SPIEGEL ONLINE: US-General Stanley McChrystal, der Oberkommandeur der Streitkräfte in Afghanistan, trifft sich am Mittwoch mit der obersten Liga der deutschen Politik und stellt seine neue Strategie vor. Diese sieht eine verstärkte Ausbildung der afghanischen Kräfte vor. Muss uns der tödliche Vorfall vom Donnerstag nahe der Stadt Baghlan nicht lehren, dass genau diese neue Isaf-Strategie nicht funktioniert?
Elke Hoff: Der Tod unserer Soldaten hat mich tief bestürzt. Gleichwohl dürfen wir wegen der tragischen Ereignisse nicht gleich die gesamte neue Strategie als gescheitert bezeichnen. Konkret haben wir ja unseren neuen Ansatz noch gar nicht umgesetzt, damit fängt die Bundeswehr erst im Sommer an. Dennoch, unsere Soldaten sind bei einer Ausbildungsmission für die afghanische Armee gefallen, die in dieser Form Teil der neuen Strategie sein wird. Sie waren mit auszubildenden afghanischen Soldaten auf einer Straße unterwegs, die eine der Hauptversorgungsrouten für die Isaf-Mission und damit ein wichtiges strategisches Angriffsziel für die Aufständischen ist. Ohne Gefahren laufen solche Missionen nicht ab, das muss allen klar sein.
SPIEGEL ONLINE: Der Angriff fand in Baghlan statt, einer Hochburg der Taliban. War es zu riskant, dort mit noch nicht voll kampffähigen Afghanen eine Operation gegen die Aufständischen zu fahren?
Hoff: Es ist richtig, der Angriff fand in einem Gebiet statt, das seit längerem fest in der Hand der Aufständischen war. Die neue Strategie sieht vor, in diesen Regionen die Kontrolle zurückzuerobern. Darüber hinaus sollen unsere Soldaten gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften mehr als bisher in der Fläche präsent sein und die Nähe zur Bevölkerung suchen, um diese zu schützen. Das ist für mehr Soldaten zweifellos gefährlicher, aber auch die einzige Möglichkeit, um mehr Sicherheit vor Ort herzustellen und zu bewahren. General McChrystal hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die neue Strategie allen Nato-Nationen vor einem möglichen Erfolg zuerst harte Opfer abverlangen wird, das mussten wir an diesem Donnerstag auf sehr schmerzhafte Weise lernen.
SPIEGEL ONLINE: In der deutschen Politik wird schon jetzt diskutiert, dass der neue Isaf-Ansatz und auch die Strategie von McChrystal für die Deutschen zu gefährlich sind.
Hoff: McChrystal hat eine neue, klar und präzise formulierte "Counterinsurgency"-Strategie entwickelt. Ich hatte in diesem Jahr zweimal die Gelegenheit, mit ihm in einem längeren persönlichen Gespräch über seine Strategie zu diskutieren. Leider fehlt hierzulande immer noch das Verständnis für diesen Ansatz, den McChrystal und die Nato in Afghanistan umzusetzen versuchen. Es gibt häufig Missverständnisse und Fehlinterpretationen.
SPIEGEL ONLINE: Warum fehlt das Verständnis?
Hoff: In der Vergangenheit wurden beispielsweise die Fachausschüsse des Bundestages über die neuen strategischen Inhalte von Isaf nicht umfassend informiert - geschweige denn, dass darüber qualifiziert diskutiert wurde. Es fehlt uns in Deutschland an einer offenen und sachkundigen Debattenkultur über notwendige militärische Strategien. Ein Bericht wie der des US-Generalmajors Mike Flynn, der die Zusammenarbeit der Geheimdienste in Afghanistan in erstaunlicher Offenheit kritisiert, ist in seiner Benennung von Defiziten und dem Mut zur Korrektur in Deutschland bisher undenkbar.
SPIEGEL ONLINE: In der deutschen Debatte sorgen sich die Kritiker eher um das Prinzip des sogenannten "Partnerings": Ab Ende 2010 soll die Bundeswehr ihre afghanischen Partner nach US-Vorbild noch stärker in der Praxis ausbilden, notfalls also auch im Kampf.
Hoff: Das "Embedded Partnering" ist die zentrale Herausforderung für McChrystals Strategie. Damit soll vor allem ein vernünftiger Ausbildungsstand der afghanischen Armee für eine Übergabe der Sicherheit in eigene Verantwortung hergestellt werden. Eines der Kernelemente für eine erfolgreiche Counterinsurgency-Strategie ist, dass alle beteiligten Partner auch ein einheitliches Verständnis von der Operationsführung haben und es möglichst wenige nationale Einsatzbeschränkungen gibt. Bei "embedded partnering" sollen afghanische und Isaf-Einheiten möglichst alles gemeinsam tun, miteinander leben, planen und kämpfen. Leider wurde auch über dieses wichtige Kernstück der neuen Strategie bisher zu wenig informiert und diskutiert.
SPIEGEL ONLINE: Recht ähnlich sah die Mission der Ausbilder aus, die am vergangenen Donnerstag ums Leben kamen. Ist die Bundeswehr noch nicht reif für das "Partnering"?
Hoff: Ich bezweifle in der Tat, dass wir nach jetziger Lage dazu imstande sind, alle Anforderungen für die Strategie von General McChrystal zu erfüllen. Wir haben für ein "Embedded Partnering" noch kein entsprechendes Ausbildungskonzept für unsere Soldaten. Es fehlt an den notwendigen Übersetzern, an ausreichendem Sanitätspersonal. Die Einsatzzeit unserer Soldatinnen und Soldaten ist zu kurz, um das geplante langfristige gegenseitige Vertrauen aufbauen zu können. Bei der Ausrüstung fehlt es immer noch an ausreichenden geschützten Fahrzeugen, an einer ausreichenden Bandbreite unbemannter Aufklärungsdrohnen sowie an genug Luftunterstützung durch Hubschrauber und Flugzeuge für schwierige Einsätze und Patrouillen. Diese Defizite muss das Verteidigungsministerium schnellstmöglich abstellen.
SPIEGEL ONLINE: Schafft General McChrystal noch die Wende in Afghanistan?
Hoff: Es ist die letzte Chance für eine Wende. Wenn er es jetzt nicht schafft, wird es für den Isaf-Befehlshaber schwer werden, mit seiner neuen Strategie die Fehler der Vergangenheit, die unter seinen Vorgängern gemacht wurden, auszuräumen. Auch die Partnernationen zu mehr Engagement zu bewegen, wird von Jahr zu Jahr schwerer. Die Politik erwartet meist kurzfristige Erfolge, die in Afghanistan nicht zu erzielen sind. Wenn McChrystal es nicht schafft, wird es für jeden folgenden Kommandeur der Streitkräfte in Afghanistan extrem schwierig. Seine Aufgabe gleicht einer schwierigen Reparatur am laufenden Motor.
SPIEGEL ONLINE: Was muss sich in der Politik ändern, um die neue Strategie umzusetzen?
Hoff: Wir müssen aufhören, die Mission schönzureden. Die Bevölkerung verträgt die harte Wahrheit und ist viel weiter, als Politik oder Teile der militärischen Führung denken. Die Menschen wissen, dass in kriegerischen Handlungen Menschen sterben. Allerdings müssen wir alles dafür tun, dass dies nicht durch eigene Fehler und Versäumnisse geschieht.
Das Interview führten Matthias Gebauer und John Goetz
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