Von Sebastian Fischer, Severin Weiland und Philipp Wittrock
Berlin - Guido Westerwelle bemüht sich um Ruhe in der Stimme. Er steht an diesem Donnerstagvormittag am Rednerpult des Bundestags und spricht zu Hartz IV. Er sagt Sätze, die er schon in den letzten Tagen ständig wiederholt hat. "Wer Leistungsgerechtigkeit vergisst, der wird soziale Gerechtigkeit als erste verlieren", ruft der FDP-Chef, Außenminister und Vizekanzler.
Alles schon mal gesagt. Alles schon mal gehört. Westerwelle in der Endlosschleife.
Die FDP-Fraktion applaudiert kräftig, als müsste sie zeigen, wie sehr sie hinter ihrem Leitwolf steht. Bei den genervten Unionsabgeordneten regen sich die Hände kaum.
Es ist der 121. Tag dieser schwarz-gelben Koalition. Und es ist ein verlorener Tag für Deutschland. Wieder einmal. Es wird viel geredet, aber nicht regiert. Union und FDP verlieren sich in altrömischem Schlachtgetümmel - oder raufen sich wie Kleinkinder im Sandkasten.
Manche Parlamentarier haben am Donnerstag den Pressespiegel vor sich liegen. Da können sie nachlesen, wie es um den Zustand der Koalition bestellt ist. "Westerwelle hat die Reformdebatte unnötig erschwert", zitiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Angela Merkel auf der Titelseite. Ihr Vize hat in der "Welt" einen neuen Gastbeitrag geschrieben, Spitzen gegen die Kanzlerin inklusive.
Noch nicht enthalten in der Artikelschau sind die jüngsten Keilereien. Abgeordnete von CDU und CSU werfen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) Respektlosigkeit vor, weil sie der katholischen Kirche unterstellt, sie arbeite im Missbrauchsskandal nicht ausreichend mit den Staatsanwälten zusammen. Und der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz torpediert das FDP-Anrecht auf den Posten des Wehrbeauftragten.
Auf den großen Politikfeldern herrscht Stillstand
Dynamik gibt es in dieser Koalition nur im Streit. Vom Wachstumsbeschleunigungsgesetz, dem bisher einzigen großen schwarz-gelben Projekt, redet niemand mehr, auf den großen Politikfeldern herrscht Stillstand:
Auch der Gipfel im Kanzleramt liefert nichts Substantielles
Nichts geht voran. Das muss sich auch die Koalition eingestehen, weswegen sie nun Besserung gelobt. Mehr Konkretes, weniger Abstraktes, fordert Horst Seehofer. Es ist klar, wen der CSU-Chef da im Blick hat: Westerwelle und seine abgehobene Sozialstaatsdebatte. Auch die Diskussion in der Gesundheitspolitik müsse man "anhand eines konkreten Werkstücks führen", das Röslers Kommission bitteschön mal schnell vorlegen soll.
Nur was folgt daraus? Nichts. Denn Substantielles haben die großen Drei auch auf ihrem letzten Gipfel im Kanzleramt nicht liefern können. Drei Stunden haben Merkel, Westerwelle und Seehofer am Mittwochabend über alles gesprochen. "Konstruktiv, sachlich und ruhig" sei es zugegangen, heißt es anschließend. Das klingt so, als hätten sich unversöhnliche Tarifpartner gegenübergesessen, die sich wenigstens nicht an die Gurgel gesprungen sind.
In gereizter Stimmung wird alles zum Symbol. "Was da alles hineininterpretiert wird in solch ein stinknormales Treffen", mokiert sich Seehofer.
Dass Westerwelle am Abend sieben Minuten zu spät kommt, wird von Nachrichtenagenturen prompt zur Missachtung umgedeutet: "Westerwelle lässt Merkel und Seehofer warten." Dabei hat der FDP-Chef artig angerufen und seine Verspätung vorauseilend exakt angekündigt. Als Westerwelle eintraf, machte er einen Scherz: Er halte eben, was er verspreche.
Widerständler Westerwelle
Das Verhältnis der drei Parteichefs hat in den ersten Monaten des (Nicht)-Regierens gelitten. Die Kanzlerin würde eigentlich gerne ihre Moderatorenrolle weiterspielen, die sie in der Großen Koalition perfektionierte. Manchmal scheint sie ihren alten Partner geradezu zu vermissen. Beim Politischen Aschermittwoch in Demmin lobte Merkel zunächst ausgiebig die SPD für ihre gute Arbeit im schwarz-roten Bündnis, um dann ihren aktuellen Vize für seine Hartz-IV-Schelte abzumahnen.
Merkel ist inzwischen so genervt von Westerwelle, dass sie entgegen ihrem Naturell beim koalitionären Kleinkrieg mitmacht. Dreimal hat Merkel den FDP-Chef zurechtgewiesen und klargestellt, wer die Nummer eins ist in dieser Regierung. Vor allem ihr jüngster Rüffel in der "FAZ", der sicher nicht zufällig nur wenige Stunden vor dem abendlichen Gipfel öffentlich wurde, ließ den Vizekanzler aussehen wie einen Schulbuben.
Seehofer wiederum schien sich anfangs in der Rolle des Widerständlers aus Bayern zu gefallen. Mittlerweile überlässt er Westerwelle diese Rolle. Der CSU-Vorsitzende braucht für seine konservativen Truppen an der Heimatbasis alles andere als eine moderierende Kanzlerin, sondern eine, die Kante zeigt. So redet er sich die schwarz-gelbe Nichtregierungsorganisation schön: "Koalitionen sind per se schwierig."
Man ist bescheiden geworden bei Schwarz-Gelb.
Sympathiebekundungen spart man sich mittlerweile. Genau wie ein gemeinsames, halb-öffentliches Abendessen, das Harmonie vorspiegeln soll. So wie beim letzten Gipfel, als man sich hübsch inszeniert an exponiertem Ort zum Steak Tartar zusammensetzte.
Diesmal gab's Kartoffelpüree mit Rinderstreifen, Wasser und alkoholfreies Bier.
...... Wenn man bedenkt, daß vor 40 Jahren runde sechs Prozent das Abitur machten, es heute etwa dreimal so viele sind und sich in der Zeit die Möglichkeit des Wissens auch noch potenziert hat, dann kann das mit dem [...] mehr...
Die Deutschen sind z. T. in 40 Jahren der Nach-68er-Ära, durch immer schlechtere Schulbildung verdummt. Die Politik weiß das und deswegen machen sie ja auch was sie wollen. Sie wissen doch genau, die bequemen Deutschen gehen [...] mehr...
das sagt Peter Scholl-Latour dazu: Deutschland ist heute militärisch und politisch als Protektorat der USA anzusehen." Peter Scholl-Latour mehr...
Da muß ich entschieden gegenhalten: Ich habe weder Westerwave noch den Bundeshosenanzug gewählt! Ich wars wirklich nicht. mehr...
Was einst ein Dauerbrenner bei FOCUS war, entpuppt sich immer mehr als ein ziemlich jämmerlicher Versuch, durch Aktionismus von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Und dann auch noch Holywood: Hoffentlich hat sie da einen [...] mehr...
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