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15.05.2010
 

Linken-Parteitag

Abschied der alten Herren

Von Björn Hengst, Rostock

Die neue Linke-Führung: Gemischtes Doppel
Fotos
dpa

Oskar Lafontaine hält eine letzte flammende Chefrede, Gesine Lötzsch lächelt zu einem brillanten Wahlergebnis, Gregor Gysi wühlt in Biografien: Vieles ist ungewöhnlich auf dem Parteitag der Linken - manches ganz normal. Impressionen von einem Treffen, das für die Genossen eine Zäsur markiert.

Rostock - Gregor Gysi ist auf dem Parteitag der Linken der Experte für Lebensläufe. Also erzählt der Bundestagsfraktionschef den rund 500 Delegierten am Samstagnachmittag in Rostock, dass Gesine Lötzsch zum Thema "Mittelniederländische Bibelübersetzung von vor 1660" promoviert hat. Oder dass Sahra Wagenknecht Fan von Goethe ist ("das sollte man auch wissen") und Raju Sharma mal Kreiskassierer bei der SPD war.

"Einbringung des Struktur- und Personalvorschlages zur Wahl des Parteivorstandes", heißt der Tagesordnungspunkt im sperrigen Parteisprech. Man kann es so übersetzen: Es ist der Punkt, an dem die Linke über ihr Spitzenpersonal nach der Ära Oskar Lafontaine entscheidet.

Lafontaine und Lothar Bisky sind die beiden Parteichefs, die sich an diesem Samstag aus ihren Ämtern verabschiedeten. Beide wollten nicht mehr kandidieren. Lafontaine aus gesundheitlichen Gründen, Bisky , weil er sich auf seine Arbeit im Europaparlament konzentriert.

Gesine Lötzsch und Klaus Ernst bilden die neue Doppelspitze. Mit 92,8 Prozent der Delegiertenstimmen wird Lötzsch gewählt. Der bayerische Gewerkschafter Ernst - bei vielen Ost-Genossen unter anderem deshalb nicht besonders beliebt, weil er sich vor Monaten deutlich gegen den scheidenden Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch positionierte - schneidet mit 74,9 Prozent deutlich schwächer ab, kommt damit aber auch noch auf ein respektables Ergebnis.

Der Moment des Abschieds - gefühlvoll

Der Biografie-Experte Gysi hat sich seine Ausführungen zu Lafontaine für den Schluss aufgehoben: Physiker, am 16. September 1943 geboren, der Vater fiel im Krieg, "Oskar war immer auf sich selbst angewiesen".

Man muss Lafontaine sehen, wenn Gysi über den "Ausnahmepolitiker" schwärmt und sagt, dass er der Linken "den Weg gewiesen" habe: Der Saarländer mag ein Mann sein, der die großen Auftritte auf Marktplätzen genießt, der poltern, ätzen, toben, sich in Rage reden kann - der Moment des Abschieds geht ihm nah. Dafür hat er keine eingeübte Geste wie den in die Luft stechenden Zeigefinger auf dem Redepodest. Mal zupft er also an seinem Sakko, mal schaut er von seinem Platz aus auf den Boden, die meiste Zeit kritzelt er mit einem Kugelschreiber auf einer Zeitungsseite herum.

"Vielen Dank für diesen gefühlvollen Abschied", sagt er dann. Es wirkt wie eine Erlösung für ihn. "Macht's gut. Macht's besser", sagt er dann und stellt sich noch einmal mit Bisky für ein Foto zusammen. Das war es also für ihn.

Es ist kein normaler Parteitag für die Linken, sondern eine Zäsur: Lafontaine galt bei den Genossen bisher als der entscheidende Faktor für den Erfolg der 2007 aus Linkspartei.PDS und Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) geformten Linken.

Viele Genossen fragen sich deshalb, wie es ohne Lafontaine weitergehen wird - und etliche wünschen sich, dass er auch ohne Spitzenamt eine wichtige Stimme in der Linken sein wird. "Die politische Figur Lafontaine bleibt auch in Zukunft wichtig", sagt etwa Wolfgang Zimmermann, Chef der Genossen in Nordrhein-Westfalen. Dagmar Enkelmann, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken im Bundestag, formuliert es so: "Oskar als graue Eminenz der Linken mit klaren Botschaften ohne die Zwänge des Spitzenamtes, das wäre doch was."

Auftakt der Ritterfestspiele - ohne Lafontaine

Der Abschied von Lafontaine beginnt damit, dass sein Sitzplatz in Rostock zunächst leer bleibt. Eröffnungsrede, Grußworte, die Wahl der Tagesleitung, diese ganze Parteitagskleinklein ist offenbar nichts für den 66-jährigen Saarländer an diesem Tag. Er sitzt dort auch noch nicht, als am Morgen die merkwürdige Fanfare ertönt. Sie klingt wie zum Auftakt von Ritterfestspielen.

Ein paar Stunden später allerdings zeigt Lafontaine den Genossen noch einmal seine Präsenz und sein rhetorisches Talent. Rund 40 Minuten steht er zum letzten Mal als Parteichef auf der Bühne. Es soll nicht noch einmal eine Rede werde, die im lauen Pflichtapplaus untergeht wie 2008 in Cottbus, als Lafontaine überraschend vom Manuskript ablas.

