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10.03.2010
 

Spitzelverdacht in der CSU

Das Geheimnis des Herrn Zorzi

Von Philipp Wittrock und Conny Neumann

CSU: Mails, Macht, Misstrauen
Fotos
AP

Ein Parteichef, ein Spitzel, der Verdacht einer Intrige - aus solchem Stoff werden bei der CSU seit Edmund Stoibers Ende Dramen gestrickt. Horst Seehofer hat blitzartig seinen Büroleiter gefeuert, weil er E-Mails eines Parteikollegen durchschnüffelt hat. Die Geschichte einer gefährlichen Posse.

München/Berlin - Es klang nach einem dieser typischen Horst-Seehofer-Scherze, als der CSU-Chef am Montagmittag nach dem Zoff mit seinem Landesgruppenchef die neue "Epoche der Brüderlichkeit" ausrief und direkt selbst hinterschickte, diese würde zumindest bis zum selben Abend andauern. Doch möglicherweise meinte Seehofer es ernster als gedacht.

Denn der bayerische Ministerpräsidenten wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es mit der Brüderlichkeit tatsächlich schon in wenigen Stunden wieder vorbei sein würde.

Es stand nämlich längst fest, dass er wenig später in die Staatskanzlei fahren würde, um sich von seinem Büroleiter Markus Zorzi persönlich ein Geständnis samt Entschuldigung anzuhören: Zorzi hatte in einem E-Mail-Postfach geschnüffelt, das ihn nichts anging. In jenem von Bernhard Schwab, Hauptgeschäftsführer der CSU, und damit Nachfolger Zorzis in der Landesleitung der bayerischen Union. Seehofer feuerte Zorzi, was die Regierungszentrale am Dienstag mit einer dürren Pressemitteilung offiziell machte. Von einem "Dienstvergehen" war die Rede, das ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen werde.

Am Mittwoch, auf dem Weg in die CSU-Landtagsfraktion, wirkt Seehofer noch immer konsterniert. Er spricht von einer "bitteren Geschichte", schließlich, so hatte er zuvor in einem Interview erklärt, hätte er für Zorzi seine Hand ins Feuer gelegt. Doch nun habe der einen "unverzeihlichen Fehler" begangen, Zorzis Rauswurf sei unvermeidlich gewesen. "Da hat es überhaupt keine Zweifel gegeben", sagt der CSU-Chef.

Zorzis Motiv? Darüber wisse er nichts, sagt Seehofer, er habe sich bisher auch nicht dafür interessiert. Ihm habe die Tatsache gereicht, "dass es stattgefunden hat".

Tatsächlich aber gibt es in der CSU derzeit kaum ein anderes Thema. Alle fragen sich: Warum? Was hat den Büroleiter angetrieben?

"Große Fragezeichen"

Aufgeflogen war die ganze Affäre in der vergangenen Woche durch einen regelmäßigen EDV-Sicherheitscheck in der Parteizentrale. Dabei wurde festgestellt, dass von einem Computer außerhalb der Münchener Landesleitung im Februar und März mehrfach auf Schwabs E-Mail-Account zugegriffen worden war. Die Techniker verfolgten die Spur zurück - und landeten in der Staatskanzlei. Der Schnüffler war Zorzi.

"Es herrscht Rätselraten", sagt nicht nur einer aus dem CSU-Vorstand, "überall nur große Fragezeichen". Die meisten Parteifreunde, die den Geschassten kennen, nennen ihn bedächtig, sachkundig, integer, loyal. Manchmal sind auch kritische Töne zu hören: Nachgeweint habe Zorzi keiner, heißt es dann, als Seehofer ihn erst vor drei Monaten aus der Landesleitung zu sich holte. Zorzi habe immer alles wissen wollen, wird erzählt, auch das klingt nicht unbedingt positiv. Es klingt nach Misstrauen.

Hat Zorzi seinem Nachfolger Schwab deshalb nachspioniert? Traute er Schwab nach bald sechs Jahren auf dem Posten des Landesgeschäftsführers nicht über den Weg, wollte er alle Informationen haben, die durch dessen elektronisches Postfach gehen? Schwab gilt als letzter Stoiber-Mann in der CSU-Zentrale, er war Parteisprecher, war lange bayerischer Statthalter in Berlin, bevor Seehofer ihn in diesem Jahr nach München holte. Schwab ist auch ein enger Vertrauter vom einstigen Stoiber-Flüsterer Martin Neumeyer, der erst vor kurzem aus der Staatskanzlei ins Landwirtschaftsministerium wechselte.

