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04.06.2010
 

Kandidat für Bellevue

Gezähmter Wulff im goldenen Käfig

Von Gerd Langguth

Bundespräsidenten-Kandidat Wulff: Er wollte es werdenZur Großansicht
AFP

Bundespräsidenten-Kandidat Wulff: Er wollte es werden

Selten hat Angela Merkel so überrascht wie mit der Nominierung von Christian Wulff. Ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten hat die CDU-Chefin buchstäblich aus dem Hut gezaubert. Das Verfahren war unglücklich, doch die Nominierung hat für Merkel auch Vorteile.

Angela Merkel muss für die Nominierung von Christian Wulff zum Präsidentschaftskandidaten viel Kritik einstecken. Von den Medien, von der Opposition, selbst aus den eigenen Reihen.

Dabei liegen die Vorteile für sie auf der Hand: Zum einen hat sie mit dem katholischen Juristen aus Osnabrück einen respektablen Kandidaten gefunden, die Protestantin Merkel balanciert dadurch die Staatsspitze konfessionell aus.

Wichtiger noch für Merkel: Mit Wulffs Einzug ins Schloss Bellevue würde ihr letzter parteiinterner Konkurrent von Gewicht neutralisiert.

Roland Koch hat sich selbst aus dem Verkehr gezogen. Jürgen Rüttgers hat nach dem blamablen Wahlergebnis in NRW politisch an Kraft verloren. Die übrigen Ministerpräsidenten kommen mangels Gewicht als Konkurrenten Merkels nicht in Betracht. Wulff war der letzte echte Gegenpol.

Dabei war vor seiner Nominierung Ursula von der Leyen tagelang die heißgehandelte Kandidatin und der Liebling fast aller Medien. Nur haben die Beobachter vergessen, dass die formale Entscheidung allein drei Personen zu treffen hatten: die Parteivorsitzenden Angela Merkel, Horst Seehofer und Guido Westerwelle.

Doch warum soll es nun Wulff werden? Gab es wirklich einen Machtkampf hinter den Kulissen? Wollte Merkel wirklich Ursula von der Leyen zur neuen Präsidentin machen und scheiterte mit dem Plan?

Zweifellos wäre Ursula von der Leyen gerne Bundespräsidentin geworden. Schon 2004 war sie deswegen mit Merkel im Gespräch - und hatte sich Hoffnung gemacht. Beide Politikerinnen verstehen sich sehr gut. Das Argument, zwei Frauen an der Staatsspitze wäre ein nicht vermittelbarer "Ladies Overkill", wird von Merkel sicher nicht geteilt. Und dennoch ist nicht gesichert, ob Merkel von der Leyen jetzt überhaupt gefragt oder ihre Unterstützung zugesagt hat.


Wahrscheinlicher ist, dass Merkel Christian Wulff schon sehr früh in ihre Überlegungen einbezogen hat. Ihr Personalfindungsstil ist es aber, sich erst möglichst spät endgültig festzulegen. Es war daher wahrscheinlich nicht die Kanzlerin, die den Namen Ursula von der Leyen in die Medien gebracht hat. Manche haben den Vorschlag dennoch für so überzeugend und plausibel gehalten, dass der Niedersachse Wulff schlicht im Schatten der Niedersächsin von der Leyen verschwand.

Allerdings muss sich Merkel jetzt fragen, ob sie die öffentliche Spekulationen über von der Leyen früher hätte stoppen müssen - auch zum Schutze ihrer Arbeitsministerin, die sich ja Hoffnungen gemacht haben muss. Sonst hätte sie von sich aus in den Medien erklärt, dass sie nicht zur Verfügung stünde.

Die Rache des "Anden-Pakts"? Sicher nicht

Die Idee, dass sich bei Wulffs Kür die konservativen Kräfte gegen die Parteichefin durchgesetzt haben, ist jedenfalls schwer zu belegen. Sicher trifft es zu, dass es in der Union auch Kritik aus katholisch-fundamentaler Richtung an der Familienpolitik von der Leyens gibt. Das aber kann nicht der entscheidende Grund gewesen sein, warum die Ministerin aus dem Rennen geworfen wurde. Wer außerdem weiß, dass die Ministerpräsidenten untereinander ein Verhältnis der Konkurrenz pflegen, wird eine geschlossene Abwehrfront der Landesfürsten zu Lasten von der Leyens und zugunsten von Wulff kaum bestätigen können.

Das gilt auch für den Anden-Pakt - jener unionsinternen Seilschaft, der auch Roland Koch, Günther Oettinger, Peter Müller und eben Christian Wulff angehören. Eine Gefahr für Merkel geht von diesem Kreis deshalb nicht aus, weil die Interessen der Mitglieder auch im Verhältnis zu ihr ziemlich unterschiedlich sind. SPD-Chef Sigmar Gabriel liegt daher falsch, wenn er Wulffs Nominierung als Gegenschlag des Anden-Pakts interpretiert. Das Argument einer Verschwörung gegen die CDU-Chefin geht an der Realität vorbei.

Denn Merkel hätte Wulff verhindern und stattdessen von der Leyen nominieren können - wenn sie es wirklich gewollt hätte. Ihr wäre dabei der enorme Zeitdruck zugutegekommen, da innerhalb weniger Tage, und das noch vor der am Sonntag beginnenden Klausurtagung des Kabinetts in Meseberg, entschieden werden musste.

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insgesamt 2689 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.07.2010 von axstein: Begriffstutzige Linke

Blamiert hat sich eigentlich Die Linke. Sie hat durch ihr unkluges Verhalten hinlänglich bewiesen, dass sie bundespolitisch ein absolut unsicherer Kantonist ist: 1. Durch Aufstellung und Wahl einer eigenen [...] mehr...

01.07.2010 von frank314: Christian Wulff ist der geeignete Bundespräsident.

Warum? Der Pfarrer Gauck hat keine großen analytischen Fähigkeiten gezeigt, sonst hätte er von einer Nominierung Abstand genommen. Er wurde von der SPD in den uralten ideologischen Streit zwischen Sozialdemokratie und [...] mehr...

01.07.2010 von Spessartplato:

Mit oder ohne Staatsexamen? mehr...

01.07.2010 von Henry Klack: Genauso darf sich eine Demokratie....

...blamieren. Der richtige Mann wäre Gauck gewesen. Aber die Bürgervormünder hatten anders entschieden. Es ist schon eigenartig, Deutsche gehen wahnsinnig gerne zu ihrem eigenen Metzger. mehr...

01.07.2010 von klauss53:

Da wird der Wulff halt mit leben müssen. Schätze aber, das kriegt er hin. mehr...

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Zum Autor

DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestages und des CDU-Parteivorstandes. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland. Eine Biografie über Horst Köhler veröffentlichte er 2007.


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Der Nachfolger von Bundespräsident Horst Köhler wird am 30. Juni gewählt. In Artikel 54 Absatz 4 des Grundgesetzes ist festgehalten, dass die Bundesversammlung bei vorzeitiger Beendigung einer Amtszeit des Bundespräsidenten spätestens 30 Tage nach diesem Zeitpunkt zur Wahl zusammentritt.

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