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15.06.2010
 

Präsidentschaftskandidat

Gauck warnt vor Rot-Rot-Grün

Joachim Gaucks Kandidatur als Bundespräsident hat so viel Begeisterung entfacht, dass er selbst erschrickt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät er seine Agenda für das höchste Staatsamt - und geht hart mit der Linkspartei ins Gericht. Obwohl er sie für die Wahl in der Bundesversammlung eigentlich braucht.

Berlin - Joachim Gauck, rot-grüner Kandidat für das Bundespräsidentenamt, spricht sich gegen eine mögliche Koalition von SPD und Grünen mit der Linken im Bund aus. "Rot-Rot-Grün wünsche ich mir nicht und kann es mir auch überhaupt nicht vorstellen", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig greift Gauck die Linke scharf an: "Der Linkspartei fehlt die programmatische Verlässlichkeit." Von führenden Linken, die seine Wahl ablehnen, grenzt sich Gauck klar ab. "Mit Herrn Gysi verbindet mich persönlich eher wenig - um nicht zu sagen, nichts." Er hoffe auf die Jüngeren in der Partei.

Sollte Gauck am 30. Juni gewählt werden, will er sich als Bundespräsident vor allem dafür einsetzen, "dass die Regierung ihre Politik besser erklärt." Beispiel Afghanistan. "Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun", sagt er.

Scharf kritisiert Gauck das Sparpaket von Schwarz-Gelb. "Ich finde es richtig zu sparen", sagt er. "Aber ich kann es nicht fair finden, dass diejenigen, die beim Sparen kaum etwas merken würden, rücksichtsvoller behandelt werden als die anderen, die es empfindlich trifft."

Lesen Sie hier das vollständige SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Joachim Gauck und sehen Sie oben im Video ein Gespräch mit SPIEGEL TV.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gauck, wie fühlt man sich als deutscher Obama?

Gauck: Dieser Vergleich ist doch abwegig.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen wir es anders: Die Kommentierung und Aufnahme ihrer Nominierung als Bundespräsidenten-Kandidat war sehr freundlich. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Gauck: Natürlich reagieren Menschen glücklich auf Zustimmung und Bejahung, auch ich. Natürlich bin ich auch überrascht, weil ich mit einer solchen Zustimmung nicht gerechnet habe.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es Ihnen nun als Bundespräsidenten-Kandidat?

Gauck: Das ist schon etwas ganz Neues für mich. Ich war ja auch zuvor sehr beschäftigt, nicht zuletzt wegen der Arbeit an meiner Biografie - und sie hat mich ausgefüllt. Der entscheidende Punkt für mich ist allerdings: So gut, wie mich meine Unterstützer nach der Nominierung als Bundespräsidenten-Kandidat machen, bin ich vielleicht gar nicht. Diese Hoffnungen, die sich im Internet und anderswo ausdrücken - die kann ein Einzelner gar nicht einlösen. Die Welle hat mich fast ein bisschen erschreckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also keine positiven Schlagzeilen mehr?

Gauck: Natürlich will ich die. Aber ich stelle mir folgende Frage: Woher kommt die Begeisterung über meine Nominierung? Ich kenne die meisten meiner Unterstützer gar nicht. Mein Sohn hat mich neulich gefragt, wann ich eigentlich Kontakt zu der Szene im Internet hatte - ich habe geantwortet: Nie, ich bin nicht bei Facebook und in diesen vielen Netzwerken. Die meisten Unterstützer sind doch viel zu jung um etwas über mögliche Verdienste aus der Vergangenheit zu wissen. Andererseits ist es auch toll: Da melden sich Leute zu Wort - und sprechen sich für ihre Demokratie aus! Sie wollen an ihr Land glauben. Das ist beeindruckend und ermutigend.


SPIEGEL ONLINE: Inwieweit hilft Ihnen die aktuelle politische und wirtschaftliche Krise?

Gauck: Viele Menschen in diesem Land sind im Moment unzufrieden mit der Situation. Deshalb sind da auch rationale Gründe für den Wunsch nach einer Instanz, die anders sein soll. Dabei ist ja das Interessante: Der Bundespräsident ist nun wirklich keine Machtinstanz. Aber unsere Gesellschaft will sich nicht nur über die Ratio des Parteienstaats definieren. Die Bürger suchen nach einer umfassenderen, tiefer begründeten Haltung zu unserem Land.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, warum Kanzlerin Merkel Sie nicht als gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition akzeptieren wollte?

