ThemaHartz IVRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.02.2010
 

Hartz-IV-Debatte

Westerwelle wütet sich in die Isolation

Von Florian Gathmann

FDP-Chef Westerwelle: Innenpolitische Vorstellung im Auswärtigen AmtZur Großansicht
DDP

FDP-Chef Westerwelle: Innenpolitische Vorstellung im Auswärtigen Amt

Von wegen Entschuldigung: FDP-Chef Westerwelle legt bei seiner Hartz-IV-Kritik sogar noch nach. Jede andere Position als seine eigene brandmarkt er als "Sozialismus". Angela Merkel distanziert sich vom Ton ihres Vizekanzlers - und auch die Liberalen halten sich mit Solidaritätsadressen zurück.

Berlin - Ein Guido Westerwelle fällt nicht um.

Das will er jetzt zeigen, deshalb hat der Außenminister an diesem Freitag in sein Amt am Werderschen Markt geladen. Zwar soll es laut Ankündigung um "Iran und andere Themen" gehen - aber eigentlich sind für Westerwelle Teheran und die Atombombe im Moment ganz weit weg. Schon nach wenigen Minuten spricht hier nicht mehr der Außenminister vor den Flaggen Deutschlands und der EU, sondern der FDP-Chef Westerwelle.

Da ist es dann vorbei mit den diplomatischen Floskeln, die hier üblich sind. Westerwelles Stimme klingt plötzlich scharf, als die erste Frage zur Hartz-IV-Debatte kommt. Man werde in diesem Land doch wohl noch sagen dürfen, was Sache sei, ereifert er sich. Nämlich dies: "Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet." Denn, so glaubt Westerwelle: "Alles andere ist Sozialismus." Wer das nicht verstehe, sei selbst schuld. "Ich spreche die Sprache, die verstanden wird." Zuvor hatte Westerwelle mit Blick auf Hartz-IV-Empfänger in einem Beitrag für die "Welt" vor "anstrengungslosem Wohlstand" und "spätrömischer Dekadenz "gewarnt.

Im Übrigen werde er trotz der Kritik aus allen Richtungen kein My von seinen Äußerungen zurücknehmen, beharrt der FDP-Chef. Und eine Entschuldigung an die Adresse vieler Langzeitarbeitsloser, wie sie beispielsweise der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) von ihm fordert? Da schnauft Westerwelle einmal durch und entgegnet dann: "Diejenigen, die die Leistungsbereitschaft der Bürger mit Füßen treten, sollten sich entschuldigen."

Kritik auch von der Kanzlerin

Man ist im Auswärtigen Amt immer wieder erstaunt angesichts dieses neuen Ministers. So etwas haben die Damen und Herren aus dem diplomatischen Dienst selbst zu Zeiten von Westerwelles grünem Vorvorgänger Joschka Fischer nicht erlebt, der ebenfalls als verbaler Haudrauf bekannt war. Unangenehmer für den Außenminister dürfte allerdings die Kritik seiner Chefin sein. Denn während sich der FDP-Chef im Auswärtigen Amt echauffiert, lässt Kanzlerin Angela Merkel über ihre Regierungssprecherin eine unerwartete Distanzierung von Westerwelle verbreiten. "Das ist sicher weniger der Duktus der Kanzlerin", sagt die Sprecherin. Und dann folgt ein Satz, der so sehr nach Merkel klingt, das er wirklich wie von ihr aufgeschrieben klingt: Sicherlich sei aber bei jedem "individuell unterschiedlich die Sprachführung".

Westerwelle wirkt an diesem kalten Freitag ziemlich allein.

Denn auch von anderen Unionsleuten kommt Kritik an seinen Äußerungen - und die klingt sehr viel weniger zurückhaltend als jene Merkels. Westerwelle mobilisiere "Neidreflexe, um für seine Klientel daraus Vorteile zu ziehen", sagt die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer. Ihr CSU-Parteifreund Alexander Dobrindt, Generalsekretär der Christsozialen, sagte der "Berliner Zeitung": "Solidarität ist nicht sozialistisch, sondern ein Grundwert unserer Wirtschaftsordnung." Soziale Marktwirtschaft "ist nicht nur für die Starken da".

Selbst aus Westerwelles eigener Partei ist keine Welle von Solidaritätsbekundungen zu vernehmen, wie man es erwarten könnte, wenn ein Parteichef derart kritisiert wird. Entweder man feiert bereits Karneval, ist während der tollen Tage anderweitig abgetaucht oder will sich in Sachen Westerwelle nicht den Mund verbrennen. So wie Hessens Vize-Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn, der den Parteichef am Freitag zuerst in der "Welt" wegen mangelhafter Vorbereitung auf die Regierungsübernahme kritisierte - und später von seinem Sprecher erklären ließ, dies sei keineswegs als Kritik an Westerwelle gemeint gewesen.

