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10.03.2010
 

SPD-Neuaufbau

Gabriel muss den Hartz-Fluch fürchten

Von Veit Medick

Genossen Kraft, Gabriel: Jetzt erst beginnt das SpielZur Großansicht
ddp

Genossen Kraft, Gabriel: Jetzt erst beginnt das Spiel

Es ist die bisher größte Bewährungprobe für SPD-Chef Gabriel: Weil NRW-Spitzenkandidatin Kraft auf Risiko ging, stecken die Genossen mitten in einer neuen Hartz-IV-Debatte. Kommende Woche will die Partei erste Ideen für eine Reform der Reform präsentieren - einen Flop kann sie sich nicht erlauben.

Berlin - Es heißt, es gebe nur eine einzige Kopie. Auf einem Rechner in der SPD-Zentrale. Sorgfältig versteckt, gut gesichert. Den Inhalt kenne nur die engste Parteiführung. Es sei strengste Vertraulichkeit vereinbart worden.

Man muss diese Geschichte nicht glauben. Aber sie scheint einigermaßen plausibel. Schließlich ist es ein hochsensibles Papier, das die SPD-Spitze um Parteichef Sigmar Gabriel dem Präsidium am kommenden Montag vorlegt. Es wird erste Vorschläge für Korrekturen an jener Arbeitsmarktreform enthalten, die viele Genossen als Ursache für all das Übel ansehen, das in den vergangenen Jahren über die Partei hereingebrochen ist: Hartz IV.

Geplant ist offenbar ein längerer Bezug von Arbeitslosengeld I, vielleicht eine Erhöhung der Regelsätze. Es dürfte wieder ein bisschen kuscheliger in der sozialdemokratischen Stube werden. Die neuen Leitlinien, die in den nächsten Monaten debattiert und im September offiziell beschlossen werden, sollen den jahrelangen Streit beenden - und der SPD ihren Markenkern zurückgeben. So jedenfalls die Theorie.

Der Hartz-Fluch kehrt zurück

Bis vor kurzem schien sie halbwegs realistisch. Weil FDP-Chef Guido Westerwelle in die Rolle des sozialpolitischen Unholds schlüpfte, überstanden die Genossen das für sie eigentlich katastrophale Bundesverfassungsgerichtsurteil weitgehend unbeschadet. Sie hatten Häme erwartet - und durften plötzlich selber poltern. Ein Kinderspiel, mit dem SPD-Chef Gabriel wohl am wenigsten gerechnet hatte. So hätte es weitergehen können!

Doch plötzlich kehrt der Hartz-Fluch zurück.

Die Idee von Hannelore Kraft, Langzeitarbeitslosen mehr gemeinnützige Arbeit anzubieten, war von der Substanz her harmlos und altbekannt. Doch weil sie den falschen Duktus wählte, brach die Entrüstung über sie herein. So gut es ging, versuchte die kalt erwischte SPD-Führung sie zu stützen. So waren die vergangenen Tage ein Paradebeispiel dafür, dass die SPD die Fallstricke des Themas noch immer übersieht und weit davon entfernt ist, in der Debatte Tritt zu fassen. Geschweige denn souverän aufzutreten. Und das ausgerechnet kurz vor dem Start der parteiinternen Diskussion.

So schnell dürfte Gabriel den Hartz-Fluch nicht wieder loswerden. Für den Parteichef fängt das Spiel jetzt erst an: Läuft die Reform der Reform aus dem Ruder, sind auch seine weiteren Ambitionen Makulatur. Meistert er die kommenden Monate, kann er ein großer Parteichef werden.

Gegner belauert jede sozialpolitische Zuckung

Die Aufgabe ist gewaltig. Dass die erste echte inhaltliche Hartz-IV-Wortmeldung der Sozialdemokraten nach dem Wahldesaster gleich für derart viel Wirbel sorgt, ist für ihn keine gute Nachricht. Spätestens jetzt weiß er: Wie Geier belauern die anderen Parteien noch immer jede sozialpolitische Zuckung der Genossen, um sie genüsslich zu interpretieren. Opposition hin oder her. Und weil Gabriel davon ausgehen kann, dass die parteiinterne Hartz-Debatte der kommenden Monate nicht ganz so geräuschlos geführt werden wird, wie das Thema Afghanistan, droht viel Unheil.

Von außen sowieso. Wie genau sich die SPD zu ihren eigenen Reformen positioniert, spielt da eigentlich keine Rolle. Das sehen auch prominente Sozialdemokraten so. Es sei ein "gravierendes Missverständnis zu glauben", Hartz IV sei "auf der Sachebene zu gewinnen", schreibt Thomas Steg, ehemaliger Regierungssprecher und Wahlkampfberater von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, in einer gerade erschienenen Aufsatzsammlung.

Tatsächlich wird der Gegner so oder so brüllen. Der Linkspartei dürfte die Abkehr von der Agenda 2010 selbst dann noch nicht weit genug gehen, wenn die Sozialdemokraten sich auf das Godesberger Programm besännen. Ließe die SPD die Reformen unangetastet, würde die FDP wohl trotzdem einen Linksruck erkennen.

Neues Wir-Gefühl ist fragil

In diesen Druckverhältnissen wird Gabriel aufpassen müssen, dass der eigene Laden nicht auseinanderfliegt. Dass der Niedersachse das kann, hat er einmal schon bewiesen: Mit seiner Katharsis auf offener Bühne erzeugte er auf dem letzten Parteitag ein unerwartet plötzliches Gefühl der Gemeinsamkeit. Doch es ist fragil und wird vor allem durch den Chaosstart der Bundesregierung gefüttert. Leicht könnte der Hartz-Fluch die einst tiefe Kluft zwischen jenen Sozialdemokraten, die die Arbeitsmarktreformen als mutigen Schritt verteidigen und jenen, die sie als historische Sünde verteufeln, wieder aufbrechen.

Wie auch immer die SPD sich sozialpolitisch neu ausrichtet - mit Hartz ist sie auf ewig verbunden. Solange die Partei keine neue sozialdemokratische Erzählung beginnt, wird sie an diesem Ballast schwer tragen. Höchste Zeit also, dass sich die Genossen wieder den wirklich großen Fragen widmen. Die Schlagworte liegen auf der Hand: Es geht um Verteilung, um soziale Gerechtigkeit, um Solidarität.

Diese Begriffe neu zu definieren und in ein linkes Gesellschaftsmodell zu verweben, wird Gabriels eigentliche Aufgabe sein. Nur so ist der Hartz-Fluch besiegbar.

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Er darf sich alles kaufen, muss halt nur ein bisschen haushalten. mehr...

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22.03.2010 von Kontrastprogramm:

Nun, wer nichts anderes findet, muss dann eben erst mal "ehrenhalber" ran. mehr...

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Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz


Hartz IV

Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.




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