Von Philipp Wittrock, Düsseldorf
Düsseldorf - Der Holzboden knarzt bei jedem Schritt, Reißverschlüsse halten die Plastikwände zusammen - anlehnen verboten, sonst könnte die ganze Konstruktion zusammenbrechen. Ein Partyzelt im Garten der Düsseldorfer CDU-Zentrale, Überbleibsel des Wahlabends zuvor. Am Kopfende steht Jürgen Rüttgers an einem Rednerpult, das unter der Last der angeklemmten Mikrofone ächzt.
Der amtierende Ministerpräsident spricht von Stabilität.
Das wacklige Provisorium, in dem Jürgen Rüttgers am Montagabend den Journalisten seine Botschaft überbringt, ist unfreiwillig ziemlich passend gewählt. Da steht einer, der sich eigentlich noch nicht am Ende wähnt, der so gerne weitermachen würde, mit einer "stabilen Regierung". Aber auch einer, der ahnt, dass er die Realitäten anerkennen und einsehen muss, dass er seine Zelte nach diesem Wahlkrimi sehr wahrscheinlich bald abbauen muss. Rüttgers ist zwar noch Ministerpräsident, er ist noch CDU-Landeschef. Doch er ist beides nur auf Abruf.
Er tut jetzt, was für seine Partei noch tun kann. Noch in der Wahlnacht hatte Rüttgers tief erschüttert in kleiner Runde seinen Rücktritt angeboten. Doch die Parteifreunde drängten ihren Vorsitzenden, seine Ämter zu behalten. Vorerst übernimmt Rüttgers deswegen nur rhetorisch die Verantwortung für die dramatische Schlappe vom Sonntag.
Am späteren Montagabend stellt sich der Landesvorstand noch einmal einstimmig hinter seinen Parteichef. Rüttgers soll für die CDU Koalitionsverhandlungen mit möglichen Partnern führen. In solchen Verhandlungen, auch das ist aus dem Führungszirkel zu hören, wolle man als stärkste Partei auf jeden Fall darauf beharren, den Ministerpräsidenten zu stellen. Dass das am Ende auch wieder Rüttgers sein soll, dass er die Partei weiterhin anführen soll, davon ist nicht die Rede.
Auch Rüttgers selbst vermeidet es, im Angesicht der schmerzhaften Verluste persönliche Ansprüche zu erheben. Fragen nach seiner Zukunft wehrt er ab. Natürlich ist Rüttgers ein Taktiker. Er weiß, es gibt für ihn tatsächlich noch ein Hintertürchen zur Macht. Es ist nicht lange her, da saß der hessische Amtskollege Roland Koch eine ähnlich politisch vertrackte Lage einfach aus, bis Andrea Ypsilanti an ihren eigenen Leuten scheiterte und es Neuwahlen gab. Koch ist heute noch immer Ministerpräsident.
Warum, so das Kalkül einiger CDU-Strategen, sollte nicht auch SPD-Rivalin Hannelore Kraft der Laden um die Ohren fliegen, wenn sie die rot-rot-grüne Karte zückt? Rüttgers stünde allemal bereit, wenn die Bürger in NRW nach einer monatelangen Hängepartie schon wieder an die Urnen müssten.
Vorbehalte gegen Rüttgers in der SPD
Wahrscheinlicher ist aber, dass der Noch-Ministerpräsident zur Verhandlungsmasse werden soll, sollte es am Ende auf eine Große Koalition an Rhein und Ruhr hinauslaufen. Auch wenn sich die Spitzenkandidaten im Wahlkampf schonten, bei den Sozialdemokraten gibt es massive Vorbehalte gegen Rüttgers. Dass die Genossen ausgerechnet ihm, der sich in den vergangenen Jahren das politische Erbe des großen SPD-Landesvaters Johannes Rau einzuverleiben versuchte, zu einer zweiten Amtszeit verhelfen sollten, ist einfach nicht vorstellbar. Zumal die SPD zwar bei den Stimmen hauchdünn hinten liegt, im Parlament aber genauso viele Sitze hat wie die CDU.
Da die Union aber den Posten des Regierungschefs nicht aufgäbe, würde sie den inhaltlichen Preis für Rüttgers' Rückzug in die Höhe treiben, um dann personelle Alternativen anzubieten. Rüttgers könnte weichen - natürlich mit Verweis auf die Verantwortung für das Land -, die Sozialdemokraten gesichtswahrend das ungeliebte schwarz-rote Bündnis eingehen.
Weil dieses Bündnis oder aber der Gang in die Opposition für die CDU nun mal die einzig verbliebenen Optionen sind, wird schon seit der Wahlnacht über einen Nachfolger für Jürgen Rüttgers spekuliert. Einen, der als Ministerpräsident eine Große Koalition führen könnte. Oder einen, der nach dem Desaster vom Sonntag den christdemokratischen Neuanfang organisieren könnte.
Gehandelt werden:
Um die CDU aus dem Tal der Tränen wieder herauszuführen, dürfte allerdings ein bisschen mehr nötig sein.
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Vielen Konservativen hier im Forum erscheint es wichtig dass ihre Partei ausdrücklich mit Rüttgers in ein GroKo weitermachen soll. Gibt es eigentlich keine kritischen Stimmen die auch über ihre favorisierte Partei sagen: [...] mehr...
Manchmal ist ein Komma schon nützlich, nicht wahr camillotorres? 1.)Das wird sie auch tun, denn Charakter haben alle 4 Parteien, nicht nur Machtinteresse. 2.)Das wird sie auch tun, denn Charakter haben alle 4 Parteien [...] mehr...
Nun ja, uns Guido mag diesbezüglich ja vielleicht Meister in der FDP-Kreisklasse gewesen sein. Um mit den grossen Hunden in der Oberliga spielen zu dürfen, muss er allerdings erst noch das zielsichere P*nkeln an die richtig [...] mehr...
Völliger Quatsch. Die Ostpolitik und die KSZE hat die Öffnung des Eisernen Vorhangs gebracht. Das war der Preis, den der Ostblock zahlen musste. Aber damit begann sein Zerfallsprozess. Mit der Verweigerungsspolitik der Union [...] mehr...
Für wahr, an solcherlei Zustimmung mag es gelegentlich mangeln... Was allerdings nichts daran ändert, dass in einer Demokratie auch der gelegentlich Zweifelnde die gesamtgesellschaftliche Kurve vom individuellen [...] mehr...
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