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19.05.2010
 

Pro und Contra

Darum brauchen wir den Zivildienst (nicht)

Zivildienstleistender im Seniorenheim: Verkürzung oder nicht?Zur Großansicht
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Zivildienstleistender im Seniorenheim: Verkürzung oder nicht?

Union und FDP verkürzen Wehr- und Zivildienst, das sorgt für Streit: Die einen fürchten um die Schwachen der Gesellschaft, die anderen hoffen auf das Ende des Zwangsdienstes. Wer hat Recht? Die Redakteure Sebastian Fischer und Veit Medick debattieren auf SPIEGEL ONLINE.

Sechs Monate Zivi? Ein großer Fehler. Die Verkürzung, auf die sich die Bundesregierung einigte, könnte das Ende des Ersatzdienstes bedeuten. Deutschland stünde so vor großen Problemen, denn wirtschafts- und sozialpolitisch ist er unersetzlich.

Da haben sie sich doch mal geeingt. Union und FDP werden den Wehrdienst verkürzen - auf sechs Monate. Doch Grund zur Freude besteht nicht. Im Gegenteil: Eine kürzere Wehrpflicht hat böse Folgen für die Bundeswehr - vor allem aber für den Zivildienst. Er könnte auf kurz oder lang am Ende sein. Und das wäre nicht gut für das Land.

Schon die letzte Verkürzung auf neun Monate ließ die sozialen Einrichtungen am Sinn des Ersatzdienstes zweifeln. Bei sechs Monaten lohnt es sich für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen Behindertenwerkstätten oder Altenheimen schlicht nicht mehr, Zivis einzustellen. Sie wären mehr Be- als Entlastung. In der Wirtschaft würde man sagen: Sie rechnen sich nicht mehr.

Wer Schwerverletzte retten, Querschnittsgelähmte betreuen oder Koma-Patienten pflegen soll, braucht Zeit, um das zu lernen - Wochen, manchmal Monate. Kommen dann noch Urlaub und Schulungen dazu, ist das halbe Jahr rum. Und schon wird wieder rotiert. Niemandem ist da geholfen. Dem Zivi nicht, der Einrichtung nicht, Patienten oder Senioren schon gar nicht. Kein Wunder, das viele von SPIEGEL ONLINE befragte Träger überlegen, ganz aus dem System auszusteigen und auf die teureren, aber längerfristigen Freiwilligendienste zu setzen.

Doch der Zivildienst ist zu wichtig, um ihn aufzugeben. Unsere Gesellschaft altert. Benötigt werden künftig eher mehr als weniger Arbeitskräfte im sozialen Bereich. Schon jetzt herrscht ein dramatischer Fachkräftemangel in der Pflege, der sich ohne Zivildienst wohl zusätzlich verschärfen würde. Jedenfalls dürfte es noch schwieriger werden, junge Männer für eine Pflege-Ausbildung zu gewinnen, wenn sie sich vorher nicht mal ausprobieren können. So viel zu den wirtschaftlich-demografischen Gründen.

Auch aus anderen Gründen ist der Zivildienst unersetzlich. Es mag rührselig klingen, pathetisch vielleicht. Aber wer einmal eine Gelähmte aufs Klo gehoben hat und ihr auf der Schüssel auch noch den Eimer reichen musste, der sieht manches im Leben anders. Solche Erfahrungen machen ja nicht alle Zivildienstleistenden? Richtig. Aber auch der vermeintliche Weichspüler-Zivi, der Mittagsmahlzeiten von A nach B kutschiert, lernt: Berührungsängste schwinden, die Souveränität im Umgang mit allen, die auf Hilfe angewiesen sind, steigt. Der Zivildienst verbindet Generationen. Er ist der Unterbau dafür, dass jene Teile der Gesellschaft integriert bleiben, die nicht zum Bruttosozialprodukt beitragen. Sozialpolitisch ist seine Bedeutung gar nicht zu überschätzen.

Die Bundesregierung hat die falsche Entscheidung getroffen. Es wäre ausnahmsweise mal besser gewesen, sie hätte sich nicht geeinigt. Dann wäre es immerhin bei neun Monaten geblieben.

Nur sechs Monate Zivildienst? Kein Problem! Und überdies der erste entscheidende Schritt zur Abschaffung von Zwangsdienst und Wehrpflicht in Deutschland. Das ist gut so. Es gibt Alternativen, kein Pflegebedürftiger wird einen Nachteil erleiden.

Regelmäßig sind Wehr- und Zivildienst verkürzt worden. Mussten Zivis in den achtziger Jahren noch bis zu 20 Monate windeln, retten oder putzen, ging es in mehreren Schritten auf zuletzt neun Monate herunter. Trotz der Mahner und Warner: Das deutsche Pflegesystem ist daran nicht zerbrochen.

