gegensatz zu seinem Buch, in dem er oft überheblich wirkt: In jedem Kapitel tritt Volmer aufs Neue den Beweis an, er habe politisch immer richtig gehandelt. 1985 zum Beispiel: Dank seiner Anfrage im Bundestag habe die Opposition erstmalig die ungerechte Weltwirtschaft angegriffen, schreibt er.

Viele Grüne - auch Ströbele vom linken Parteiflügel - kritisieren die Selbstdarstellung des Autors. "Ludgers Bewertung seiner eigener Verdienste unter Rot-Grün" könne er so nicht teilen, sagte Ströbele. "Mit dem Job als Staatsminister hat Fischer ihn ruhiggestellt." Als es um die Militäreinsatze im Kosovo-Krieg ging, sagt Ströbele, habe er "nicht mehr viel davon mitbekommen", dass Volmer - einstiger kritischer Kopf der Linken - ihre Positionen vertrat.

Über "diesen Quatsch" kann sich Volmer nach so vielen Jahren immer noch echauffieren. "Fischer hat mir nicht diesen Posten angeboten, sondern ich habe ihn eingefordert." Es nervt ihn, dass die von ihm so oft wiederholte Version seine Kritiker keineswegs besänftigt. Dabei sei er doch derjenige gewesen, der alles daran gesetzt habe, den Kosovo-Konflikt mit zivilen Mitteln zu lösen. Und als das nicht ging, habe er sich nicht wie andere hinter einer pazifistischen Gesinnung versteckt, sondern der Verantwortung gestellt.

Spätestens seit dem Rücktritt von Volmer als Vorsitzender vor fünf Jahren herrscht zwischen ihm und der Parteispitze Funkstille. Verbessern wird auch das Buch das Verhältnis wohl nicht gerade. Dafür hätten ihn aber von der grünen Basis viele zustimmende Briefe und Mails erreicht, sagt Volmer.

Zu seiner aktuellen Analyse, die bei den Grünen einen Profilverlust diagnostiziert, wollen sich vor allem Realos nicht öffentlich äußern. Kein Kommentar, heißt es aus dem Büro des Grünen-Chefs Cem Özdemir. Nicht gelesen, lassen andere ausrichten. Auch Ralf Fücks von der Böll-Stiftung, der sich aus Sicht des Autors Volmer vom "Maoisten-Häuptling zum Neo-Konservativen" gewandelt hat, will nichts zum Buch sagen.

Anders die Partei-Linken: "Ich teile seine scharfe und berechtigte Analyse, dass die Grünen wieder mehr auf inhaltliche Substanz setzen müssen und weniger auf reine Taktik", sagt Robert Zion, linker Parteirebell und Vorsitzender des Kreisverbands Gelsenkirchen. "Die Gesamtdarstellung der Entwicklung Grünen hätte nicht besser sein können." "Eine verdienstvolle Sammlung von Fakten und Details", lobt auch Ströbele. "Beim Lesen habe ich oft gedacht, ja, genau so war es" - etwa wenn es darum ging, Mehrheiten bei den streitbaren Flügeln zu organisieren.

Volmer kritisiert neoliberale Marschrichtung

Doch Volmers aktuelle Kritik an der neoliberalen Marschrichtung seiner Partei kann Ströbele nicht nachvollziehen. Erhebliche Korrekturen hätten die Grünen etwa bei ihren Positionen zu Hartz IV oder den Gewerkschaften vorgenommen. "Volmer hat einige Revisionen offenbar nicht mitbekommen." Nur am Erhalt der Organisation und von Posten interessiert, wie der Autor fürchtet, seien viele von der grünen Jugend und den jüngeren Bundestagsabgeordneten nicht, beharrt Ströbele. Volmers pessimistische Bilanz, dass der Zug für grüne, linke Politik abgefahren sei, vertritt er nicht.

Bei Teilen des grünen Nachwuchses kommen Volmers Empfehlungen dafür gut an - weil sie in ihr eigenes Konzept passen: "Von dem Buch kann man viel lernen, mehr Ideen zu entwickeln", sagt Arvid Bell. Anders als Volmer kritisiert, gebe es aber bei den Grünen mittlerweile regen Austausch mit außerparlamentarischen Akteuren des Bildungsstreiks, mit Attac-Mitgliedern oder G-8-Gegnern. Obwohl Bell erst 25 Jahre alt ist, sitzt er schon im Parteirat neben Politgrößen der Grünen. "Ich habe nicht das Gefühl, dass die neue, linke Generation keine Chance bei den Grünen hat." Sollte das der Fall sein, "freue ich mich natürlich sehr", sagt Volmer.

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02.06.2010 von Tschoeni:

Da schmeiß ich mich weg. Die Grünen sind nicht nur ein Wohlstandsphänomen. Vielmehr sind sie auch eine "Wohlfühlpartei". Sie haben es geschafft ihre Partei mit einem positiven Image zu verknüpfen. Das führt dazu, dass [...] mehr...

01.06.2010 von chirin: Wo stehen die Grünen heute?

Was für ein gutes Programm und bis Ende 60ziger haben wir - die im Krieg geborenen - das auch erlebt. Ab 69 ging es bergab! Hinsichtlich der Bildung von Löhnen hat aber die Öffnung der Grenzen das Niveau versaut - zu viele [...] mehr...

01.06.2010 von harrybr: zum Glück

können Sie mir die Welt erklären; ich verstand es nicht mehr. mehr...

31.05.2010 von DiKi: Wo stehen die Grünen heute?

Wenn die Grünen nur ein Wohlstandsphänomen wären,ja dann würde ich mich auch fragen,warum sie derzeit so erfolgreich sind und bei Wahlen immer öfter zweistellige Prozentsätze erzielen!Die Grünen sind aber vielmehr eine [...] mehr...

20.05.2010 von gsm900: Siehe Animal Farm

den Effekt hat George Orwell schon in den Dreissigern beschrieben: Am ende waren die Revoluzzer ( die Schweine) nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. mehr...

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