Von Florian Gathmann, Halle
Wo sie an diesem Abend gelandet ist, wird Andrea Ypsilanti schon nach wenigen Minuten klar: Moderator Roland Claus, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, hat die Sozialdemokratin in Halle an der Saale begrüßt - und kommt dann rasch auf das neue Wirkungsfeld der in Hessen gescheiterten SPD-Frau zu sprechen. Sie habe doch da kürzlich das "Institut Sozialistische Moderne" begründet, sagt Claus, worauf Ypsilanti sofort und wiederholt den Kopf schüttelt. Denn die sogenannte Denkfabrik, mit der sie gemeinsam mit Politikern von Grünen und Linkspartei am großen gesellschaftlichen Gegenentwurf werkeln will, heißt "Institut Solidarische Moderne".
"Ich kriege das nicht weg", sagt Claus, der letzter Bezirks-Chef der SED in Halle war, und lacht. Ypsilantis Konter: "Deshalb sitze ich ja hier."
Warum Ypsilanti am Mittwochabend im Varieté-Theater "Steintor" der Kommunistin Sahra Wagenknecht gegenüber sitzt, hat sich im Voraus tatsächlich mancher gefragt, auch der Hessin wohlgesinnte Parteifreunde. Moderator Claus spricht von dem traditionsreichen Haus als "Sozialismus in Plüsch". Hinter Ypsilanti schimmert nun der grau-grüne Glitzervorhang, vor der Bühne sind ein paar hundert Gäste, vorwiegend im Seniorenalter, sehr neugierig auf das Gipfeltreffen der "Frauen ganz links" - so das Motto der kommenden anderthalb Stunden.
Beide könnten von dem Abend profitieren
Sie könnten für beide das sein, was Ökonomen eine "Win-Win"-Situation nennen: Ypsilanti, 52, im dunklen Hosenanzug und heller Bluse, will sich nach langer Pause offenbar als wahres Aushängeschild der SPD-Linken profilieren. Dafür kann eine Diskussion mit Wagenknecht, 40, nicht schaden, die wie immer ganz klassisch im hochgeschlossenen Kostüm erschienen ist. Die Linkspartei-Frau wiederum muss - da sie im Mai Vizevorsitzende im neuen Vorstand werden soll - ihr Bild als Fundamentalistin weich zeichnen; Wagenknechts Ehemann nennt sie spaßhaft "Stalinistin". Wer könnte da gerufener kommen als Ypsilanti, die vor der Hessen-Wahl im Januar 2008 die Linke noch nach Kräften verteufelte.
Natürlich ist Halle ein Heimspiel für die Ostdeutsche Wagenknecht, auch wenn sie inzwischen Nordrhein-Westfalen im Bundestag vertritt. Aber da muss Ypsilanti jetzt durch. "Wir haben viel zu lange im eigenen Saft geschmort", sagt sie auf die Frage, was die SPD in den vergangenen Jahren falsch gemacht habe. Dafür gibt es zum ersten Mal Beifall. Aber ihre Partei sei noch weit davon entfernt, wieder richtig aufgestellt zu sein. "Will die SPD wieder eine soziale Partei sein?", fragt Wagenknecht scheinheilig. Für diesen Fall, selbstverständlich, könnte die Linke nach der Landtagswahl auch in Nordrhein-Westfalen mit den Sozialdemokraten koalieren. Das wirkt erst recht scheinheilig aus dem Munde von Wagenknecht, die bisher gegen jede Regierungsbeteiligung ihrer Partei getrommelt hat.
Es ist nicht leicht, gegen diese Frau anzukommen. Denn wenn Sahra Wagenknecht einmal in Fahrt gerät - die Beine übereinandergeschlagen, der Rücken gestreckt, den Kopf leicht schräg - ist sie kaum zu stoppen. Die Noch-Sprecherin der Kommunistischen Plattform kann dozieren, als sitze sie im Seminarraum. Manchmal klimpert Ypsilanti dann auf ihr Mikrofon, einmal hebt sie sogar die Hand, um endlich zu Wort zu kommen. Wenn die Sozialdemokratin es geschafft hat, zeigt Wagenknecht mitunter ein Lächeln, das ziemlich spöttisch erscheint.
In mancher Analyse sind sie sich einig
Dabei sind die beiden Frauen auf der Bühne in mancher Analyse nicht weit voneinander entfernt. Beispielsweise, wenn sie Hartz IV und die Folgen anprangern. Im Ton allerdings ist Wagenknecht ganz Anti-Kapitalistin: Sie spricht von "real existierender Barbarei", die Agenda 2010 sei "eine Schande und muss weg" - da jubelt der Saal. Das wiederum halte sie für zu billig, entgegnet Ypsilanti, man brauche doch bitte erstmal eine Alternative. Und während die Linkspartei-Politikerin von BMW bis Bertelsmann am liebsten jedes Großunternehmen verstaatlichen würde - inklusive der Banken -, ist für ihre SPD-Diskutantin klar: Außer im Bereich der Daseins-Vorsorge - also Bildung, Gesundheit, Soziales - habe der Staat nirgendwo etwas zu suchen.
Irgendwann meldet sich ein Mann im Publikum, der sich als Mitglied des Unternehmerstammtisches Markkleeberg vorstellt. In breitestem Sächsisch fragt er, wo denn Wagenknecht eigentlich hin wolle: "Soll es wieder so sein wie früher?". Nein, antwortet sie, milde lächelnd: "Ich will ja etwas Neues."
Ein anderer Zuhörer will von Ypsilanti wissen, warum man in den alten Bundesländern der Linkspartei immer noch so skeptisch gegenüberstehe. Hm, sagt die Hessin da, möglicherweise habe das schon auch mit der Herkunft der Partei aus dem "Unrechtsstaat DDR" zu tun. Im "Steintor" wird es plötzlich ganz leise. "Da hätte der Claus aber mal widersprechen können", sagt später eine ältere Dame, als sich der Saal leert.
Am Ende gibt es Blumen für die linken Frauen und Ypsilanti strahlt. Vielleicht hatte sie schlimmeres erwartet.
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Ich bin sehr überrascht, dass man sich aufgrund eigener ideologischer Verbrämung weigert, über Sachthemen zu diskutieren. Das hat mit Politik nichts zu tun, sondern mit geistiger Unbeweglichkeit bis zur Halsstarrigkeit. Und [...] mehr...
Also, es ist je sehr nett, dass Sie mir Angst vor dem Verlust meiner Schulden bei der Bank andichten wollen - weder die rot-rot-grüne noch schwarz-gelbe Projekte berücksichtigen irgendwie meine Wenigkeit. Und zu Ihrer [...] mehr...
1. In der Bedeutung der Wörter "interessant" und "beruhigend" liegt ein erheblicher Unterschied. 2. Wie bereits geschrieben würde sich HRW über solche Praktiken, die im übrigen in ähnlicher Form auch G. [...] mehr...
Gott behüte, als westlich mit dem Begriff "Ostzone" Sozialisierter würde ich selbstverständlich lieber juvenil im Kapatalismus verrecken, als im post-stalinistischen Sozialismus vergleichsweise steinalt zu werden. [...] mehr...
Sachlicher und "einfühlsamer" kann man auf Geschreibsel vom Foristen Berg ja schon garnicht mehr eingehen. Dazu sollten Sie sich aber zumindestens die Mühe machen ins Archiv entweder von Berg oder meiner Wenigkeit [...] mehr...
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