Von Kerstin Kullmann
Berlin - Um das Problem selbst redet Kristina Köhler nicht lange herum: "Dass Männer im Schnitt deutlich mehr verdienen als Frauen, ist bekannt. Dass Frauen damit unzufrieden sind, auch." Die Lösung des Problems aber scheint um einiges komplizierter. Sie ist vor allem eine Frage der Technik. "Ich freue mich, dass die Personalverantwortlichen diese Ungleichheit jetzt systematisch analysieren können." Mit diesen etwas sperrigen Worten gab Familienministerin Kristina Köhler den Startschuss zu einem Projekt, das am heutigen Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Mit Hilfe der Software "Logib-D" sollen Unternehmen die Gehaltsstrukturen ihrer Mitarbeiter genauer unter die Lupe nehmen können. Und herausfinden, ob Frauen bei gleicher Qualifikation und Leistung schlechter bezahlt werden als Männer.
Die Lohnunterschiede in Deutschland sind so hoch wie in kaum einem anderen europäischen Land. 22 Prozent macht die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in Deutschland aus. Das besagt eine Studie, die Köhlers Vorgängerin Ursula von der Leyen vergangenes Frühjahr vorstellte. Köhler hat sowohl das Problem als auch einen Lösungsansatz von ihr geerbt. Von der Leyen hatte "Logib-D", das ursprünglich in der Schweiz entwickelt wurde, in den vergangenen Monaten in verschiedenen Unternehmen testen lassen. Nun sind die Tests abgeschlossen, und das Produkt wird der deutschen Wirtschaft angeboten. Interessierte können es auf der Seite www.logib-d.de herunterladen. Die Software ist kostenlos, der Download anonym.
"Wir werden 200 Unternehmen die Möglichkeit bieten, sich um ein umfassendes Beratungspaket zu bewerben", sagte Köhler. In diesem Paket enthalten sind ein Workshop zur Software, die Datenanalyse selbst sowie einzelne Beratungsgespräche. Auch das: kostenlos.
Erfahrungsbericht eines Test-Unternehmers
Einer, der die Software aus dem Familienministerium schon einmal ausprobiert hat, ist Erik Schuchardt, Geschäftsführer des schwäbischen Kosmetikkonzerns Weleda. Er sitzt neben Köhler auf dem Podium und berichtet von seinen Erfahrungen mit dem Programm. "Wir haben Interessantes herausgefunden", sagt Schuchardt. In seinem Unternehmen gebe es zwischen Männern und Frauen einen Lohnunterschied von acht Prozent. Das sei viel besser als der Schnitt. Auch habe man herausgefunden, dass bis zum Alter von etwas 30 Jahren kaum eine Differenz bei der Bezahlung zwischen den Geschlechtern zu erkennen sei.
Erst nach der Familienphase, die typischerweise die Frauen länger aus dem Beruf halte, würde die "Gehaltsdynamik abflachen."
Ein Trend, den es so in der gesamten Wirtschaft gebe. Es klingt, als habe die Weleda AG erkannt, dass es keine Probleme zu erkennen gibt. Doch dann wird Schuchardt selbstkritisch: "Auch wir haben das Problem, einen hohen Männeranteil in den Führungsbereichen zu haben." Bei Weleda sind 70 Prozent der Angestellten Frauen. Nun werde man sich verstärkt um die betriebliche Kleinkindbetreuung kümmern.
Nach mehr Geld für Frauen klingt das nicht.
Köhler will "schlafende Hunde wecken"
Kristina Köhler setzt mit dem Projekt auf Freiwilligkeit. "Wir haben Logib-D gemeinsam mit der Wirtschaft entwickelt. Wir werden einen Wandel in der Arbeitswelt nicht gegen die Interessen der Wirtschaft durchsetzen können."
Ein Freund aus Studienzeiten habe ihr erst gestern eine wichtige Frage zu diesem Thema gestellt: Warum solle sich ein Unternehmen auf so einen Selbstcheck einlassen, wenn er freiwillig ist? Welcher Chef wolle schlafende Hunde wecken?
"Aber wir wollen schlafende Hunde wecken", sagt Köhler. Sie glaube fest daran, dass Fairness bei den Löhnen sich auch aus Sicht der Unternehmen rechnet. "Nur so wird das Potential optimal genutzt."
Köhlers Vorzeige-Unternehmer von Weleda, Erik Schuchardt, gibt sich da weniger enthusiastisch. "Ich bin gespannt, wie viele Entscheidungsträger aus der Wirtschaft sich dieses Themas wirklich annehmen werden."
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