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15.03.2010
 

Arbeitsmarkt

SPD bricht Schröders Reformen auf

Von Veit Medick

Die SPD denkt um. Parteichef Gabriel legt einen Korrektur-Katalog für Hartz IV vor, der mehr Änderungen enthält als erwartet. Das Ziel: wieder "Ordnung schaffen" auf dem Arbeitsmarkt. Kanzlerin Merkel nennt Teile der Pläne dagegen "absoluten Irrsinn".

Berlin - So ein fein austariertes, vorsichtiges Sätzchen hat man Sigmar Gabriel schon lange nicht mehr sagen hören. "Wir sind davon überzeugt, dass wir eine angemessene Weiterentwicklung, in Teilen auch Korrektur der Arbeitsmarktreformen vorgelegt haben", sagt der ansonsten eher zu rustikaler Rhetorik neigende SPD-Chef bedächtig.

Die Vorsicht des Niedersachsen hat einen diffizilen Grund. An diesem Montag hat das SPD-Präsidium den sensibelsten Teil des Neuordnungsprozesses der Sozialdemokratie begonnen - die Debatte darüber, wie man künftig zu den rot-grünen Arbeitsmarktreformen steht, die wie nichts anderes die Genossen jahrelang gespalten haben. Und weil diese Debatte auch ein bisschen darüber entscheidet, wie es mit der Partei insgesamt weitergeht, ist Demut das Gebot der Stunde.

Als ersten Schritt hat das Präsidium nun ein Papier mit Korrekturvorschlägen vorgelegt. Vorschlägen wohlgemerkt, denn beschlossen werden soll die Neupositionierung erst auf dem Bundesparteitag im September. Aber mit Blick auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai sah sich die SPD-Spitze genötigt, die neuen Leitlinien zumindest schon mal zu umreißen. So sollen verprellte Wähler wieder zu den Genossen zurückfinden.

Die SPD beginnt die Hartz-Buße. Ohne freilich am Kern der unter dem Begriff Agenda 2010 bekannt gewordenen Reformen zu rütteln.

Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe und die Einbeziehung der Sozialhilfeempfänger in die Arbeitsförderung seien "richtige Weichenstellungen" gewesen, heißt es in dem von Ex-Arbeitsminister Olaf Scholz maßgeblich verfassten Papier. Allerdings müsse die SPD "Fehlentwicklungen erkennen und auch Korrekturen vorschlagen". Oder wie Gabriel es ausdrückt: "Wir müssen wieder Ordnung schaffen auf dem Arbeitsmarkt" - ein Eingeständnis dafür, dass es auch die eigenen Reformen waren, die für Unordnung sorgten.

Es ist keine Totalabkehr geworden - aber die Vorschläge gehen weiter, als manche Beobachter das in den vergangenen Tagen erwartet hatten:

  • So plädiert die SPD bei Hartz IV dafür, "auf die Anrechnung von Vermögen vollständig zu verzichten". Nur das aus dem Vermögen erzielte Einkommen soll künftig noch berücksichtigt werden. Obwohl dann etwa Zinsen oder Mieteinnahmen angerechnet würden, griff Kanzlerin Angela Merkel am Abend die komplette Vermögensschonung scharf an. Damit könnten "Besitzer von sieben, acht Häusern Hartz IV beantragen. Das wäre der absolute Irrsinn", sagte sie nach Teilnehmerangaben auf der CDU-Fraktionssitzung.
  • Änderungen will die SPD auch beim sogenannten Übergangszuschlag. Wer vom Arbeitslosengeld I in das Hartz-IV-System abrutscht, erhält derzeit für zwei Jahre einen Zuschlag auf das Arbeitslosengeld II von höchstens 160 Euro im ersten und 80 Euro im zweiten Jahr. Die Sozialdemokraten wollen dies durch die Berücksichtigung langer Beschäftigungszeiten verbessern.
  • Erwartet worden war eine Verlängerung der Zahldauer des Arbeitslosengelds I. Hier schloss sich die SPD-Spitze weitgehend einem Vorschlag des hessischen Landesverbands an. Ältere sollen die Unterstützung demnach künftig bis zu drei Jahre beziehen können (bisher zwei), wenn sie sich besonders qualifizieren, Jüngere bis zu zwei Jahre (bisher eins).
  • Beim Mindestlohn folgt die SPD dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der 8,50 Euro pro Stunde fordert. Ein gesetzlicher Mindestlohn werde "dringend" gebraucht, um den Missbrauch bei der Leiharbeit zu verhindern
  • Berücksichtigt wurde auch der Vorschlag der nordrhein-westfälischen Spitzenkandidatin Hannelore Kraft, einen sozialen Arbeitsmarkt zu schaffen. So sollen 200.000 zusätzliche Stellen für Langzeitarbeitslose mit Vermittlungshemmnissen geschaffen werden. Gabriel hob hervor, es handele sich um "freiwillige" Arbeit - bei Ablehnung zumutbarer Arbeit sollten aber alle schon vorhandenen Sanktionsmöglichkeiten greifen.
  • Auch beim Thema Mitbestimmung will die Parteispitze Änderungen. Die paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsräten soll in Unternehmen mit 1000 statt derzeit 2000 Beschäftigten greifen. Außerdem soll "ein Katalog im Aufsichtsrat zustimmungsbedürftiger Geschäfte" festgelegt werden. Das sei ein Schutz gegen "modernen Finanzkapitalismus", heißt es im Papier.

