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14.03.2010
 

SPD-Vize Kraft im Interview

"Die Hartz-Regelsätze werden steigen müssen"

Am Montag will die SPD erste Hartz-Korrekturen vorlegen - Parteivize Kraft legt schon mal vor: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plädiert sie dafür, die Sätze für Langzeitarbeitslose zügig anzuheben. Mit dem Echo auf ihren Vorstoß zum sozialen Arbeitsmarkt zeigt sie sich trotz massiver Kritik zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Die FDP lobt Sie für Ihren jüngsten Hartz-IV-Vorstoß. Wie fühlt sich das an?

Kraft: Das wundert mich schon. Denn ich schlage ja genau das Gegenteil der FDP vor. Die Liberalen wollen eine Pflicht auf Arbeit. Ich will ein Recht auf Arbeit. Ich möchte, dass Langzeitarbeitslose mit kaum überwindlichen Vermittlungshemmnissen sozialversicherungspflichtige Jobs im sozialen Arbeitsmarkt bekommen. Sie müssen oberhalb von Ein-Euro-Jobs bezahlt werden. Und das Wichtigste ist die Freiwilligkeit. Mit der eiskalten FDP hat das nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht einmal die Grünen können mit Ihrem Vorschlag etwas anfangen. Mit wem wollen Sie eigentlich regieren?

Kraft: Es sind einige Kommentatoren des Vorstoßes dem Fehler aufgesessen, nicht das Original zu lesen, sondern die Berichterstattung darüber. Die hatte mit meinen ursprünglichen Worten wenig zu tun. Das dürften inzwischen auch die Grünen gemerkt haben. Insofern mache ich mir um Rot-Grün keine Sorgen. Das wird klappen.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt war Ministerpräsident Rüttgers wegen der Sponsoring-Affäre arg in Bedrängnis. Jetzt sind Sie in der Defensive. Hat er sich bei Ihnen schon bedankt?

Kraft: Ich fühle mich überhaupt nicht in der Defensive. Ich erlebe viel Zustimmung. Nach der Umfrage des ZDF-Politbarometers stimmen 78 Prozent der Wählerinnen und Wähler meinem Vorschlag zu. Tagtäglich bekomme ich E-Mails von Menschen, die betroffen sind und darüber klagen, dass sie aus ihrem Ein-Euro-Job nach einem halben Jahr wieder raus müssen. Zur Sponsoring-Affäre von Jürgen Rüttgers ist aus meiner Sicht das Wesentliche gesagt. 80 Prozent der Menschen glauben nicht, dass er vom Miet-Rüttgers-System seiner NRW-CDU nichts gewusst hat.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt bereits Ein-Euro-Jobs. Warum wollen sie einen weiteren Niedriglohnsektor für Langzeitarbeitslose schaffen?

Kraft: Weil der Bedarf groß ist und die Ein-Euro-Jobs den entscheidenden Nachteil haben, dass sie immer zeitlich befristet sind. Ich habe eine Tatkraft-Tour gemacht, bei der ich einen Tag arbeiten gegangen bin. Dabei ist mir in einem Nähprojekt in Duisburg eine Frau mit Multiple Sklerose begegnet. Sie sagt selber, dass sie niemand mehr einstellen wird. Doch der Ein-Euro-Job läuft aus und dann sitzt sie wieder zu Hause, fühlt sich nicht mehr gebraucht. Auch psychisch hat das negative Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte es ihr mit Ihrem Vorschlag besser gehen?

Kraft: Mit meinem Vorschlag würde sie dauerhaft die Gelegenheit haben, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu arbeiten, soziale Kontakte zu pflegen, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Arbeit hat auch immer etwas mit Würde zu tun. Für diese Menschen war mein Vorstoß gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Ex-Regierungssprecher Thomas Steg behauptet, Hartz IV sei auf der Sachebene für die SPD nicht zu gewinnen. Sie sehen das offensichtlich anders.

Kraft: Ich weiß nicht, was er damit meint. Als SPD haben wir uns dazu entschlossen, uns das Thema Hartz IV noch mal vorzunehmen. Dazu wird die Parteispitze am Montag ihre Vorschläge in Berlin präsentieren. Und ich glaube es war richtig, dass sich NRW, immerhin der größte Landesverband, mit seiner zentralen Forderung an der Debatte beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Muss die SPD auch die Höhe der Regelsätze überdenken?

Kraft: Da müssen wir auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts berücksichtigen. Karlsruhe hat die Latte für eine soziale Teilhabe von Hartz-IV-Empfängern sehr hochgelegt. Gott sei Dank. Für mich ist klar: Die Regelsätze werden steigen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Schwarz-Gelb will künftig mit Gutscheinen und Sachleistungen Kinder gezielter fördern. Haben Sie eine bessere Idee?

Kraft: Es darf nicht zu Stigmatisierung kommen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass es früher Gutscheine für Sozialhilfeempfänger gab. Meine Oma hatte damals auch welche. Butter zum Beispiel kaufte sie mit Gutscheinen. Da hat sie mich immer geschickt, weil ihr das sehr peinlich war. Ich kann mich da gut dran erinnern. Deshalb bin ich was Gutscheine angeht sehr skeptisch.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Kraft: Wir sollten dafür sorgen, dass sich die Strukturen so verändern, dass alle Kinder ein Recht auf einen Kita-Platz bekommen, ein warmes Mittagessen, eine Ganztagsbetreuung und auch die Möglichkeit zu Sport und Musik. Das sind die Grundleistungen, die wir erbringen müssen. Dann bräuchten wir auch keine Gutscheine für Kinder aus Hartz IV-Familien. Dies würde auch die Familien oberhalb von Hartz IV bis in die Mitte der Gesellschaft benachteiligen. Wir dürfen kein Kind zurücklassen.

Das Interview führte Veit Medick

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Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz

Hartz IV

Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.





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