Von Florian Gathmann
Köln/Bonn - Sylvia Löhrmann hat gute Laune. Es war einer dieser Wahlkampftage, an denen so ziemlich alles passt: Sie hielt ihren Terminplan halbwegs ein, Parteichef Cem Özdemir machte ihr bei einem gemeinsamen Auftritt artige Komplimente, selbst beim Bundesverband der Mittelständler bekam Löhrmann Beifall. Nun steht die grüne Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen auf dem Oberdeck des Rheinschiffs "Ocean Diva", ein laues Lüftchen hat sich über die Feiernden beim Kölner WDR-Treff gelegt - und dann taucht da plötzlich ARD-Umfragenexperte Jörg Schönenborn mit neuen Zahlen auf. "Grüne zwölf Prozent " ist unter anderem zu verstehen und "damit liegen Schwarz-Gelb und Rot-Grün gleichauf".
Löhrmann lächelt. Ihre Laune wird in diesem Moment noch ein bisschen besser.
Wenig steht kurz vor der Landtagswahl in Nordhein-Westfalen fest. Zwei Dinge aber schon: Die Grünen werden in Düsseldorf ein Rekordergebnis erzielen, bisher lag ihr bestes NRW-Resultat bei zehn Prozent, das schafften sie 1995. Und sie werden wieder mitregieren, sollten sich CDU und SPD am Ende nicht doch auf eine Große Koalition einigen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Sylvia Löhrmann bald stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen ist.
Rot-Grün, Rot-Rot-Grün oder doch Schwarz-Grün? Das Bündnis mit der SPD ist die Wunschkoalition von Löhrmann und ihrer Partei, das betonen die Grünen immer wieder im Wahlkampf. Doch als sogenannte Zweitoption haben die Grünen weder ein linkes Dreier-Bündnis noch eine Koalition mit der CDU von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ausgeschlossen.
Also Frau Löhrmann, wie fühlt man sich denn so als Königsmacherin? Da lacht die grüne Spitzenfrau. Dann denkt sie ein Weilchen nach und sagt schließlich: "Ich habe ein gewisses Faible für das englische Königshaus." Und außerdem "stehe ich auf den britischen Humor. Das kommt von meiner Schwäche für Großbritannien".
Politisches Spektakel ist nicht Löhrmanns Stärke
Manche nennen Löhrmann spröde. Offensichtlich ist, dass politisches Spektakel, die Inszenierung vor Kameras und Objektiven, nicht zu ihren Stärken gehört. In der Kölner Vulkanhalle war das kürzlich gut zu beobachten: Löhrmann hatte beim Grünen-Länderrat eine kurze engagierte Rede gehalten, als plötzlich die Parteichefs Özdemir und Claudia Roth auf die Bühne hüpften. Özdemir und Roth sind die grünen Meister der Pose, nun überreichten sie ihrer Spitzenkandidatin einen knallgelben Blumenstrauß und einen Fresskorb für den Wahlkampf-Endspurt. Löhrmann lächelte einigermaßen gequält neben dem Strahleduo aus Berlin.
Löhrmann, 53, kommt aus Essen, das liegt mitten im Ruhrgebiet. Da ist man direkt und sagt Sätze wie "nur vom Wiegen wird die Sau nicht fetter". Dieses Bild wählt sie, um das ständige Selbstlob der schwarz-gelben Regierung in der Schulpolitik zu entlarven. Das ist ihr Herzensthema, sie hat viele Jahre an der Städtischen Gesamtschule in Solingen als Englisch- und Deutschlehrerin unterrichtet. Als sie in ihrem Wahlkreis beim "Solinger Tageblatt" zum Redaktionsbesuch vorbeischaut, sitzt da eine junge Dame am Empfang, die von ihr mit den Worten begrüßt wird: "Oh, hallo Michaela." Eine ehemalige Schülerin sei das, sagt Löhrmann.