Gauck: Ich bin ja kein politischer Romantiker. Natürlich kann ich mir die Beweggründe für ihre Entscheidung erklären, die Zwänge einer Kanzlerin und Parteichefin liegen mir klar vor Augen. Was da alles auszugleichen ist! Die Suche nach dem inneren Ausgleich innerhalb der Koalition wird wohl handlungsleitend gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel hat nachgewiesenermaßen eine hohe Meinung von Ihnen.

Gauck: Das wird hoffentlich auch so bleiben. Ich habe keinen Grund, an der Wertschätzung von Frau Merkel zu zweifeln. Und ich weiß, dass man im schwarz-gelben Lager viele Sympathien für mich hegt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Kanzlerin Ihnen zur Nominierung gratuliert?

Gauck: Nein. Es gab keinen Kontakt zwischen uns. Aber das ist aus ihrer Sicht doch völlig nachvollziehbar. Und die Situation ist ja nun eine ganz andere als rund um meinen 70. Geburtstag im Januar, als sie diese tolle Laudatio auf mich hielt.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie es verstehen, wenn die Kanzlerin Sie als Verräter sehen würde?

Gauck: Ach, der Verratsvorwurf trifft doch schon deshalb nicht, weil Frau Merkel in Kenntnis davon gesetzt wurde, dass die Opposition mich als gemeinsamen Kandidaten vorschlägt.

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insgesamt 2758 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.06.2010 von sysop:

Liebe Forums-Teilnehmer, bitte diskutieren Sie die Kandidatur von Joachim Gauck in unserem neuen Forum 'Joachim Gauck - soll er Präsident werden?' unter der URL http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=17339. Danke sysop mehr...

24.06.2010 von dummermensch:

Das ist u.a. der Stil in der deutschen Presse, der Horst Köhler zum Rücktritt veranlaßt hat. Respektlosigkeit ist Trumpf, die beginnt bei den Kindern gegenüber den Eltern, den Schüler gegenüber den Lehrern, den Azubis [...] mehr...

24.06.2010 von suddendeath_1978: ....

Man kann halt nur hoffen, dass sich dieses Schweigen im Falle von Mitgliedern der Bundesversammlung in der ein oder anderen Enthaltung entlädt. Das der Gabriel den Gauck gut findet, okay. Er kann halt nicht anders. Jetzt [...] mehr...

24.06.2010 von tollhans: Mal ehrlich

Täusche ich mich, oder weichen die Pro-Gauck-Testimonials aus dem rot-grünen Lager mehr und mehr betretenem Schweigen? Man ahnt wohl, was für ein Kuckucksei man da ausbrütet. Soll wirklich Gauck Präsident werden, nur weil Wulff [...] mehr...

24.06.2010 von Berg:

Diese Zeitung lese ich nicht. Ihnen zuliebe kopiere ich aus www.bild.de: "Mitten im Wahlkampf dieser schreckliche Unfall! Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck (70) geschockt!" Zufrieden? mehr...

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Zur Person

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Joachim Gauck, Jahrgang 1940, tritt bei der Bundespräsidentenwahl 2010 als Kandidat von SPD und Grünen an. Der studierte Theologe erlangte während der Wendezeit 1989 als Bürgerrechtler Bekanntheit. In den Jahren danach machte er sich als Stasi-Aufklärer einen Namen.

Der evangelische Pfarrer fiel in der DDR durch kritische Predigten auf und gehörte zu den Mitbegründern und führenden Persönlichkeiten des Rostocker Neuen Forums.

Im Jahr 1990 schaffte Gauck den Einzug in die erste frei gewählte Volkskammer. Nur wenige Monate später wurde er Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, die bis zu seiner Ablösung im Jahr 2000 "Gauck-Behörde" genannt wurde.

Gauck bezeichnet sich selbst als "Demokratielehrer" und ist Vorsitzender des 1993 gegründeten Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie", der sich unter anderem der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der DDR-Geschichte widmet. Mehr über Joachim Gauck auf der Themenseite...

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Der deutsche Bundespräsident

Das Amt

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Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.

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