ThemaDie Spar-DebatteRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.06.2010
 

Klausur im Kanzleramt

Merkel schwört Kabinett auf harten Sparkurs ein

Merkel mit Westerwelle im Kanzleramt: "Wichtige Weichen" stellenZur Großansicht
ddp

Merkel mit Westerwelle im Kanzleramt: "Wichtige Weichen" stellen

"Wichtige Weichen stellen", "Kehrtwende schaffen", "Kurs ändern": Die Regierung ist mit markigen Worten in ihre Klausur im Kanzleramt gestartet. Viele Milliarden Euro müssen im kommenden Jahr eingespart werden - jetzt verhandelt Schwarz-Gelb, wo und wie gestrichen wird.

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erhofft sich von der Sparklausur des Kabinetts, dass "wichtige Weichen" für die kommenden Jahre gestellt werden. "Was uns leitet, ist eine Politik zu gestalten, die auf Wachstum setzt, die auf Zukunft setzt, und eine Politik zu gestalten, die den Menschen Arbeit bringt und die Rahmenbedingungen für Arbeit besser macht", sagte Merkel am Sonntagnachmittag vor Beginn der zweitägigen Sparklausur des Bundeskabinetts in Berlin. Es gehe dabei auch darum, Instrumente der Sozialpolitik "effizienter zu gestalten". Bildung und Forschung blieben für die Regierung die Schwerpunkte: Forschungsministerin Schavan kann mit zwölf Milliarden Euro zusätzlich rechnen.

FDP-Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle sagte: "Ein Land kann nicht über seine eigenen Verhältnisse leben." Jetzt sei eine "Zeit des Sparens", die Staatsausgaben müssten diszipliniert werden, so dass eine "wirkliche Kehrtwende", eine Änderung des Kurses gelingen könne. Wenn man mit dem Geld nicht auskomme, müsse man die Ausgaben kürzen, das sei auch beim Staatshaushalt so. Schlechte Umfragewerte fürchte er nicht. "Freibier für alle macht beliebt, aber dann fährt der Karren vor die Wand", so Westerwelle.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) unterstrich, die größte Sorge der Bürger sei, dass die öffentlichen Defizite ins Unermessliche steigen. Diesen Ängsten müsse man begegnen.

Mittelfristige Finanzplanung

Die Sparklausur befasst sich mit den Eckpunkten für den Bundeshaushalt 2011 und die mittelfristige Finanzplanung. Der Haushalt 2011 soll am 7. Juli im Kabinett endgültig beschlossen werden. Am Montag wollen die Koalitionäre die Ergebnisse ihrer Klausur bekanntgeben.

Die Haushaltslage ist kritisch - aber nicht so kritisch, wie bislang angenommen wurde. Schäuble konnte leichte Entwarnung geben: Denn der Haushalt profitiert von der Euro-Krise. Weil Anleger in sichere deutsche Staatsanleihen flüchten, sinken die Zinsen - und somit auch der Aufwand für den Bund.

Das strukturelle Defizit beläuft sich nicht mehr auf 70 Milliarden Euro, wie bisher berechnet worden war, sondern nun nur noch auf 60 Milliarden. Statt zehn Milliarden Euro muss der Finanzminister also jährlich nur 8,3 Milliarden einsparen.

Ungeheure Summe

Das ist natürlich immer noch eine ungeheure Summe, Widerstand gegen den Sparkurs ist programmiert - auch aus den Reihen der Koalition. Sollen neue Steuern erhoben werden, wie die CSU vorgeschlagen hat? Merkel hat diesen Vorstoß bereits vor Beginn der Klausur indirekt zurückgewiesen. "Wir müssen einen Kurs fahren, bei dem klar wird, wir geben nur das aus, was wir eingenommen haben", sagte die Kanzlerin. Allerdings schloss Merkel eine Anhebung von Steuern dem Vernehmen nach nicht gänzlich aus.

Ganz im Gegensatz zur FDP. Die Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger machte erneut deutlich, was sie von Steuererhöhungen hält: nichts. Der "Bild am Sonntag" sagte sie: "Mit der FDP wird es weder höhere Einkommensteuern, höhere Mehrwertsteuern oder einen erhöhten Soli geben. Das kann sich die Union abschminken. Es muss endlich gespart werden."

Mehrere CDU-Politiker hatten sich zuvor dafür starkgemacht, das Haushaltsdefizit auch mit Hilfe von Steuererhöhungen aufzufangen, im Gespräch war, die verminderten Mehrwertsteuersätze in einigen Bereichen abzuschaffen oder die Tabaksteuer anzuheben. Und CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich forderte, über einen höheren Steuersatz für Bezieher deutlich überdurchschnittlicher Einkommen nachzudenken.

Auf Sparmaßnahmen verständigt

Bereits vor Beginn der Klausur im Kanzleramt hat sich die Regierung nach SPIEGEL-Informationen auf eine Reihe von Maßnahmen zum Sparen und zur Einnahmenverbesserung verständigt:

