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22.04.2010
 

Schwarz-Grün in Hamburg

Bürgerschreck von Beust

Von Florian Gathmann

Bürgermeister Beust und Senatorin Goetsch mit Grundschülern: Alarmsignale allerortenZur Großansicht
DPA

Bürgermeister Beust und Senatorin Goetsch mit Grundschülern: Alarmsignale allerorten

Hamburgs schwarz-grüne Regierung taumelt: Der Senat muss sich wegen Rekordschulden verantworten, im Sommer steht der Volksentscheid zur Schulreform an - und nun gibt es heftigen Widerstand gegen die Erhöhung der Kita-Gebühren. Die Reaktion der Beust-Truppe? Ein trotziges "Weiter so".

Berlin/Hamburg - Hamburg ist weit weg von der großen Bundespolitik - und dennoch wird Angela Merkel in diesen Tagen aufmerksam verfolgen, was sich politisch in der Hansestadt tut. Denn die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende liebäugelt für die Zeit nach der Bundestagswahl 2013 mit einer schwarz-grünen Koalition im Bund. Was ihr Parteifreund Ole von Beust und die Hamburger Grünen seit gut zwei Jahren veranstalten, ist so etwas wie Merkels Blaupause.

Und so dürfte der Kanzlerin nicht entgangen sein, wie es in Hamburg knirscht und kracht. Aus dem netten Ole von Beust - immer freundlich und von allen gemocht - entwickelt sich "Ole aus der Krachmacherstraße", wie ihn die "Frankfurter Rundschau" gerade nannte. Der Regierungschef war kürzlich, weil immer mehr Hamburger an seiner Regierung herummäkeln, ungewohnt pampig geworden: "Da wird teilweise so kleinmütig diskutiert", sagte er bei einer Veranstaltung. In der Hansestadt protze man inzwischen wie in Düsseldorf, motzte von Beust, für langfristiges Engagement fehle die Bereitschaft.

Was ist passiert mit dem schwarz-grünen Vorzeigeprojekt?

"Erde an Senat, Erde an Senat" hieß es vor wenigen Tagen in einem "Bild"-Leitartikel. "Wie in einem Raumschiff scheinen unsere Politiker dem wirklichen Leben davonzuschweben." Tatsächlich scheint darin das zentrale Problem des schwarz-grünen Senats zu liegen: Viele Bürger haben das Gefühl, von Beust und seine Regierung seien abgehoben.

Für die Entfremdung der Regierung gibt es genügend Beispiele, angefangen mit der umstrittenen Schulreform. Natürlich kann man das von den Grünen forcierte Projekt damit rechtfertigen, dass kaum ein Erziehungswissenschaftler das klassische dreigliedrige Schulsystem mehr als zeitgemäß erachtet. Längeres gemeinsames Lernen muss sein, rufen Beust und die grüne Fachsenatorin Christa Goetsch im Chor. Aber was hilft es, wenn große Teile des hanseatischen Bürgertums anderer Meinung sind? Viel zu lange blieb der Senat stur bei seinen Plänen, viel zu spät lenkte man auf einen Kompromisskurs ein - die Gegner hatten sich da bereits auf Fundamentalopposition eingestellt. Der von ihnen initiierte Volksentscheid im Sommer könnte die Reform endgültig kippen.

Erhöhung der Kita-Gebühren sorgt für Riesen-Ärger

Dann ist da die Sache mit den Kita-Gebühren: Den Eltern in der Hansestadt greift die Senatsverwaltung besonders tief in die Tasche - bei rund 500 Euro pro Kind wird dann nach den Sommerferien der Spitzensatz liegen. Noch schwerer wiegt allerdings der schwarz-grüne Widerspruch bei diesem Thema. Denn im Koalitionsvertrag hatten die Partner vollmundig die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie versprochen. Schon formiert sich in Hamburg heftiger Widerstand, kommende Woche wollen Eltern vor dem Rathaus demonstrieren. 70.000 werden von der Erhöhung betroffen sein.

Empörung gibt es an der Elbe auch über die ungeschickte Kommunikation von Sozialsenator Dietrich Wersich. Statt die Emotionalität des Themas zu erkennen, rechtfertigte sich der CDU-Politiker immer wieder mit der prekären Haushaltslage. "Senator Herzlos", spotteten da manche.

Natürlich hat Wersich recht, wenn er auf die katastrophale Lage der Hamburger Finanzen verweist. Der neue Fachsenator Carsten Frigge - Nachfolger des auch als CDU-Chef glücklosen Michael Freytag - übernimmt einen Schuldenberg von 26 Milliarden Euro. Dazu kommen wohl in Nebenhaushalten, beispielsweise für die Finanzierung der Schulreform, bis 2013 weitere zehn Milliarden Euro. "Hamburg hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt", sagt Rechnungshof-Präsident Jann Meyer-Abich. Umso bitterer stößt vielen Hamburgern auf, dass die Kosten für ein Prestigeprojekt wie die Elbphilharmonie immer weiter steigen - inzwischen geht man von 323 Millionen Euro aus. Das Festhalten am womöglich milliardenschweren Bau der Stadtbahn stößt ebenso auf Unverständnis.

