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08.03.2010
 

Hartz-IV-Debatte

Kraft grenzt sich von Westerwelle ab

SPD-Spitzenkandidatin Kraft: "Ich möchte auf niemanden Zwang ausüben"Zur Großansicht
dpa

SPD-Spitzenkandidatin Kraft: "Ich möchte auf niemanden Zwang ausüben"

Sie hat Kritik provoziert - jetzt wehrt sich Hannelore Kraft. Die nordrhein-westfälische SPD-Spitzenkandidatin will sich wegen ihres Hartz-IV-Vorstoßes nicht mit FDP-Chef Westerwelle vergleichen lassen: "Ich möchte auf niemanden Zwang ausüben", verkündet sie und präzisiert ihre Pläne.

Köln/München - Hartz IV ist für Politiker ein heikles Thema. Dennoch hat sich Hannelore Kraft vorgewagt - und vorgeschlagen, Langzeitarbeitslose mit gemeinnützigen Jobs zu beschäftigen. Die Kritik von Sozialverbänden und Gewerkschaften kam prompt. Nun versucht Kraft, sich als Verbündete der Hartz-IV-Empfänger darzustellen und damit als Gegenentwurf zu FDP-Chef Guido Westerwelle.

Dieser setze auf Arbeitszwang, sagte Kraft am Montag im WDR. Sie aber wolle Arbeitswilligen eine Perspektive schaffen und Hartz-IV-Empfängern "die Chance geben, dauerhaft in Arbeit zu kommen": "Ich möchte auf niemanden Zwang ausüben, ich möchte aber, dass sie die Chance haben zu zeigen, was sie leisten wollen und leisten können."

Als Beispiel nannte Kraft schwer vermittelbare Hartz-IV-Empfänger, die zum Beispiel einen Ein-Euro-Job machen, den aber nach einem Jahr wieder aufgeben müssen. Für solche Fälle solle ein Arbeitsmarkt auf kommunaler Ebene geschaffen werden.

"Diese Menschen wollen arbeiten", sagte die SPD-Politikerin. Sie wolle nicht, dass sich jemand "aufgibt". Aber realistisch betrachtet hätten viele Hartz-IV-Empfänger keine Chance mehr, auf den ersten Arbeitsmarkt zurückzukommen. Arbeitslose, die bald 60 Jahre alt seien oder krank, wüssten, dass sie keine Perspektiven mehr haben. Um diese Menschen gehe es ihr.

"Wir sind dabei, das durchzurechnen"

Krafts Vorstoß im SPIEGEL kam neun Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, bei der sie als SPD-Spitzenkandidatin antritt. Die Politikerin schlug vor, für nicht vermittelbare Langzeitarbeitslose einen gemeinwohlorientierten Arbeitsmarkt aufzubauen. Diese Menschen sollen dann etwa in Altenheimen oder Sportvereinen arbeiten.

Für diese Jobs will Hannelore Kraft auch eine bessere Bezahlung als für die bisherigen Ein-Euro-Jobs. Wie hoch die Entlohnung nach ihren Plänen dann sein soll, ließ Kraft im Bayerischen Rundfunk aber offen. "Wir sind dabei, das durchzurechnen", erklärte die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende.

Nicht erst seit den provokanten Äußerungen von FDP-Chef Westerwelle in der Hartz-IV-Debatte reagieren Gewerkschaften und Sozialverbände sehr empfindlich auf Vorstöße bei diesem Thema. Entsprechend ablehnend waren auch die Reaktionen auf Krafts Vorschlag.

So verlangte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) von der nordrhein-westfälischen SPD-Vorsitzenden eine Klarstellung ihrer Aussagen. Das zuständige DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", unbezahlte gemeinnützige Arbeit sei "kein Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit". Nötig sei vielmehr ein staatlich geförderter zweiter Arbeitsmarkt mit angemessener Bezahlung.

"Unausgegorener Versuch, ein Thema kurz vor der Wahl zu begradigen"

Auch die Opposition reagierte mit scharfen Attacken. Besonders die CDU in Nordrhein-Westfalen versucht, Krafts Vorschlag zu zerpflücken. "Das ist ein unausgegorener Versuch, jetzt ein Thema kurz vor der Wahl zu begradigen", sagte der designierte Generalsekretär der nordrhein-westfälischen CDU, Andreas Krautscheid, am Montag im ZDF. Die SPD habe sich seit Jahren geweigert, die "unsozialen Unwuchten" aus Hartz IV zu korrigieren.

"Es gibt viel größere Probleme in der Agenda 2010, die beseitigt werden müssen", sagte Krautscheid. Er zweifle, ob Langzeitarbeitslose für einen symbolischen Aufschlag die Straße fegen würden. Es sei Unsinn, wenn die SPD Langzeitarbeitslose einfach aufgäbe.

Der CDU kommt Krafts Vorstoß durchaus gelegen - lenkt die neue Debatte doch von der Sponsoring-Affäre ab, die Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) in Bedrängnis gebracht hat. Umfragen sehen derzeit keine Mehrheit für Schwarz-Gelb.

Selbst in der SPD ist man verwundert, dass Kraft das heikle Thema Hartz IV so kurz vor der Wahl angesprochen hat. Aus der Parteizentrale erhielt sie aber Rückendeckung. "Der gemeinnützige oder soziale Arbeitsmarkt muss eine klare Alternative zu den Ein-Euro-Jobs sein", sagte Generalsekretärin Andrea Nahles SPIEGEL ONLINE. "Die Äußerungen von Hannelore Kraft haben nichts mit dem von Unkenntnis geprägten, populistischen Geplapper der Herrn Westerwelle und Lindner gemein", sagte Nahles.

Schavan will Bildungsgutscheine für Kinder aus Hartz-IV-Familien

Den Anstoß für die Hartz-IV-Debatte hatte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegeben, wonach die Sätze für Empfänger neu berechnet werden müssen. Seitdem wird darüber gestritten, ob es mehr oder weniger Geld geben soll, ob Hartz-IV-Empfänger stärker zu Arbeit verpflichtet werden sollen und ob gerade Kindern mit mehr Sachleistungen besser geholfen werden kann als mit reinen Geldtransfers.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan regte nun an, Kinder von Hartz-IV-Empfängern neben Geldleistungen künftig auch Bildungsgutscheine anzubieten. "Wir wollen mehr Bildungsgerechtigkeit", sagte die CDU-Politikerin der "Passauer Neuen Presse". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Wochenende für mehr Sachleistungen für Hartz IV-Empfänger ausgesprochen.

"Wir arbeiten an einem Konzept für lokale Bildungsbündnisse und Bildungsgutscheine", sagte Schavan. Kindern und Jugendlichen solle der Zugang zu kulturellen Förderangeboten oder Nachhilfe ermöglicht werden. Im Koalitionsvertrag sei die Finanzierung einer Initiative gegen Bildungsarmut vorgesehen, sagte Schavan.

Die umstrittenen Hartz-IV-Äußerungen von Westerwelle kritisierte sie als kontraproduktiv. "Die Debatte war in Teilen nicht hilfreich, zumal wir im Koalitionsvertrag bereits ziemlich klare Impulse gesetzt haben."

mmq/dpa/ddp

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Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz


Hartz IV

Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.




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