  • Mehr als 400 Millionen Euro sollen eingespart werden, die der Bund für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses zuschießen sollte. Das Projekt könne erst realisiert werden, wenn die Bundesfinanzen saniert sind, heißt es in der Regierung.
  • 800 Millionen Euro sollen vom nächsten Jahr an bei den Verwaltungsausgaben des Bundes gekürzt werden. Erreicht werden soll dies durch den Abbau von 15.000 Stellen in der Bundesverwaltung bis 2014.
  • 500 Millionen Euro soll Familienministerin Kristina Schröder (CDU) beim Elterngeld einsparen. Einschnitte bei Sozialleistungen sind also nicht mehr tabu.
  • Zwei Milliarden Euro sollen allein dadurch gespart werden, dass die Bundesagentur für Arbeit Leistungen an Arbeitslose künftig vermehrt nach eigenem Ermessen verteilen kann und nicht mehr durch gesetzliche Vorgaben gebunden sein wird. Im Jahr 2014 könnte diese Maßnahme dann schon sechs Milliarden Euro oder mehr bringen.
  • Die für das kommende Jahr geplante Besoldungserhöhung für Bundesbeamte soll ausfallen.
  • Unternehmen, die zurzeit bei der Ökosteuer begünstigt sind, sollen in Zukunft mehr zahlen. Verschont bleiben dabei Firmen, die im internationalen Wettbewerb stehen.
  • Die Bahn soll einen Beitrag zur Gesundung der Staatsfinanzen leisten. Sie soll künftig jährlich eine Dividende von 500 Millionen Euro an den Bund abliefern.
  • Als Gegenleistung für die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken sollen deren Betreiber künftig eine Brennelementesteuer entrichten. Sie wird ein Aufkommen von 2,5 Milliarden Euro im Jahr haben.

Kein Elterngeld für Harz-IV-Empfänger mehr

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa soll das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger gestrichen werden. Ihr Grundbedarf sei bereits durch die Regelsätze der staatlichen Hilfen und durch Zusatzleistungen gesichert, hieß es. Auch der Rentenversicherungsbeitragssatz für Hartz-IV-Empfänger soll entfallen. Die Bemessungsgrundlage zur Berechnung des Elterngelds könnte von derzeit 2700 auf 1800 Euro zurückgenommen werden.

Wegfallen soll auch der Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger, weil sich die Energiekosten inzwischen wieder normalisiert hätten. Auch die Wohnungsbauprämie in Höhe von 45 Euro bei Alleinstehenden und 90 Euro pro Jahr bei Ehegatten soll auslaufen. Begründet wird das mit den derzeit extrem niedrigen Zinskosten.

Die Bundesregierung will mit der Streichaktion sowie anderen Sparmaßnahmen und zusätzlichen Einnahmen etwa von der Atomindustrie und durch eine Bankenabgabe die Sanierung des Haushalts erreichen. Spätestens 2013 will sie damit wieder die Euro-Defizitkriterien einhalten.

jdl/dpa

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 3312 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.01.2011 von DiKi: Wie kann die Politik sparen,ohne die Konjunktur abzuwürgen?

Lieber Münchener,wenn Sie einen Vergleich zwischen Schröder und Merkel anstellen,dann sollten Sie aber nicht nur das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergleichen! Wie sieht es denn z.B.mit den Arbeitslosenzahlen in der Ära [...] mehr...

14.01.2011 von Knippi2006:

Nun, China hat sein 500 Mrd. Konjunkturprogramm leider erst nach der OECD-Prognose aufgelegt. Das zumindest fehlte der OECD. Im übrigen sind Prognosen hinsichtlich wirtschaftlicher Entwicklung über längere Zeiträume ohnehin [...] mehr...

14.01.2011 von syramon:

Hier sollte man sich keine Illusionen machen, Politiker sparen nicht, sie geben aus. Da D. keine Direktdemokratie ist, wo der Bürger der Politik Fesseln anlegen kann, z.B. mittels eines Schuldenstopps festgeschrieben in der [...] mehr...

14.01.2011 von Palmstroem: Merkels Wirtschaftswunder

Wenn man die OECD-Prognose für 2010 betrachtet, war die Tigerente doch wirklich Klasse! *OECD erwartet für Deutschland 700.000 mehr Arbeitslose* Der von der Finanzkrise verursachte Konjunktureinbruch wird nach Meinung der [...] mehr...

14.01.2011 von Knippi2006:

Na Palmstroem, wieder zu viel Prozac geschluckt und vergessen die rosarote Brille abzunehmen? Wirtschaftswachstum von 3,6 % in 2010 ein Rekordwachstum? Ja, nachdem das BIP in 2009 um – 4,7 % geschrumpft ist, ist das [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Die Spar-Debatte

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Leseraufruf

DPA
Ganz Deutschland spricht vom Sparen. Städte und Gemeinden setzen überall den Rotstift an, um die Löcher in den Haushalten zu stopfen. Aber wird auch sinnvoll gestrichen? Oder eher sinnlos gekürzt? Schicken Sie Ihre skurrilsten Erfahrungen an sparen@spiegel.de. Betreff: Rotstift.

Mit der Einsendung bestätigen Sie, dass Sie einer honorarfreien Veröffentlichung zustimmen.

Hintergrund: Die neue Föderalismusreform

Neue Schuldengrenzen

Bund und Länder wollen im Grundgesetz Obergrenzen für Neuschulden festsetzen. Grundsätzlich steht für beide das Ziel im Vordergrund, von 2020 an keine neuen Kredite mehr aufzunehmen. Für die Länder gilt ab diesem Zeitpunkt ein striktes Neuverschuldungsverbot. Für den Bund soll zwar von 2011 an eine Obergrenze der Neuverschuldung von 0,35 Prozent festgesetzt werden, er räumt sich aber dafür bis 2016 eine Übergangsfrist ein. In Konjunkturkrisen und Notsituationen wie Naturkatastrophen sind unter strengen Bedingungen, die noch nicht abschließend geklärt sind, Ausnahmen möglich. In wirtschaftlich guten Jahren müssen Rücklagen gebildet oder Schulden getilgt werden.

Hilfe für ärmere Länder

Frühwarnsystem

Verwaltungs- und Steuerreformen

Offene Streitfragen





TOP



TOP