Und auch Innensenator Christoph Ahlhaus sorgt gerade für Negativschlagzeilen: Der ließ sich gerade seine Villa in Hamburg-Osdorf für eine runde Million Euro aufrüsten - auf Anweisung des Landeskriminalamts, sagt der CDU-Politiker. Zuvor hatte er allerdings auch schon seine Zweitwohnung im süddeutschen Heidelberg sicherheitstechnisch aufpeppen lassen, mit Mitteln aus Hamburgs Haushalt in Höhe von 200.000 Euro.

Abgehoben? Ole von Beust, der am liebsten zu Fuß durch Hamburg schlendert und auf seine unprätentiöse Wohnung im Stadtzentrum schwört, kann diesen Vorwurf nicht verstehen. "Leider ist es auch in der Politik mitunter notwendig und sogar unumgänglich, unpopuläre Entscheidungen zu treffen", sagt seine Sprecherin. "Das mag unangenehm und unerfreulich sein, hat aber nichts mit Abgehobenheit zu tun."

SPD-Chef Scholz: "Bürgerferne der Regierenden"

Eben schon, sagt Hamburgs SPD-Chef Olaf Scholz. Der schwarz-grüne Senat habe "endgültig die Bodenhaftung verloren". Wer "von kleinmütigen Debatten spricht, wie es der Bürgermeister tut, hat keinen Sinn für die Realität", glaubt der Ex-Bundesarbeitsminister. "Dass nun auch noch viele Familien mit höheren Kita-Gebühren rechnen müssen, spricht für die Bürgerferne der Regierenden, die Hamburg immer gern als familienfreundliche Stadt preisen."

Aktuelle Zahlen über die Unzufriedenheit der Hamburger mit ihrer Regierung gibt es nicht, die jüngste Umfrage stammt von Ende Februar - aber schon die stellte der Regierung ein vernichtendes Zeugnis aus: Zwei von drei Hamburgern (69 Prozent) waren damals einer Infratest-Umfrage zufolge weniger oder gar nicht zufrieden mit der Arbeit von Schwarz-Grün.

Da war vom Haushaltsloch, teuren Senatoren und steigenden Kita-Gebühren noch keine Rede.

Bei letzterem stellt sich der Senat auch handwerklich denkbar ungeschickt an: Die Bescheide für die Gebührenerhöhung werden bei den betroffenen Eltern nur wenige Tage vor dem Volksentscheid zur Schulreform eingehen. Dadurch könnte die Abstimmung zu einer grundsätzlichen Abrechnung der Hamburger mit ihrer Regierung werden - ein Nein würde immer wahrscheinlicher.

Und dann?

Ihren Vorsitzenden hat die CDU schon nach dem Umfragetief im Februar ausgetauscht, die Grünen werden auch ein Nein zur Schulreform schlucken, nur um weiterregieren zu können. Bleibt der Bürgermeister. Von Beusts Mantra lautet: "Ich hänge nicht an meinem Stuhl."

Umso leichter für seine Partei, ihn irgendwann einfach wegzuziehen.

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insgesamt 19 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
22.04.2010 von arinari: wer´s glaubt, wird selig

Ja,ja 2 Jahre längeres Lernen wird alle jungen Leute besser ausbilden, wer´s glaubt wird selig.Das ist keine Reform, sondern ein Opfern der Gymnasien, eine Verschlechterung des ganzen Bildungsniveaus unter dem Deckmantel der [...] mehr...

22.04.2010 von Wattläufer: Industrie vergraulen

Das ist es genau was von Beust und die Grünen wollen : Der Hafen soll "sauber" werden, die Industrie ( und die Restarbeitsplätze ) am besten nach Brunsbüttel oder sonstwo hin verlagert werden. Die Kaiumschlagsbetriebe [...] mehr...

22.04.2010 von nixkapital: Plus...

...was noch dazu kommt, ist, dass von Beust sein Lieblingsprojekt "Hafencity" auf Deubel komm raus pampert. Da ist nicht nur die Elbphilharmonie, die das neue Viertel verdeln soll, sondern jetzt soll auch noch die Uni [...] mehr...

22.04.2010 von MathiasF: Stadtbahn ist notwendig

Der Rahmen ist seit langem bekannt, ein Km Stadtbahn kostet zwischen 10 und 20 Millionen Euro. Wieviel genau, das hängt davon ab, wieviel man noch drumrum machen will. Lege ich einfach nur Schienen in die Straße und hänge eine [...] mehr...

22.04.2010 von trendy_randy: Sogenannte Konservative und Ökosozialisten

Tja, der gute Mann wird von dem Geschehen links überholt. Die Parteiendefinition in Hamburg ist eine völlig andere als im Rest der Republik. Grob vereinfacht sind die Sozialdemokraten die wahren Konservativen, Die Grünen [...] mehr...

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