Von Ole Reißmann
Hamburg - Aschenbecher und Feuerzeug liegen bereit. Altkanzler Helmut Schmidt und Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg sind nach Hamburg gekommen, um an der Bundeswehr-Universität über den Afghanistan-Einsatz zu diskutieren. Der jüngste Verteidigungsminister, der 38-jährige CSU-Politiker Guttenberg, trifft auf den beliebtesten Elder Statesman Deutschlands, das 91-jährige SPD-Mitglied Schmidt.
Schmidt sitzt vor einer bronzenen Büste, die sein Gesicht zeigt. Seit 2003 trägt die Universität seinen Namen - doch für Guttenberg und Moderator Friedrich Merz ist er nur der "Herr Bundeskanzler". "Ich heiße Schmidt", wehrt sich der so Angesprochene. Doch vergeblich, zwei Sätze später ist er wieder der Bundeskanzler.
"Bundeswehr im Einsatz: Krisenherd Afghanistan" heißt die Veranstaltung des politischen Vereins "Atlantik-Brücke". Geladen wurden etliche Ehrengäste, außerdem füllen junge Soldaten die Stuhlreihen. Eigentlich will Merz die Richtung vorgeben, will wissen, was in Afghanistan jetzt "realistisch ist".
So richtig funktioniert das nicht. "Wenn wir Afghanistan nur auf Afghanistan beschränkt denken, ist das Scheitern programmiert", sagt Guttenberg und weiß Helmut Schmidt auf seiner Seite. Der referierte zunächst, was er schon in der "Zeit" geschrieben hatte: Es gebe in absehbarer Zeit keine überzeugende Lösung für den Problemkomplex Afghanistan, Pakistan, Zentralasien und Dschihadismus - und Deutschland dürfe nicht im Alleingang handeln, sondern nur zusammen mit der Europäischen Union und der Nato.
Die Soldaten dürfen zuhören
Schmidt, selbstredend rauchend, erklärt, man müssen sich an den Gedanken gewöhnen, "dass man den Krieg irgendwann wird abbrechen müssen". Guttenberg nennt das lieber den Einstieg in die "Übergabe der Verantwortung", widerspricht aber nicht. Doch mit wem verhandeln, wem Verantwortung übertragen? Die beiden ringen um Antworten.
Die Soldaten dürfen zuhören. Ihre Expertise, etwa die des deutschen Nato-Generals Egon Ramms, ist an diesem Abend nicht gefragt. Dabei könnte einer wie Ramms von US-Generälen wie auch von afghanischen Machthabern berichten. So bleibt auch die Kunduz-Affäre, in der Guttenberg keine gute Figur macht und an der sich das ganze Dilemma des deutschen Engagements am Hindukusch ablesen lässt, außen vor. Die Bundeswehr gleich mit.
Warum nun deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen, wofür und wie lange noch - darüber verlieren die beiden Politiker kaum Worte. Dabei hatte die "Zeit", deren Mitherausgeber Schmidt ist, gerade erst von der überforderten Truppe geschrieben und von eklatanten Fehlern in der Afghanistan-Strategie. Stattdessen besprechen die Politiker die ganz großen Zusammenhänge. Es geht um Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, um Überbevölkerung und Terroristen.
Kein Widerspruch von Guttenberg
Der Westen habe sich im Laufe der Jahrhunderte schlecht zur islamischen Welt benommen, sagt Schmidt. "Und wir benehmen uns auch jetzt wieder ziemlich mies." Ein isolierter Frieden in Afghanistan kommt ihm unwahrscheinlich vor - und angesichts der stark wachsenden Bevölkerung in den muslimisch geprägten Ländern der Welt, 50 von rund 200 Staaten, müsse man "überflüssige Herausforderungen des Islam" unbedingt vermeiden.
Man könne nicht von der Verantwortung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai sprechen, der praktisch nur der Bürgermeister von Kabul sei, "und auf der anderen Seite die Chinesen, die Russen, die Inder aus der Verantwortung rauslassen", sagt Schmidt und fügt hinzu: "Und die Israelis, die ihrerseits dazu beitragen, dass die islamischen Menschen in vielen Staaten der Welt immer stärker antiwestlich fühlen." Dafür gibt es spontanen Applaus.
Sieben Zigaretten und noch mehr Fotos
Guttenberg widerspricht auch nicht, als Schmidt diplomatische Versäumnisse bemängelt. Mit Frankreich habe man sich in der Vergangenheit besser abgestimmt, überhaupt brauche es eine gemeinsame europäische Außenpolitik. Seit dem Maastricht-Vertrag 1992 fehlt es dem Altkanzler "an deutscher Diplomatie".
Die Fragen aus dem Publikum sind ebenso freundlich wie die Diskussion. Der ansatzweise kritische Hamburger Professor Norman Paech, der schon für die Linke im Bundestag saß, wird in Schach gehalten. Merz fällt ihm ins Wort, dann verkündet Guttenberg, wie unangebracht er den Protest der Linken-Abgeordneten gegen den Afghanistan-Krieg im Bundestag fand und bekommt dafür viel Applaus.
Schließlich kommt doch noch ein Soldat zu Wort. Der Sprecher der Studentenschaft, ein alerter junger Mann mit mindestens eben so viel Gel im Haar wie der Verteidigungsminister, wünscht sich einen "professionellen Ansatz", wie man der Bevölkerung den Einsatz in Afghanistan plausibel machen könne - den Soldaten müsse man das gar nicht erklären.
Es ist ein Heimspiel für die Verteidigungsminister. Sieben Zigaretten später verschwindet Schmidt, Guttenberg muss noch Hände schütteln und für Erinnerungsfotos mit Soldaten posieren. Er strahlt.
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Gestern hat Helmut Schmidt es geschafft. Er ist ältester Bundeskanzler aller Zeiten geworden, noch vor Adenauer. mehr...
Friedrich Merz ist Vorsitzender des Atlantik Bündnisses, das sich für die Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit einsetzt. Herr Merz ist Jurist und war Partner bei der CBH-Kanzlei Köln. Die CBH-Kanzlei Köln vertritt die Ford [...] mehr...
Hier ist Herr Schmidt sehr logisch. Der Krieg wird von Deutschland nur geführt, um nicht protektionistisch zu sein! Also ein rein außenpolitisches, nicht verteidigungsstrategisches, Kalkül! Kein Folgen irgendwelcher [...] mehr...
Ich bin mir immer noch unsicher, ob sich Deutschland überhaupt für diese Probleme interessieren muss oder nicht. Schmidt ist Globalist, aber im Gegensatz zu den meisten kapitalfixierten Globalisten ist er sozialdemokratischer [...] mehr...
> Der Westen habe sich im Laufe der Jahrhunderte schlecht zur islamischen Welt benommen, sagt Schmidt. "Und wir benehmen uns auch jetzt wieder ziemlich mies." Ein isolierter Frieden in Afghanistan kommt ihm [...] mehr...
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