Nun setzt sich die schwarz-gelbe Koalition mit der Verkürzung auf sechs Monate der Kritik sozialer Träger aus. An deren Ärger wird auch die Möglichkeit zur freiwilligen Verlängerung des Zivildienstes um maximal weitere sechs Monate wenig ändern. Klappern gehört eben zum Handwerk.

Doch klar ist: Was bisher in neun Monaten möglich war, das wird es auch in sechs sein. Wenn schon das Argument der fehlenden Einarbeitungs- und Ausbildungszeit gespielt wird, dann müssen die Kritiker der Koalition zuerst mal ran an die sogenannten Zivildienstschulen, an die man als Zivi ein paar Wochen abkommandiert wird. Wer das einmal mitgemacht hat, weiß, welcher Unsinn da verzapft wird. Wer es nicht kennt, kann sich über YouTube-Videos der Insassen ein Bild machen. Zeitverschwendung pur.

Die Reduzierung auf sechs Monate ist allerdings nicht einfach eine Verkürzung wie all die vorhergehenden. Sie ist mehr. Sie ist genau das, was Kritiker befürchten - und was die Regierung noch nicht sagen mag: Der Einstieg in den Ausstieg aus der Wehrpflicht. Ein Übergang. Die Richtung ist klar: nach sechs kommen null Monate. Das ist auch gut so.

Wenig ist unserer freien Gesellschaft so fremd wie dieser Zwangsdienst. Seit Jahren kann von Wehrgerechtigkeit keine Rede mehr sein. Es ist mal mehr, mal weniger Zufall, ob einer Dienst leisten muss oder nicht. Das ganze Zwangssystem entstammt einer längst vergangenen Zeit der Ost-West-Blockkonfrontation, in der große Wehrpflichtigenarmeen ihre Berechtigung hatten. Und daraus auch - nur daraus! - abgeleitet der zivile Ersatzdienst für jene, die den Dienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigerten.

Der Zivildienst war und ist Ersatz, kein Zweck an sich. Das Grundgesetz schreibt die Sicherung der Landesverteidigung vor, nicht die Stabilisierung des deutschen Pflegesystems. Wer sich beklagt, er könne mit Sechsmonatsdienern den Betrieb nicht aufrechterhalten, der muss eben ordentliche Beschäftigungsverhältnisse schaffen. Oder er kann auf bürgerschaftliches Engagement setzen. Ganz ohne Zwang.

Zeitgemäß wäre ein sozialer und ökologischer Dienst auf freiwilliger Basis. Parallel zu einer Berufsarmee. Genau dies fordern die Grünen. Sie haben Recht.

Rasant wächst die Zahl jener jungen Leute, die schon heute ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Mehr als 35.000 waren es im vergangenen Jahr. Es ist gerecht, weil es - anders als der Zivildienst - Männern und Frauen offensteht. Experten gehen davon aus, dass es drei Mal mehr FSJler gäbe, wenn die sozialen Träger ihnen nur mehr Plätze anbieten würden. Damit überstiege die Zahl der Freiwilligen übrigens jene der Zivis.

Heißt: Auch ohne Zwangsdienst werden die Pflegebedürftigen und Schwachen nicht im Stich gelassen.

Das Prinzip Freiwilligkeit mag ein bisschen teurer sein für die sozialen Träger, der Bund gibt nur Zuschüsse. Aber Menschen, die freiwillig für die Gesellschaft arbeiten, sind dafür auch tendenziell motivierter als Zwangsverpflichtete. Der Staat sollte noch stärkere Anreize schaffen für diesen Dienst an der Gesellschaft. Warum nicht die FSJler belohnen mit Erleichterungen im Studium, die über die Anrechnung von Wartesemestern hinausgehen? Wer der Gesellschaft Zeit und Kraft gibt, dem sollte die Gesellschaft das auch danken.

Damit wäre weit mehr fürs Gemeinwohl getan als mit dem Relikt Zivildienst.

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Der Zivildienst ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft und wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Wie alle Wehrpflichtigen müssen künftige Zivis zunächst an einer Musterung teilnehmen und können erst danach ihre Verweigerung schriftlich beim Kreiswehrersatzamt einreichen. Junge Männer dürfen also nicht einfach zwischen Wehr- und Zivildienst wählen - ihre Gewissensgründe (etwa Erziehung zur Gewaltfreiheit und religiöse Ansichten) müssen offiziell anerkannt werden. Darüber entscheidet das Bundesamt für Zivildienst.

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