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11.02.2010
 

SPD-Chef Gabriel zur Hartz-IV-Debatte

"Westerwelle zündelt wie Kaiser Nero"

SPD-Chef Gabriel: Heftige Angriffe auf Vizekanzler Westerwelle wegen Hartz-IV-ÄußerungenZur Großansicht
dpa

SPD-Chef Gabriel: Heftige Angriffe auf Vizekanzler Westerwelle wegen Hartz-IV-Äußerungen

Guido Westerwelle warnt nach dem Hartz-IV-Urteil vor "anstrengungslosem Wohlstand" für alle. SPD-Chef Gabriel wirft dem FDP-Vorsitzenden im Interview mit SPIEGEL ONLINE Realitätsverlust vor: Wer fahrlässig Vergleiche mit dem alten Rom ziehe, erinnere selbst an einen dekadenten Potentaten.

SPIEGEL ONLINE: FDP-Chef Westerwelle sieht nach der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung eine Debatte mit "sozialistischen Zügen". Sie auch?

Sigmar Gabriel: Guido Westerwelle scheint endgültig wieder in seine Rolle als Schreihals aus Oppositionszeiten zurückgefallen zu sein. Denn die Karlsruher Richter haben dem Gesetzgeber ins Stammbuch geschrieben, dass die Berechnungsgrundlage für die Hartz-IV-Sätze nicht nachvollziehbar ist - was soll daran der Aufbruch in den Sozialismus sein? Der Mann weiß offensichtlich angesichts der Umfragewerte für seine FDP nicht mehr ein noch aus. Deshalb greift er zu solch schrillen Tönen. Im Übrigen hat Herr Westerwelle anscheinend völlig vergessen, dass es seine Partei war, die zur überproportionalen Belastung derjenigen beigetragen hat, die er immer die Mitte nennt. Es war die schwarz-gelbe Regierung unter Helmut Kohl, die den Spitzensteuersatz auf 53 Prozent getrieben hatte. Rot-Grün hat ihn dann auf 42 Prozent gesenkt.

SPIEGEL ONLINE: Westerwelle sagt überspitzt: Es gibt nur noch Leute, die Steuergeld ausgeben - aber niemanden, der es erarbeitet. Ein Verdienst der SPD nach elf Jahren Regierung?

Gabriel: Das ist doch Quatsch: 40 Prozent der Haushalte in Deutschland zahlen überhaupt keine Einkommensteuer, weil sie nicht genug verdienen. Die ganze Steuersenkungsorgie von Herrn Westerwelle ist nichts anderes als eine versteckte Fortsetzung seiner Klientelpolitik: Da werden diejenigen, die hohe Einkommen haben, entlastet - obwohl das gleichzeitig oft Menschen sind, die gar keine Sozialabgaben zahlen. Umgekehrt werden diejenigen belastet, die so niedrige Einkommen haben, dass sie von einer Steuerentlastung nichts haben - dafür aber Sozialabgaben zahlen. Und die werden sogar noch steigen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie in dieser Gesellschaft ebenfalls Anzeichen für "spätrömische Dekadenz"?

Gabriel: Wenn man in dem Bild von Herrn Westerwelle bleiben will, dann ist er der Kaiser Nero. Er hat am Staat gezündelt, indem er überall Steuergeschenke an seine Klientel verteilt. Es ist nicht genug Geld für Bildung da, die Arbeitslosigkeit ist hoch - der Staat müsste also eigentlich investieren. Und was macht der FDP-Chef? Er zündelt am Gemeinwesen. Das alles merken doch die Leute. Wenn sich jemand dekadent verhält, dann ist es die FDP. Das schlimme ist allerdings, dass Kanzlerin Merkel all dem tatenlos zuschaut.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen, dass die Hartz-IV-Sätze nach der Karlsruher Entscheidung steigen?

Gabriel: Wir müssen mit Sicherheit mehr für Kinder tun, das ist klar. Die Sätze müssen jetzt neu berechnet werden - und wenn man da zum Ergebnis kommt, dass sie erhöht werden müssen, dann ist es so. Mindestens genauso wichtig ist ein anderer Punkt: Mehr als ein Fünftel der abhängig Beschäftigten arbeitet im Niedriglohnsektor. Die Zahl der Hartz-IV-Aufstocker nimmt ständig zu.

SPIEGEL ONLINE: Damit sprechen Sie von der Notwendigkeit eines gesetzlichen Mindestlohns?

Gabriel: Ja. Die Höhe der Hartz-IV-Sätze ist das eine. Aber wir müssen eben vor allem dafür sorgen, dass Menschen in Deutschland von ihrer Hände Arbeit wieder leben können. Wenn Herr Westerwelle davon redet, Leistung müsse sich wieder lohnen, dann soll er mal mit den Leuten reden, die fünf Tage in der Woche acht Stunden lang arbeiten und am Ende aufstocken müssen - weil es keinen einheitlichen Mindestlohn gibt. Das rüttelt an den Grundfesten der Arbeitsgesellschaft. Herr Westerwelle und die Union müssen das endlich kapieren.

Das Interview führte Florian Gathmann

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insgesamt 6916 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.02.2010 von delinquent: Westerwelles Echo?

Bleiben Sie mal bitte auf dem Teppich!---Meistens sind gerade diejenigen, die ins gleiche Horn blasen wie Sie,auch jene die am lautesten krakelen wenn sie Berufsmäßig degradiert werden. Ich selbst bin in einem [...] mehr...

18.02.2010 von profprom:

Wenn das stimmt, sollten wir Deutschland in Absurdistan umbenennen. Nennen Sie bitte die Stadt. Danke. mehr...

18.02.2010 von semipermeabel:

Das Ganze hat doch Methode und geistigen Väter der Harz- Gesetze wussten das. Lohndumping als "Standortvorteil"... mehr...

18.02.2010 von UweZ: Tztztz...!!!

Mensch, ist ja toll, Sie kennen sich mit den "meisten anderen Ländern" aus! Na, Ihr enormes Expertenwissen erlaubt mir ja dann die Antwort auf Ihr peinliches Geschwurbel übersichtlich und einfach zu gestalten... [...] mehr...

18.02.2010 von lieven:

Sparen Sie sich die Häme. Die EEJs sind und waren gedacht für genau dieses Klientel: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-51929-3.html Was erwarten Sie denn von denen? Dass die in der Lage sind, eine Wand sauber zu [...] mehr...

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Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz


Hartz IV

Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.




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