Ob es bei den am Montag beschlossenen Leitlinien bleibt ist fraglich. Wie schon beim Thema Afghanistan soll jetzt die Basis beteiligt werden. Doch Hartz IV ist sensibler - und besonders die Parteilinke dürfte bemängeln, dass die SPD-Spitze einige Fragen in dem Papier ausgeklammert hat.

Zu den umstrittenen Zumutbarkeitsregeln findet sich ebenso wenig wie zu der Frage, wie hoch die Hartz-IV-Sätze künftig sein sollen. Ganz abgesehen von der Finanzierung lässt das Konzept auch an anderer Stelle viel Raum für Debatte. Wie zum Beispiel der Übergang vom ALG I ins ALG II genau geregelt werden soll, ist offen. Auch die Höhe der Entlohnung für Tätigkeiten im sozialen Arbeitsmarkt wurde noch nicht festgelegt. Hier dürfte es in den kommenden Monaten noch einige interessante Wortmeldungen geben.

Wie heikel das Thema ist, wurde am Montag auch im Präsidium deutlich. Teilnehmer berichten, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, Kopf der Agenda 2010, habe sich nicht ein einziges Mal geäußert.

Stattdessen sorgte ein anderer für Stimmung, der eigentlich gar nicht der illustren Runde angehört: Ottmar Schreiner, Parteilinker und Chef des Arbeitnehmerflügels. Als Zeichen des neuen Stils war er von der SPD-Spitze zur Sitzung geladen worden. Schreiner nutzte gleich mal die Gelegenheit, um das Papier noch ein wenig anzuschärfen. So forderte er, die Ein-Euro-Jobs für Langzeitarbeitslose künftig durch einen Ausbau des sozialen Arbeitsmarkts zu ersetzen. Man könne schließlich nicht gleichzeitig einen Mindestlohn von 8,50 Euro fordern und an den Billigstjobs festhalten. Doch mehrere Teilnehmer warnten vor einem solchen Schritt: Die Ein-Euro-Jobs seien ein vergleichsweise kostengünstiges Förderinstrument. Schaffe man es ab und setze auf teurere Modelle, reduziere man automatisch die Zahl der Geförderten.

Und so findet sich im Papier ein Kompromiss: Es solle geprüft werden, welche der Ein-Euro-Jobs in den sozialen Arbeitsmarkt "überführt werden" könnten.

Mit Material von dpa/Reuters

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Die neuesten Beiträge:
08.04.2010 von rosiweissnix:

Die Einschätzung ist besser, als Sie denken, denn das Ergebnis ist auch für diese Art der Schreiberei eine Grundvoraussetzung. Sie bekommen es sonst nicht über die Tastatur, sind quasi nicht qualifiziert genug, könnte man so [...] mehr...

08.04.2010 von Celestine:

Aber sie sollte es schriftlich geben, dass sie keinerlei Ansprüche an die Solidargemeinschaft stellen wird, wenn sie mal keinen Job findet. Naja, sogar Girlies aus Chicago werden mal alt und gebrechlich und spätestens dann sieht [...] mehr...

08.04.2010 von MegairadieFurie:

Falls es jemals so weit kommt, dann kann ich beruhigt zu meinem Vater gehen und mir eine seiner offizielle Pistolen abholen, zum selbstschutz erstmal, denn das Gesetz hat zu diesem Zeitpunkt ein MHD unter 2 Tagen. Aber [...] mehr...

08.04.2010 von bigeagle198:

Spätestens wenn der Kühlschrank und/oder das Konto leer sind, wird sich ein starker Bewegungsdrang entwickeln. Klauen im Supermarkt, plündernd durch Mittelstandsvororte ziehen, den Sachbearbeiter der ARGE verprügeln. Der [...] mehr...

08.04.2010 von pssst...:

yep, steht hier ! Der Deutschen Untertanengeist : http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,687760,00.html mehr...

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Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I

Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

Arbeitslosengeld II

Hartz IV/SGB II

ARGE/Jobcenter

Peter Hartz


Hartz IV

Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.





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