Von Florian Gathmann und Veit Medick
Berlin/Düsseldorf - Mehr als siebeneinhalb Stunden sprachen sie miteinander. Länger als erwartet. Danach stand fest, dass das erste Sondierungstreffen von SPD, Grünen und FDP in Nordrhein-Westfalen kein Fiasko war - es wird ein weiteres Gespräch geben. Am Donnerstag.
Kommt es am Ende doch noch zur rot-gelb-grünen Koalition, zum Machtwechsel von CDU zu SPD im einwohnerstärksten Bundesland? Die Ampel blinkt immerhin, so könnte man es nach dem stundenlangen Treffen am Dienstag ausdrücken. Gut, fair und ernsthaft seien die Gespräche gewesen, verkündeten Vertreter aller drei Parteien.
SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft sagte, die Sondierung habe sich "bisher schon gelohnt". Ob sie am Ende erfolgreich sei, "werden wir heute noch nicht bewerten können. Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf, wie das Gespräch am Donnerstag weitergeführt wird". Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann sprach von einer "ernsthaften, fairen, bisweilen auch heiteren Stimmung". FDP-Landeschef Andreas Pinkwart nannte die Sondierung "sehr sachorientiert" und "sehr fair". Er komme mit einem guten Gefühl heraus. Es sei wichtig gewesen, sich über viele Themen einmal außerhalb des Wahlkampfes auszutauschen. Die Sache bleibe aber ergebnisoffen.
Alles ist also möglich zwischen den drei Parteien - und das ist mehr, als viele Sozialdemokraten und Grüne im nordrhein-westfälischen Koalitionspoker zuletzt erwartet hatten.
Raus aus dem Machtbereich der Union
Eine Ampel-Koalition mit den Liberalen schien ihnen noch vor wenigen Tagen so wahrscheinlich wie ein Sieg Nordkoreas bei der Fußball-WM. Nach minimalen Öffnungsbewegungen hatte die FDP ein solches Bündnis erst ausgeschlossen, mehrmals schwankte sie dann zwischen Gesprächsbereitschaft und Totalblockade. Vom Machtkampf zwischen Landesparteichef Pinkwart und Landtagsfraktionschef Gerhard Papke - einem alten Grünen-Gegner - war die Rede. Dass die Liberalen jetzt doch sondieren, ist ein wichtiger Schritt.
Dafür spricht aus ihrer Sicht: Regieren ist verlockender als Opponieren. Und strategisch wäre ein Ampel-Bündnis ein erster Schritt heraus aus dem Machtbereich der Union. Vor allem Bundesvize Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und jüngere FDP-Politiker plädieren seit längerem für alternative Koalitionen. In Nordrhein-Westfalen ist es der Parteinachwuchs um Generalsekretär Joachim Stamp, der den Gesprächsfaden zu SPD und Grünen hielt.
Und doch wäre es immer noch überraschend, sollten die Liberalen am Ende tatsächlich in eine Koalition einwilligen. Hinter ihrer Gesprächsbereitschaft steht zunächst nicht mehr als eine erste Lockerungsübung. Raus aus der Schmollecke - das scheint die Parole. Pinkwarts Parole für die Gespräche: "sehr offen, sehr konstruktiv und sehr sachorientiert". Dem Landesparteichef ist klar, dass die Liberalen bei einer Ampel-Koalition schnell wieder als beliebige Mehrheitsbeschaffer gelten könnten - und außerdem die Arbeit der schwarz-gelben Bundesregierung erschwert würde, weil Kraft statt CDU-Amtsinhaber Jürgen Rüttgers Ministerpräsidentin würde.
Für die SPD wäre ein rot-gelb-grünes Bündnis genau deshalb ein großes Geschenk. Die Regierungschefin zu stellen statt Juniorpartner in einer Großen Koalition zu sein, was die einzige andere realistische Machtoption wäre - das wäre ein Signal. Auch bundespolitisch. Die Sozialdemokraten wären die Gewinner einer solchen Konstellation, und darum müssen sie sich nun mühen, die verfehdeten Grünen und Liberalen zueinanderzubekommen.