Gute Freunde sollen Zorzi und Schwab nicht gewesen sein. Wenn CSU-Kreise nun persönliche Motive statt einer großen politischen Intrige hinter der Mail-Spitzelei vermuten, ist das zumindest nicht unwahrscheinlich. Eine Vorlage für die bayerische Opposition ist sie allemal: Seehofer habe "seinen Laden nicht mehr im Griff", lästert SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen. Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause spottet: "Das Ausmaß von Missgunst und Misstrauen innerhalb der CSU ist erschreckend."

Erinnerungen an Stoiber

In der Tat sagt die Geschichte viel aus über das Klima in einer Partei, die sich doch eigentlich einen Neuanfang verordnet hat. Noch immer beäugen sich in der CSU Bundes- und Landespolitiker, Franken und Bayern, Seilschaften und Netzwerke. Vor allem Bayerns ehrgeizigem Umweltminister Markus Söder wird nachgesagt, solche Netzwerke für seine weitere Parteikarriere zu pflegen. Söder war von 2003 bis 2007 CSU-Generalsekretär, 2004 wurde Zorzi Landesgeschäftsführer.

Söders Nachfolgerin Christine Haderthauer beließ Zorzi auf seinem Posten, ebenso Karl-Theodor zu Guttenberg bei seiner Stippvisite in der CSU-Zentrale. Als Guttenberg Zorzi jedoch wegen inhaltlicher Differenzen seinen eigenen Strategen Philipp von Brandenstein an die Seite stellte, tauchte plötzlich ein uraltes Partyfoto auf - zu sehen: Guttenbergs Berater als betrunkener Teenager beim Hitlergruß. Von Brandensteins Karriere war beendet, Zorzi machte weiter.

Dessen E-Mail-Überwachung weckt nun auch Erinnerungen an die Spitzelaffäre aus dem Jahr 2006, die den Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Stoiber einleitete. Als die frühere Fürther Landrätin Gabriele Pauli Stoibers Büroleiter Michael Höhenberger vorwarf, ihr Privatleben auszuspionieren, nahm sie der Regierungschef zunächst nicht ernst: "So wichtig sind Sie nicht", ließ er die Parteirebellin wissen. Es war sein Anfang vom Ende.

Dass Seehofer den Rauswurf Zorzis jetzt so kompromisslos durchgezogen hat, dürfte wohl auch mit den Lehren aus dieser Affäre zu tun haben.

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insgesamt 7 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.03.2010 von Ronnie O Rantanplan: Intrigenstadl

Netzwerke, die gegeneinander intrigieren, Machtspielchen und Spitzeleien. Die bayerische CSU ist unter Stoiber nicht anders als unter Seehofer. Es wäre auch denkbar, dass Zorzi im Auftrag eines ambitionierten bayerischen [...] mehr...

11.03.2010 von john mcclane:

Vielleicht machen Sie sich mal die Mühe, die wirtschaftlichen Eckdaten Bayerns mit denen anderer Bundesländer zu vergleichen. Wenn Ihnen dann noch nach Lachen zu Mute ist, nur zu. Je nachdem, wo Sie Ihren Wohnsitz haben, wäre [...] mehr...

10.03.2010 von seoul: Wenn ich ...

im Zusammenhang mit diesem Rauswurf aucvh den Namen Haderthauer lese, dann fällt mir sogleich ein, dass diese im Interview letztes Jahr auf den seeligen strauss, FJ und dessen Vorbildfunktion für die CSU angesprochen wurde [...] mehr...

10.03.2010 von Klaraussage: Richtige Entscheidung

Horst Seehofer hat zweifellos richtig gehandelt. Ohne Hintergründe und Motivation des Büroleiters zu kennen: das macht man nicht, das darf man nicht, und es bestätigt erneut den Verdacht, daß auch in einem demokratischen [...] mehr...

10.03.2010 von woscho: Kann sich die CSU überhaupt von ihrer Korruptionszersetzung befreien?

Wird sie nicht. So lange zwielichtige Rechtsbeuger als Jongleure ungehindert ihr Unwesen treiben können. Unverständlich, wenn geschasste Partei-Vergifter noch immer gespenstisch und intrigant in den CSU-Strukturen [...] mehr...

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