Keine bedingungslose Solidarität aus der FDP

In der Hartz-IV-Debatte dauert es bis zum frühen Freitagnachmittag, ehe FDP-Generalsekretär Christian Lindner zur Verteidigung seines Vorsitzenden in die Bresche springt. Allerdings klingt es nicht gerade nach bedingungsloser Unterstützung, wenn Lindner in seiner Pressemitteilung schreibt: "Die von Guido Westerwelle angestoßene Diskussion ist eine Chance für Deutschland."

Eine Chance ist - um ein Fußballbild zu wählen - deutlich weniger wert als ein Tor.

Auch von Birgit Homburger, der Chefin der FDP-Bundestagsfraktion, ist lange nichts in Sachen Westerwelle zu hören. Erst am späten Nachmittag äußert sie sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir wollen die Menschen in Deutschland fair behandeln" sagt Homburger. Und dann kommen zwei Sätze wie aus dem ehernen FDP-Parteiprogramm: "Wer arbeitet, hat ein Recht darauf, mehr zu haben als derjenige, der nicht arbeitet." Und: "Die Mitte in Deutschland muss endlich gestärkt werden." Nichts anderes, so Homburger, habe Westerwelle zum Ausdruck gebracht.

Die klarste Verteidigung für den FDP-Vorsitzenden kommt an diesem Tag aus Nordrhein-Westfalen, wo im Mai ein neuer Landtag gewählt wird. "Westerwelle hat in dieser Debatte die absolute Rückendeckung unserer Partei", sagt Gerhard Papke, Chef der FDP-Fraktion in Düsseldorf. Sein Parteichef habe eine Diskussion angestoßen, die lange überfällig war, glaubt der Liberale. "Und dafür haben die Leute ein sehr feines Gespür."

Die Kanzlerin kann er damit nicht gemeint haben.

Errechnung der Hartz-IV-Regelsätze (Stand 2003)
Kategorie Ausgaben* Anteil in Prozent, den die Regierung Hartz-IV-Empfängern anerkennt Hartz-IV-Bezug in Euro
Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren 133 96% 127
Bekleidung und Schuhe 34 100% 34
Wohnen einschl. Energie, -instandhaltung 322 8% 24
Einrichtungs-, Haushaltsgegenstände 27 91% 25
Gesundheitspflege 18 71% 13
Verkehr 59 26% 16
Nachrichtenübermittlung 40 75% 30
Freizeit, Unterhaltung, Kultur 71 55% 39
Bildungswesen 7 0% 0
Beherbergungs- /Gaststättendienstleistung 28 29% 8
Andere Waren und Dienstleistungen 40 67% 27
Insgesamt 779
Insgesamt ohne Wohnkosten 483 345
*Errechnung des Hartz-IV-Satzes auf Basis der Verbrauchsausgaben der untersten 20 Prozent der nach Nettoeinkommen geschichteten alleinstehenden Haushalte. Empfänger, die überwiegend von Leistungen der Sozialhilfe gelebt haben, sind nicht berücksichtigt. Quelle: EVS 2003 **Seit 1. Juli 2009 beträgt der Regelsatz 359 €.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2231 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.04.2010 von genugistgenug: Vorschlag

Ich möchte mich kurz anhängen weil ich diese sehr negativ intelligenten Vorschläge oft genug gehört habe. Ich frage nicht nach einer Bank sondern fordere solche Typen auf, als selbstschuldnerischer Bürge aufzutreten. [...] mehr...

19.04.2010 von Kontrastprogramm:

Ich sehe auch keinen Sinn darin, nachhaltigen Schulverweigerern zum Dritten oder Vierten Mal eine Möglichkeit zu spendieren, im hohen Alter bis 25 Jahren endlich, endlich noch einmal vergeblich den Hauptschulabschluss zu [...] mehr...

19.04.2010 von gaga007: Eigenverantwortlichkeit vs. Staat

Falsch - in der mangelnden Bereitschaft zum Lernen. Die PISA-Studien und die Bewerbungsunterlagen von Berufsanfängern dokumentieren das geringe Bildungsniveau. Die Grundrechenarten sind genauso schwach ausgebildet, wie [...] mehr...

19.04.2010 von Andreas Heil:

Vor allem lügen die Liberalen wie gedruckt oder haben keinerlei Sachkenntnis zu irgendeinem Thema. Eins von beiden muss es sein. Nächstes Beispiel: Westerwelles neue Idee *FDP für flexible Umsatzsteuer* [...] mehr...

19.04.2010 von pssst...:

... Nur keine falsche Reue...jibbet geschwurbelte Mitte , wie geschwurbelt normal. HartzIV ist die Realität, die Westerwelle zur "römischen Dekadenz" erklärte ! mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Hartz IV

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz






TOP



TOP