Die Inhalte sind schwierig - das Persönliche ist noch schwieriger
Inhaltlich liegen die Parteien vor allem in der Schul-, Hochschul- und Energiepolitik weit auseinander. Die FDP müsse sich "ideologisch entrümpeln" - diese Botschaft schickte noch kürzlich ein Vertrauter Krafts an die Adresse der Liberalen. Aber sollten die Liberalen nicht plötzlich auf dem Bau neuer Atomkraftwerke und einer Verdopplung der Studiengebühren bestehen, dürfte es Spielraum geben; die Verlockung ist für die SPD und ihre Basis schließlich groß. Was in den Sondierungsgesprächen dazu am Dienstag besprochen wurde, drang nicht nach außen. Verraten wurde nur, dass Bildung, Arbeit und Kommunen die Themen waren und mehrere Modelle zu Studiengebühren besprochen wurden.
Viel wird in den Gesprächen aber ohnehin auf das persönliche Verhältnis zwischen den Unterhändlern der beiden kleinen Parteien ankommen. Die Grünen haben die FDP im Wahlkampf noch als marktextremistisch gebrandmarkt. Das Verhältnis beider Parteien galt als zerrüttet. Jetzt ist Abrüstung angesagt. Das Credo von Grünen-Chefin Löhrmann für die Treffen mit den Liberalen: "faire Gespräche", keine bösen Worte.
Wie ernst es der FDP wirklich ist, "das wollen wir in den Sondierungen herausfinden", sagt Sven Lehmann, Mitglied der Verhandlungsgruppe und Kandidat für den Landesparteivorsitz. Die Grünen wollen keine Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Aber sie wollen den Liberalen auch keine Begründung für einen Gesprächsabbruch liefern.
Volker Beck, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag und ebenfalls im Sondierungsteam, beschwört jedenfalls die Beweglichkeit der FDP. "Die haben doch ein hohes Eigeninteresse, deutlich zu machen, dass sie kein Wurmfortsatz der Union sind", sagte er vor dem Treffen am Dienstag.
FDP-Bundesgeneralsekretär Christian Lindner drückte es anders aus. "Egal, wie es in NRW ausgeht: Danach muss es einen Gesprächsfaden zwischen FDP und SPD/Grünen geben", ließ er am Donnerstag aus Berlin verlauten.
Der beste Gesprächsfaden bestünde zweifellos, wenn man zusammen regieren würde.
mit Material von dpa, apn und Reuters
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Sie muss nur noch ihre verschollen geglaubte sozial-liberale Ader wieder entdecken. Dann wird das in NRW schon klappen und ein Signal sein für den Bund. Die neue FDP muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die alten neoliberalen [...] mehr...
kann man verstehen. SPD wählen und bei der FDP landen, einfach herrlich. Ja, die neoliberale SPD ist jetzt auch wieder da wo sie hingehört, bei der Unternehmerpartei FDP um gemeinsam mit den Grünen gegen die Armen Politik zu [...] mehr...
hat so was der SPD Wähler gewollt? Eine SPD mit neoliberalen Grünen und FDP zusammen. Das darf doch wohl nich wahr sein. Was ist mit der Unternehmerpartei FDP los jetzt Sozis und Grüne an die Macht zu bringen. Die Arbeitnehmer [...] mehr...
Die haben knapp 7% geholt und man hätte einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung im Landtag. mehr...
nun wartet doch bitte erstmal ab, was bei den sondierungen herauskommt. Wenn man mit Hilfe der FDP 75 % der rot-grünen Agenda durchbringen kann, ist das doch wesentlich besser als eine GroKo unter schwarzer Führung, womöglich [...] mehr...
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