Frei spricht Lafontaine an diesem Samstag, und seine Sätze sitzen, dass ihn die Parteifreunde noch einmal feiern. Für eine Rede, wie er sie auch auf einem Marktplatz hätte halten können. Laut, offensiv, provozierend. Die Demokratie in Zeiten der Finanzkrise: "erledigt". Die Regierungen und Parlamente: "nur noch Marionetten der internationalen Finanzmärkte". Die Protagonisten der früheren rot-grünen Bundesregierung: "haben den Haien den Teppich ausgelegt". Die Linke: "die einzige Anti-Kriegspartei Deutschlands".

Seine Partei sei zu einer rot-rot-grünen Regierung in Nordrhein-Westfalen bereit, betont Lafontaine, "wenn der Sozialabbau verbindlich im Bundesrat gestoppt wird." Lafontaine gibt seinen Nachfolgern noch eine Empfehlung auf den Weg. Sie lässt sich nur so verstehen, die Linke auch in Zukunft scharf und weitgehend kompromisslos von der politischen Konkurrenz abzugrenzen: "Eine erfolgreiche Strategie wechselt man niemals aus."

"Es tat mir damals weh, es tut mir auch heute weh"

Eben diese Strategie ist in der Linken nicht unumstritten, das deutet sich auch in Rostock an, die bevorstehende Debatte über das Parteiprogramm wird den Konflikt wohl noch verschärfen. Man müsse auch über Koalitionsperspektiven nachdenken, sagt etwa der Bundestagsabgeordnete Jan Korte, der zum Realo-Kreis der Partei gehört und sich für rot-rot-grüne Bündnisse stark macht. Zwar hat Korte einen Erfolg in Rostock, weil er den Leitantrag des Parteivorstands an einer Stelle korrigieren kann. So wird in den Text auch die Passage aufgenommen, dass es der Linken künftig auch um einen "gesellschaftlichen Diskurs zwischen den Parteien" gehe - aber die Skeptiker melden sich in Rostock auch zu Wort. Es gehe nicht darum, "Kompromissangebote auszuloten", sondern darum "Widerstand zu mobilisieren", sagt etwa Lucia Schell.

Versöhnlich äußert sich Gysi über Dietmar Bartsch, der in Rostock nicht mehr für das Amt des Bundesgeschäftsführers kandidierte - Lafontaine dagegen erwähnte Bartsch bei seinen Dankesreden mit keinem Wort. Gysi sagt unter dem Applaus der Delegierten, er werde auch in Zukunft "eine wichtige Rolle in der Partei spielen". Anfang des Jahres war Gysi in aller Schärfe von seinem langjährigen ostdeutschen Weggefährten abgerückt und hatte ihm auf einer Parteiveranstaltung in Berlin Illoyalität gegenüber Lafontaine vorgeworfen. Es war eine heftige Abrechnung, Bartsch verzichtete als Konsequenz auf eine erneute Kandidatur. Gysi hatte sich damit viel Empörung gerade bei ostdeutschen Genossen ausgelöst.

"Es tat mir damals weh, es tut mir auch heute weh", sagt Gysi in Rostock. An seinen "Gefühlen für Freundschaft" habe dies nichts geändert. "Wir brauchen uns gegenseitig." Es gibt dafür viel Applaus in Rostock. Und Bartsch wirkt sichtlich erleichtert. Er dankt in einer kurzen Rede. "Das war es noch lange nicht", sagt er zum Schluss. Eine Ansage, dass der Fraktionsvize in Zukunft weiter in der Partei mitmischen will.

Es wird die Aufgabe von Lötzsch und Ernst, die rivalisierenden Lager von Fundamentaloppositionellen und Reformpolitikern zusammenzuführen. Am Samstag betonen die beiden in jedem Interview, dass die Partei nur als Ganzes Erfolg haben könne und nicht mit ihren einzelnen Strömungen und Flügeln. Es wird eine Herausforderung, das ahnen die Genossen.

Draußen im Foyer liegen Bilder vom Vereinigungsparteitag von Linkspartei.PDS und WASG im Juni 2007: Bisky und Lafontaine lächeln und halten Blumensträuße, das Foto gibt es für einen Euro im Format DIN A5 - die wirkliche Vereinigung steht noch aus.

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Die neuesten Beiträge:
10.08.2010 von rennus:

Das stimmt, das HO-Brot war nahrhaft. Ich weiss heute noch nicht wie die roten Socken das hingebekommen haben. Sie haben aber eine ganz, ganz schlimme Kindheit erlebt. Da *mussten* Sie zu den "Jungen Pionieren" [...] mehr...

10.08.2010 von Morotti: Das hätten Sie früher erkennen müssen.........

Ach, als Gewerkschafter ein Pfundskerl, und als Parteivorsitzender ein Sche.........rl. Liegt aber am Wähler, das er dies nicht erkennt, also letztendlich an Ihnen. mehr...

09.08.2010 von axstein: Erst informieren,d

[QUOTE=klauss53;6002708...Daß die heutigen Medien auch einen sehr gleichgeschalteten vermitteln ist aber doch auch Fakt. Das war doch bei der Bejubelung des völkerrechtswidrigen Krieges gegen Jugoslawien so und ging bis zur [...] mehr...

09.08.2010 von klauss53:

Naja, z.Z. natürlich nicht, da sind sie ja in der Opposition. Als sie noch in Regierungsverantwortung waren, gaben sie das auch laufend von sich. Kann mich noch sehr gut daran erinnern, ist mir jetzt aber zu mühevoll das [...] mehr...

09.08.2010 von maan: Eklig!

Von Rot-Grün habe ich den Spruch eher nie gehört. Sie sollten schon etwas differenzierter betrachten. Ihr Versuch, dort eine gemeinsame Front zu schaffen nach dem Motto: "Wo wir nicht sind, ist der Feind." entspricht [...] mehr...

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