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22.04.2010
 

Anti-Atom-Protest an der Elbe

Das Comeback der Menschenkette

Von Julia Troesser

Menschenkette an der Elbe: Hand in Hand für den Atomausstieg
Fotos
ddp

Hand in Hand gegen Atomenergie: Am Samstag soll eine Menschenkette die Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel verbinden, um ein Zeichen für den Atomausstieg zu setzen. Eine Aktion alternativer Alt-68er? Nein, ein Ausdruck moderner Protestkultur.

Hamburg - Die rote Sonne ist überall. Sie lacht von Fahnen und Westen, sie wird auf Transparente gesprüht und Kindern ins Gesicht gemalt. Die rote Sonne ist seit den siebziger Jahren das Symbol im Kampf gegen die Atomenergie und erlebt gerade ein großes Comeback.

Denn wenn junge Menschen auf Trommeln schlagen, Fahnen schwenken und Hand in Hand Hügel erklimmen, um gegen Atomkraft zu demonstrieren, ist das keine Erinnerung an längst vergangene Jahrzehnte - die Szene ist Teil eines aktuellen Internetvideos.

Der Spot wirbt für die "KettenreAktion!", eine Menschenkette, die am 24. April die Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel verbinden soll. Eine Entfernung von 120 Kilometern entlang der Elbe möchten Demonstranten überbrücken, um gegen den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu protestieren. Die Teilnehmer wollen ein Signal an die Bundesregierung senden, die Bevölkerung an die Risiken der Atomenergie erinnern und bestenfalls sogar den Ausgang der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen beeinflussen.

Aber ist die Protestaktion Menschenkette, die in den achtziger Jahren ihre große Zeit hatte, dafür wirklich noch angemessen? Kann durch diese Art von Protest die Bundespolitik beeinflusst werden? Sind Menschenketten in Zeiten von E-Mail-Petitionen, Facebook-Protestgruppen und Flashmobs noch zeitgemäß?

Werbung per Flashmob

Das spielt zunächst keine Rolle, denn "die Resonanz von Protesten ist stark davon abhängig, wie viele Leute mitmachen und ob eindrucksvolle Bilder erzeugt werden", sagt Protestforscher Simon Teune vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Seiner Meinung nach wird der Effekt einer Protestaktion heutzutage vor allem von der Berichterstattung der Medien beeinflusst. "Auch eine Demo mit 30.000 Teilnehmern kann totgeschwiegen werden, und dann erreicht sie überhaupt nichts."

Damit das nicht passiert, machen die Organisatoren kräftig Werbung für ihre Menschenkette - nach allen Regeln der digitalen Kunst. Neben diversen YouTube-Videos bietet ein Web-Shop klassisches Verteilmaterial zum Bestellen an, Online-Banner für Web-Seiten stehen zur Verfügung.

Darüber hinaus gibt es im Internet eine Seite mit Tipps, wie motivierte Demonstranten vorab Aufmerksamkeit für die Menschenkette erzielen können - zum Beispiel durch ein "Die-in mit Radioaktiv-Zeichen". Dabei sollen die Teilnehmer zur verabredeten Zeit an einem bestimmten Ort auftauchen und dann - wie plötzlich tot - auf den Boden fallen, ein mitgebrachtes Radioaktiv-Zeichen über sich werfen und zwei Minuten so verharren.

Was klingt wie ein Happening aus Hippie-Zeiten, nennt sich heutzutage Flashmob: Übers Internet verabreden sich Gleichgesinnte zu einer ungewöhnlichen Aktion in der Öffentlichkeit - beliebt sind große Kissenschlachten oder kollektives Burger-Kaufen in Fast-Food-Filialen. Und obwohl offensichtlich Anleihen bei der Hippie-Generation gemacht werden, sind die Initiatoren meist junge Menschen des digitalen Zeitalters - und keine Alt-68er.

Und die sind es auch nicht, die sich vorwiegend an der Menschenkette beteiligen, sagt Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt", der die Aktion mitorganisiert. Auch wenn Stay genau der Typ Demonstrant ist, der das Klischee vom Atomkraft-Bekämpfer bedient: seit 1980 in außerparlamentarischen Bewegungen aktiv, ehemaliger Hausbesetzer, vom Verfassungsschutz als "zentrale Person des Anti-AKW-Widerstandes, der eine koordinierende Funktion wahrnimmt", bezeichnet.

Erfolgreiche Probe-Ketten

Nach Stays Aussage stellt er aber nicht den typischen Teilnehmer der Menschenkette dar: "Bei den Probe-Aktionen waren alle Altersklassen vertreten, das war total gemischt." Er hatte zwar auch erst Bedenken, "ob Leute sich heute gerne noch an der Hand fassen, um zu demonstrieren".

Bei den Test-Ketten in mehr als 50 Städten hat das scheinbar keinen gestört, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: "Für die junge Generation sind Menschenketten etwas völlig neues, die kennen das gar nicht. Die finden es spannend, dass es Alternativen zu klassischen Demos gibt. Und Ältere, die früher schon an solchen Aktionen beteiligt waren, sind froh, dass sie so mal wieder auf die Straße gehen können."

Besonderen Eindruck könnte die Anti-Atom-Aktion auch dadurch hinterlassen, dass SPD, Grüne und Linkspartei teilnehmen, sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sein Kommen angekündigt. Der erhoffte Effekt auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist deshalb gar nicht unrealistisch, glaubt Diplomsoziologe Teune: "Wenn einem Wähler der Atomausstieg wichtig ist, kann die Beteiligung von Parteien an einer solchen Aktion durchaus Einfluss auf seine Wahlentscheidung haben." Und das würde in diesem Fall die Opposition stärken.

Veränderte Protestkultur

Die geplante Menschenkette wird vermutlich Zehntausende Teilnehmer anlocken und könnte an den Erfolg ähnlicher Aktionen in der Vergangenheit anknüpfen - die heutige Protestkultur unterscheidet sich trotzdem stark von der in den siebziger und achtziger Jahren, meint Teune: "Junge Menschen engagieren sich nicht mehr so dauerhaft wie früher, beispielsweise als Mitglieder in Umweltgruppen. Ihr Wille zum Protest ist zwar noch vorhanden, sie sind aber eher für schnelle Aktionen zu haben." Die Anti-Atom-Kette bedient damit genau den Wunsch junger Leute nach "punktuellem und situativem Engagement".

Auch Mitorganisator Stay sieht diese Veränderung. Er glaubt, dass die Gesellschaft individualisierter geworden sei und sich Menschen nur noch ungern auf langfristige Mitgliedschaften festlegen wollten. Einen Nachmittag für den Atomausstieg zu opfern und damit eindrucksvolle Signale an Medien und Politik zu senden, dafür lassen sich aber viele begeistern. Vor allem, wenn das Rahmenprogramm stimmt: Nach der Menschenkette wird unter anderem Jan Delay vor dem Kraftwerk Brunsbüttel auftreten.

Für die Organisation und Kommunikation unter den Teilnehmern sind Atomgegner heutzutage auch nicht mehr auf traditionelle Vereine angewiesen - dank des Internets. Teune sieht hier ein großes Potential für die Veranstaltung von Demonstrationen: "Heute gründe ich eine Facebook-Gruppe und kann dabei in kürzester Zeit viele Leute erreichen, wenn das Thema einen Nerv trifft."

Das Ergebnis kann ein Flashmob zum Spaß aller Beteiligten sein - oder eine große Menschenkette gegen die Atomenergie.

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Atomkraftwerke in Deutschland

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In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.

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