SPIEGEL ONLINE: Frau Özkan, am Montag dieser Woche wurde bekannt, dass Ministerpräsident Christian Wulff Sie als neue Sozialministerin nach Niedersachsen holt - bis dahin waren Sie bundesweit kaum bekannt. Wie hat sich Ihr Leben in den vergangenen Tagen geändert?
Özkan: Ich musste mein Telefon irgendwann abschalten, weil so viele Leute anriefen. Ich habe wahnsinnig viel Zustimmung bekommen, das gibt mir sehr viel Energie, die ich auch brauche, um diesen Terminmarathon durchzustehen. Ich werde aber erst in ein paar Tagen alles wirklich realisieren. Im Moment funktioniere ich nur.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden Anfang nächster Woche im Landtag in Hannover vereidigt und dann die erste türkischstämmige Ministerin Deutschlands sein. Die Deutschland-Ausgabe der Hürriyet titelte "Unsere Ministerin" - hat Sie der Trubel überrascht?
Özkan: Es war mir klar, dass es viele positive Reaktionen geben würde. Worüber ich mich besonders freue: Das begeisterte Echo über die Parteigrenzen hinweg. Genau das brauchen wir in der Integrationspolitik. Es muss Schluss sein mit ideologischem Denken, damit schneller etwas passiert.
SPIEGEL ONLINE: Gab es auch negative Reaktionen in der eigenen Partei?
Özkan: Bislang nicht - und damit rechne ich auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind Muslimin und seit 2004 in der Christlich Demokratischen Union. Wie passt das zusammen?
Özkan: Gut. Die CDU setzt ja nicht voraus, dass man als Mitglied Christ sein muss. Sondern sie steht für Werte wie Familie und Zusammenhalt. Sie steht für Werte, die ich selbst lebe, mein Lebensbild stimmt mit dem der Union überein. Ich bin wertebewusst und weltoffen. Das finde ich in der CDU.
SPIEGEL ONLINE: Die Union hat das Zuwanderungsgesetz verschärft, Hessens Ministerpräsident Roland Koch machte Wahlkampf gegen kriminelle Einwanderer, lange hat die CDU sich für Migranten nicht besonders interessiert. Die meisten Deutschtürken wählen SPD und Grüne. Sind Sie nicht in der falschen Partei?
Özkan: Die CDU hat in den letzten Jahren eine rasante Aufholjagd hingelegt. Mit dem Islamgipfel und der Integrationskonferenz in der ersten Regierungszeit Angela Merkels wurde zum ersten Mal überhaupt systematische Integrationspolitik gemacht. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass uns das endlich auch in der Öffentlichkeit auf die Fahnen geschrieben wird.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen sich dafür einsetzen, dass Kinder mit Migrationshintergrund früh in eine Kita gehen, um dort besser gefördert zu werden - ihre eigene Partei streitet über das Betreuungsgeld. Rechnen Sie mit Widerstand gegen ihre Pläne?
Özkan: Es geht hier um Pragmatismus und um die Zukunft von Millionen Kindern: Wir müssen die Kita bei Eltern mit Migrationshintergrund attraktiv machen, auch für unter Dreijährige. Dazu müssen auch klassische Rollenbilder und Überzeugungen aufgebrochen werden, etwa, dass es am besten ist, wenn Mütter ihre Kinder bis zum Schuleintritt zu Hause erziehen. Es ist von unschätzbarer Wichtigkeit, dass Migrantenkinder schon als Kleinkinder gut Deutsch lernen, damit sie später erfolgreich sein können. Der einzige Ort, an dem das möglich ist, ist oft die Kita. Es gibt keine Alternative dazu, dass diese Kinder früh gefördert werden.
SPIEGEL ONLINE: Schotten Türken in Deutschland sich stärker ab als andere Gruppen?
Özkan: In Deutschland haben Türken es besonders leicht, unter sich zu bleiben, weil sie so viele sind. Ich fordere deshalb: "Zeigt Interesse an der deutschen Gesellschaft und bringt euch mehr ein!"
SPIEGEL ONLINE: Ist das Kopftuch ein Integrationshemmnis?
Özkan: Nicht per se. In einem Punkt habe ich eine ganz klare Haltung: Kinder haben in der Schule das Recht auf ein neutrales Umfeld, deshalb sollten Lehrerinnen kein Kopftuch tragen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Sorgen, die Union könnte Sie als "Quotenmigrantin" benutzen, um sich selbst als moderne Partei zu profilieren?
Özkan: Das ist eine sehr deutsche Frage: Jede Partei profitiert doch von Sympathie und Resonanz, und das ist etwas Gutes - ich freue mich, wenn ich als erste deutsche Ministerin mit türkischen Wurzeln Menschen begeistern kann. Ausgenutzt würde ich mich nur fühlen, wenn ich meine politischen Forderungen nicht auch wirklich leben würde.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, die Kanzlerin habe sich bei Niedersachsens Ministerpräsident Wulff für Sie eingesetzt. Kennen Sie Merkel persönlich?
Özkan: Ich habe Frau Merkel kennengelernt, aber ob sie sich tatsächlich für mich eingesetzt hat, weiß ich nicht. Bislang ist es nur ein Gerücht. Einen Anruf habe ich auch noch nicht von ihr bekommen - aber ich bin ja auch noch nicht vereidigt. Vielleicht hat Merkel es ja versucht und ist wie so viele andere in den letzten Tagen nicht durchgekommen.
SPIEGEL ONLINE: Die "Zeit" schreibt, Sie würden die Union und die türkische Community mit Ihrem Selbstbewusstsein wohl überfordern. Ist die deutsche Gesellschaft schon bereit für Sie?
Özkan: Ich hoffe es. Ich weiß, dass ich es nicht allen recht machen kann, aber ich bin über jeden froh, den ich ermutigen kann, sich zu engagieren, und den ich davon überzeugen kann, dass sich Leistung lohnt und dass wir in einer Anerkennungskultur leben. Wenn eine Frau selbstbewusst ist, ohne dabei verbohrt zu sein, hat man es - so ist zumindest meine Erfahrung - weder in der Union noch in der türkischen Community schwer. Vorurteile gegen Frauen sind eher eine Frage der Bildung als der Kultur oder der politischen Partei.
Das Interview führte Anna Reimann
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Lieber Mussec, eine vernünftige und erfolgreiche Integration fängt nunmal mit der Sprache an und das in jedem Land! Ihr Beitrag zur Integration wäre also das erfolgreiche erlernen der deutschen Sprache in Wort und Schrift! So, [...] mehr...
Sie haben den Inhalt des, von Ihnen kritisierten, Beitrags offensichtlich nicht verstanden. Kann passieren - Schicksal ! mehr...
..ich muß Ihnen schon wieder zustimmen. Schreiben Sie doch einmal etwas, das ich "zerreißen" kann. ;) mehr...
Es ist nicht von Belang, wen die Mitglieder der Milli Görüs wählen, denn die Anzahl ist zur Gesamtanzahl der Migranten vernachlässigbar klein. Fakt ist, daß die meisten Gastarbeiter in den Kohlegruben und in Stahlwerken [...] mehr...
All das sind keine Gründe, die einem Doppelpaß wirklich im Weg sind. Ich kann den unmittelbaren, zwingenden Zusammenhang nicht sehen. mehr...
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