Die grüne Spitzenkandidatin will eine andere Schulstruktur in NRW, mehr gemeinsames Lernen, weniger Selektion. Das könnte ihre Partei mit der SPD unter Spitzenkandidatin Hannelore Kraft besser durchsetzen als mit der CDU. Auch in der Umweltpolitik ist man viel näher bei den Sozialdemokraten als den Schwarzen, vom ewigen NRW-Thema Kohle abgesehen. Aber wenn es eben nicht reicht für Rot-Grün? "Dann werden wir sehen, was geht und mit wem wir ein Maximum grüner Ziele umsetzen können", sagt Löhrmann.
Sie ist lange genug in der Politik, um zu wissen, dass man heikle Fragen so beantwortet - nämlich gar nicht. Seit fünfzehn Jahren sitzt Löhrmann im Düsseldorfer Landtag, elf davon als Fraktionschefin. In diesem Amt hat die Politikerin die Hälfte der rot-grünen Regierungszeit miterlebt, dann folgten fünf Oppositionsjahre. Am liebsten will sie über all die Spekulationen bis zum Sonntag gar nicht mehr reden, nur noch Wahlkampf machen. Der läuft immer besser für sie, hundert Termine hatte Löhrmann bis April schon absolviert, nach dem TV-Duell der fünf Spitzenkandidatin kürte sie "Bild" vergangene Woche sogar zur Debattensiegerin. "Unsere Leute kämpfen wie verrückt", sagt Löhrmann auf der Fahrt zum nächsten Auftritt.
Beide "Zweitoptionen" sind für die Grünen heikel
Die Spitzenkandidatin weiß, dass beide grüne "Zweitoptionen" hoch problematisch sind: Die Linke in NRW gilt selbst in der eigenen Bundespartei als nicht regierungsfähig, zudem gibt es Berliner Spitzenleute bei Grünen und SPD, die Rot-Rot-Grün in NRW verhindern wollen - weil sie sich diese Option für die Bundestagswahl 2013 offenhalten möchten und bis dahin keine Linksbündnis-Blamage gebrauchen können. Schwarz-Grün im bevölkerungsreichsten Bundesland wiederum würde für ihre Partei - von allen inhaltlichen Differenzen abgesehen - den endgültigen Lagerwechsel bedeuten. Ein Horror für viele Parteilinke.
Löhrmann widerspricht dieser Analyse nicht. Stattdessen haut sie wieder einen typischen Ruhrgebietsspruch raus: "Leben ist auch immer lebensgefährlich."
Politisches Leben ist für Sylvia Löhrmann wiederum von höchstem Pragmatismus geprägt. Sie gehörte mal zu den sogenannten Regierungslinken innerhalb der Grünen, inzwischen hält sich Löhrmann aus dem grünen Flügelstreit heraus. Und im Landtag kann sie sowieso mit allen: Bevor sich die Grüne mit CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid und FDP-Landeschef Andreas Pinkwart bei der Mittelständlertagung in Bonn ans Podium stellt, sitzt man bei Schnittchen und Törtchen noch auf tiefen Ledersofas in einem Hinterzimmer zusammen. Da wird geflachst und gefoppt. Auch Stunden später, beim WDR-Treff auf dem Rheindampfer, steht Löhrmann vergnügt mit führenden CDU-Politikern und SPD-Schattenwirtschaftsminister Guntram Schneider zusammen.
Aber was heißt das schon bei einer Politikerin, die erzählt: "Meine Mutter hat als Kind immer zu mir gesagt: 'Wer mit Dir nicht klarkommt, ist selber schuld.'"
Mit Blick auf den Hype in Teilen ihrer Partei und der Gesellschaft über die historische Chance für Schwarz-Grün sagt Löhrmann: "Ich brauche das nicht für mein Ego." Sollte es nach dem Wahlsonntag nötig sein, werde man sicherlich mit der CDU sprechen. "Und dann trägt es - oder eben nicht." Klar sei für sie nur eines: "Wir wollen ein starkes grünes Ergebnis." Und wenn "die Inhalte nicht stimmen, habe ich auch kein Problem damit, weiterhin in der Opposition zu bleiben".
Das ist ein kluger Satz, weil er den Preis für Schwarz-Grün hochtreiben könnte. Aber wohl auch einer, den Sylvia Löhrmann ernst meint.
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